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Corona in den USAEine Harley-Party, Hunderttausende Infizierte

Kein Land hat so viele Corona-Tote zu beklagen wie die USA. Nun weist einiges darauf hin, dass ein Biker-Fest vor einem Monat wohl für ein Fünftel aller Neuinfektionen verantwortlich ist.

Eine Party, Hunderttausende Infizierte: Ein Biker-Treffen in South Dakota könnte die Corona-Infektionen rasant in die Höhe getrieben haben.
Video: Storyful/Tamedia

Die Black Hills in South Dakota sind wunderschön. Sie erheben sich aus der Prärie wie eine graugrüne Wand. Früher gehörte das Land den Sioux, dann kamen die Weissen, sie gruben nach Gold und bauten Städte. Heute kommen vor allem Touristen dorthin, um die Felswand am Mount Rushmore zu bewundern, in die die Köpfe von vier US-Präsidenten gemeisselt sind. Und jedes Jahr im August kommen die Motorradfahrer.

Seit achtzig Jahren findet in Sturgis, einem Dorf am Nordrand der Black Hills, die «Sturgis Motorcycle Rally» statt, zu der Hunderttausende Biker auf schweren Harley-Davidson-Maschinen angeknattert kommen. Sie betrinken sich in Kneipen und hören Hardrock-Bands zu. So war es auch dieses Jahr. Vom 7. bis 16. August fand die 80. Sturgis Rally statt, mehr als 460'000 Besucher kamen zu dem Treffen. Und mit dabei war auch Sars-CoV-2 – das Coronavirus.

Viele Festival-Besucher liessen sich von dem Virus nicht abhalten, die üblichen Hardrock-Konzerte zu besuchen - und zwar ohne Abstand.
Viele Festival-Besucher liessen sich von dem Virus nicht abhalten, die üblichen Hardrock-Konzerte zu besuchen - und zwar ohne Abstand.
Foto: Amy Harris (Keystone)

Fachleute hatten davor gewarnt. Dass es inmitten einer Pandemie gefährlich ist, Hunderttausende Menschen tagelang auf engem Raum miteinander feiern zu lassen, war schon vor der Rallye klar. Mundschutz, Sicherheitsabstand, regelmässiges Händewaschen – all das ist des Bikers Sache nicht. Trotzdem hatte die Regierung von South Dakota die Grossveranstaltungen erlaubt.

Sturgis bringt dem Staat Hunderte Millionen Dollar ein. Zudem ist die Gouverneurin Kristi Noem eine treue Unterstützerin von Präsident Donald Trump, der die Bedrohung durch das Virus von Beginn an kleingeredet hat – absichtlich und obwohl er die gefährliche Wahrheit kannte, wie man jetzt weiss (lesen Sie dazu den Kommentar: Donald Trumps tödliche Lüge). Trumps Abwiegeln war ein Grund, warum Noem in ihrem Staat nur sehr laxe Corona-Schutzvorschriften erlassen hat.

19 Prozent aller neuen Ansteckungsfälle, die vom 2. August bis zum 2. September in den USA registriert wurden, könnten auf die «Sturgis Motorcycle Rally» in South Dakota zurückzuführen sein.
19 Prozent aller neuen Ansteckungsfälle, die vom 2. August bis zum 2. September in den USA registriert wurden, könnten auf die «Sturgis Motorcycle Rally» in South Dakota zurückzuführen sein.
Foto: Amy Harris (Keystone)

267'000 Neuinfektionen durch Rallye

Und die Biker-Szene neigt ohnehin Trump zu. Masken? Was für Schwächlinge! So vermischten sich in Sturgis politisch motivierte Fahrlässigkeit und persönliche Nachlässigkeit zu einer riskanten Mixtur. Denn was Wissenschaftler jetzt herausgefunden haben, übertrifft alle Befürchtungen. Nach einer neuen Studie, die federführend von amerikanischen Mitarbeitern des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn und der San Diego State University erarbeitet wurde, könnte das Treffen in Sturgis eines der schlimmsten «Superspreader Events» der ganzen Pandemie gewesen sein.

Insgesamt, so die Autoren, habe die Rallye vermutlich zu fast 267'000 Neuinfektionen in den USA geführt, weil die Teilnehmer das Virus heimgebracht und dort weiterverbreitet hätten. Das seien 19 Prozent aller neuen Ansteckungsfälle, die vom 2. August bis zum 2. September im Land registriert worden seien. Das heisst: Eine Party in der Provinz war für ein Fünftel sämtlicher Neuinfektionen im August in den gesamten USA verantwortlich.

Die Studie belegt diese These auf indirektem Weg. Da es in den USA weder ein landesweites Testregime gibt noch verlässliches Contact Tracing, existieren nur lückenhafte Daten dazu, wer sich wo mit dem Virus ansteckt und es weiterschleppt. Allerdings lassen sich Infektionszusammenhänge auch über die Standortdaten von Mobiltelefonen abbilden. Sie zeigen die Reisewege von Menschen. Man kann also nachverfolgen, wie viel Personen wohin gereist sind, und diese Erkenntnisse dann mit den Daten der Gesundheitsbehörden zur Zahl der Neuinfektionen in den betroffenen Gegenden abgleichen. Diese Daten haben die Autoren der Studie ausgewertet.

Für harte Kerle ist ein Mund-Nasen-Schutz eher nichts: Szene von der diesjährigen «Sturgis Motorcycle Rally».
Für harte Kerle ist ein Mund-Nasen-Schutz eher nichts: Szene von der diesjährigen «Sturgis Motorcycle Rally».
Foto: Stephen Groves (Keystone)

Das Ergebnis: In den Landkreisen der USA, aus denen besonders viele Menschen nach Sturgis gefahren sind, sind die Infektionszahlen in den Wochen danach messbar gestiegen, zwischen 10,1 und 13,5 Prozent.

Ähnliches gilt für South Dakota. Dort stieg die Rate positiver Testergebnisse von fünf Prozent Ende Juli auf mehr als 20 Prozent Ende August. Die Studie blickt auch auf die Kosten, die durch die Neuinfektionen entstanden sein könnten. Nähme man für jede Person, die sich wegen der Sturgis-Rallye infiziert hat, durchschnittliche Behandlungskosten von 46'000 Dollar an, so die Autoren, dann käme man auf gut zwölf Milliarden Dollar. Das Fazit ist einleuchtend: «Das ist genug Geld, dass man jedem der geschätzten 462'182 Festival-Besucher 26'553,64 Dollar dafür hätte bezahlen können, nicht teilzunehmen.»

Die Antwort auf die Corona-Skeptiker: Vernissage des Buches «Lockdown» und Diskussion. Akteure und Betroffene erzählen, wie es wirklich war. Mit Marcel Salathé (Epidemiologe), Jana Siroka (Notfallärztin) Pascal Strupler (Direktor BAG) und Simone Rau (Journalistin Tamedia). Dienstag, 22. September, Türöffnung: 19.00 Uhr. Beginn 20.00 Uhr. Kaufleuten, Pelikanplatz, Zürich.