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US-WahlenEine Mikrobe könnte Trump besiegen

Verliert Donald Trump die US-Wahl, wird ihn Covid-19 bezwungen haben. Sein Versagen in der Corona-Krise hätte ihn die Wiederwahl gekostet.

«Uns geht es prima»: US-Präsident Donald Trump auf dem Weg ins Spital am 2. Oktober 2020, nachdem er positiv auf Covid-19 getestet wurde. Letzten Freitag verzeichneten die Staaten 80’000 Neuansteckungen.
«Uns geht es prima»: US-Präsident Donald Trump auf dem Weg ins Spital am 2. Oktober 2020, nachdem er positiv auf Covid-19 getestet wurde. Letzten Freitag verzeichneten die Staaten 80’000 Neuansteckungen.
Foto: Alex Brandon (AP/Keystone)

Zieht die Götterdämmerung über Donald Trumps Präsidentschaft herauf? Oder wird es Anfang November wie 2016 einen neuerlichen Sensationssieg des Präsidenten geben? Falls er verliert, würde dieser eigenartigste Präsident der amerikanischen Geschichte nicht gehen müssen, weil er seit seinem Amtsantritt nachweislich fast 25’000-mal die Unwahrheit gesagt hat. Er müsste nicht auf eine zweite Amtszeit verzichten, weil er die amerikanische Demokratie mehr bedroht hat als jeder Präsident vor ihm.

Auch ginge er nicht unter, weil seine Präsidentschaft oft einem Zirkus gleicht, in dessen Manege er als Clown und Dompteur, Ansager und Akrobat wirkt. Wenn Trump verliert, dann wegen des Coronavirus. Eine Mikrobe hätte ihn zu Fall gebracht, weil eine Wählermehrheit genug gehabt hätte von Trumps virologischem Geschwätz.

Die Pandemie kümmert nicht, was der Präsident fabuliert.

Wie etwa am Samstag, als der Präsident die Pandemie auf einer Wahlveranstaltung in North Carolina kurz und klein redete. «Uns geht es prima, wir sind aus der Talsohle heraus, unsere Zahlen sind unglaublich», prahlte er. Tags zuvor hatte die Nation eine Rekordzahl von über 80’000 Neuansteckungen verzeichnet. Und an jenem Tag, da Trump seine Fans in North Carolina belog, infizierten sich neuerlich über 80’000 Amerikaner.

Die Pandemie kümmert nicht, was der Präsident fabuliert. In Staaten wie Wisconsin und Utah droht sie ausser Kontrolle zu geraten. Experten schwören die Amerikaner vorsichtshalber auf einen tödlichen Winter ein. Was das Virus angehe, bewege sich das Land «in die falsche Richtung», warnte am Freitag Chef-Immunologe Anthony Fauci.

Trump indes verniedlicht und verharmlost noch immer. Er tut, als habe sich die Pandemie just in jenem Moment erledigt, da sie zu einem gefährlichen Comeback ansetzt.

Mini-Ausbruch geheim gehalten

Als der Präsident am Samstag in North Carolina seinen Fantasien frönte, war im Weissen Haus bereits bekannt geworden, dass sich mindestens fünf enge Mitarbeiter von Vizepräsident Mike Pence, darunter sein Stabschef Marc Short, angesteckt hatten. Trumps Stabschef Mark Meadows wollte die Angelegenheit offenbar geheim halten. Weil es keinen guten Eindruck macht so kurz vor dem Wahltag.

«Persönliche Informationen geben wir im Allgemeinen nicht heraus», lautete Meadows’ fadenscheinige Begründung, nachdem der Mini-Ausbruch publik geworden war. Nun absolviert Mike Pence trotz seiner engen täglichen Kontakte mit Marc Short Wahlkampfveranstaltungen, obwohl er gemäss den Richtlinien der Centers for Disease Control and Prevention eigentlich in Quarantäne müsste.

Gerechtfertigt wird dies mit der Behauptung, Pence sei wegen des Wahlkampfs ein «unverzichtbarer Arbeiter». Wie ein Arzt, ein Lokführer oder ein Angestellter im Supermarkt. Es sind solche intellektuelle Kapriolen, die Trump die Wiederwahl kosten könnten.

Alles verblasst vor Trumps Corona-Ignoranz

Womöglich haben genügend Amerikaner es satt, einem selbst ernannten Genie zu folgen, dessen Aluhut hell in der Sonne glänzt. Der ihnen seit Monaten weismachen möchte, das Virus verziehe sich nächstens. Und ihnen das Spritzen von Bleichmitteln mitsamt Sonnenlicht als Schutz gegen den Erreger empfiehlt. Der sich und andere bei seinen Wahlkampfveranstaltungen wegen fehlender Mindestabstände und Maskenpflicht gefährdet.

Wer könnte es einer Mehrheit verübeln, wenn sie einen Präsidenten loswerden möchte, der sich rühmt, durch seine vermeintlichen Heldentaten Millionen Corona-Opfer verhindert zu haben, am Ende seiner ersten Amtszeit aber mehrere Hunderttausend Tote und Millionen Infizierte zu verantworten hat? Der nie einen Plan zur Bekämpfung der Pandemie vorlegte? Alles, was Donald Trump sonst angekreidet werden könnte, verblasst dahinter. Es könnte ihn die Wahl kosten.

49 Kommentare
    Hans Minder

    A propos "Ander der Luegen zu bezichtigen:" die Uebersterblichkeit in den USA naehert sich der Normalitaet. Es ist also moeglich, dass die Angeschlagenen, die den Winter nicht mehr ueberstanden haetten (infolge Influenza), bereits im Fruehling an COVID-19 gestorben sind. Influenza infiziert jaehrlich in den USA 35 millionen. Bisher wurden 8.7 mio Covid-19 Infizierte registriert. Die USA steht demnach nicht so schlecht da, wie der Artikel dies beleuchtet und dem Praesidenten die Schuld zuschiebt.

    In der CH sieht die Situation noch besser aus: seit 1.Mai ist die Sterbesrate bei den 65+ jaehrigen entweder in der Mitte oder an der untern Grenze der zu erwartenden Todesfaelle. Fuer die Juengeren als 65 war sie gar nie ueber der Zahl der zu erwartenden Faellen, nicht einmal im Fruehling. Auch diese Statistik weist darauf hin, dass in der CH im Fruehling bereits jene Menschen verstorben sind, die den Winter aus gesundheitlichen Gruenden nicht mehr ueberstanden haetten. Eine Bilanz kann man erst ziehen, wenn das Jahr vollendet ist.

    Und a propos schlechter Strategien des Praesidenten in den USA. Momentan haben wir hier 80 000 Infizierte taeglich. Umgerechnet auf die Infektionsrate in der CH waeren es hier weit ueber 100 000.

    Sind solche Berichterstattungen ehrlich und zeigen ein Gesamtbild?