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Todesfall im Zoo ZürichEine wahre Elefantengeburt

Die Zucht der klugen Dickhäuter ist eine Wissenschaft für sich, die Geburt ein Kraftakt. Aber auch wenn sich Verwandte dann um Neugeborene kümmern, kann es zu Todesfällen kommen.

Die Elefantenkuh Farha steht neben ihrem Baby Ruwani, das vor drei Jahren problemlos im Zoo Zürich geboren wurde.
Die Elefantenkuh Farha steht neben ihrem Baby Ruwani, das vor drei Jahren problemlos im Zoo Zürich geboren wurde.
Foto: Sabina Bobst

Bis ein Elefantenbaby auf die Welt kommt, dauert es fast zwei Jahre. Plumpst es während der oft langwierigen Geburt nach ein bis zwei starken Presswehen endlich auf den Boden, versucht es schon wenige Minuten danach irgendwie aufzustehen. Von der Seite kicken das Kleine nun Tanten und grössere Geschwister, aber auch seine Oma und die erschöpfte Mutter mit den Füssen, oder sie stupsen es mit den kräftigen Rüsseln.

«Das ist ganz normal», sagt Severin Dressen, Direktor vom Zoo Zürich. Denn sie alle wollten dem Neugeborenen möglichst schnell auf die Beine helfen. Manchmal würden die Weibchen auch Sand aufschütten und es auf diese Weise nach oben schieben. Doch vergangene Woche entstand in der kleinen Vierergruppe mit der erst sechs Jahre alten und noch unerfahrenen Mutter Omysha auf einmal eine solche Dynamik, dass ihr Sohn kurz nach der Geburt totgetrampelt wurde. Die Tierpfleger konnten auch durch Rufe oder einen Wasserstrahl den Prozess nicht mehr stoppen.

Bereits vier Monate vorher gab es einen ähnlichen Vorfall in der anderen Elefantengruppe am Zürichberg. Die fünfzehnjährige Farha hatte ihr zweites Kalb zur Welt gebracht. Wie die pathologischen Untersuchungen ergaben, erlag der kleine Elefant am frühen Morgen, kurz nach seiner Geburt, seinen schweren Kopfverletzungen. Warum und weshalb, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit rekonstruieren. Denn um diese Zeit war niemand in der Nähe des Geheges, und genau an dem speziellen Ort fehlten Kameras. Dennoch liegt der Schluss nahe, dass der neugeborene Elefant wohl durch Familienmitglieder verletzt wurde.

Eine Intervention im Gehege wäre zu gefährlich

Obwohl aus dem Tod des Neugeborenen im April gelernt und anschliessend überall Kameras angebracht wurden, um etwa auch in der Nacht von zu Hause das Geschehen im Zoo beobachten zu können, passierte es nun erneut. «Wir waren dabei, intervenierten von aussen, konnten aber nicht ins Gehege», sagt Dressen. Das wäre in einer solchen Situation viel zu gefährlich, und die Elefanten sollten im Sozialverband unter sich bleiben. Beim ersten Nachwuchs dieses Jahr mit der Leitkuh Indi als erfahrener Mutter sei zum Glück alles problemlos gelaufen, und dem kleinen Umesh gehe es bestens.

Während früher bei einem Mangel an Elefanten die Tiere einfach aus Afrika oder Asien nach Europa importiert wurden, ist dies für Asiatische Elefanten seit 1976 und für Afrikanische Elefanten seit 1989 nicht mehr erlaubt. Doch für eine eigene Zucht brauchte es damals erst einmal das entsprechende Know-how. Zum Beispiel war nicht bekannt, wie lang der Zyklus einer Elefantenkuh ist und wann der Eisprung stattfindet. «Inzwischen haben wir jedoch Daten von rund vierhundert Tieren aus vierzehn europäischen Ländern», sagt Ann-Kathrin Oerke vom Elefantenservice des Hormonlabors am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. So überwachte sie zusammen mit ihrem Team aus der Ferne auch die drei aktuellen Trächtigkeiten aus dem Zürcher Zoo.

Zwei Meter zwischen Vulva und Muttermund

«Jede Woche bekommen wir Post aus der Schweiz», erzählt sie. Darin sind unter anderem auch die gut verpackten Urinproben der Zürcher Elefantenkühe, die jetzt noch weiterhin untersucht werden. Auf diese Weise lässt sich die Menge eines Stoffwechselprodukts vom Hormon Progesteron feststellen. Eine Kuh ist nur drei- bis viermal im Jahr empfängnisbereit. Nach wie vor ist es erstaunlich, wie die grauen Riesen überhaupt Nachwuchs zeugen. «Man muss sich mal die Dimensionen und auch die Anatomie der Kolosse vorstellen», sagt sie. Bei einer Elefantenkuh beträgt der Abstand zwischen Vulva und Muttermund etwa zwei Meter. So lang ist auch der Penis der Elefantenbullen, die übrigens ihre Hoden innerhalb der Leibeshöhle tragen.

Wenn eine Kuh wieder gedeckt werden soll, lassen Zoos gezielt den hauseigenen Zuchtbullen für eine gewisse Zeit zur Kuhgruppe. «Da oft auch seine eigenen Töchter dabei sind, muss man Inzucht unbedingt vermeiden», sagt Oerke. Deshalb untersuche sie jeweils auch deren Hormonspiegel. In solchen Fällen tausche man entweder den Zuchtbullen aus oder könne für die Tochter eine künstliche Besamung mit dem Sperma eines anderen Bullen in Erwägung ziehen, was aber aufwendig und teuer sei und auch nicht immer auf Anhieb klappe.

Die Geburt eines Elefanten ist ein Kraftakt sondergleichen und dauert Stunden. «Das ist mit enormen Schmerzen verbunden», sagt Oerke. Deshalb müssten insbesondere unerfahrene Mütter nach einer solchen ersten Power-Geburt erst einmal wieder herunterkommen, während andere aus der Gruppe wie etwa Tanten oder die Oma sich um das Kleine kümmerten. Um es aufzurichten, machen sich die grauen Riesen klein und schieben es normalerweise behutsam aus dem Kniestand mit ihren Köpfen an. Oder helfen ihm gemeinsam mit dem Rüssel auf.

Geburt von Omysha, Zürich 2014.
Video: Zoo Zürich

Weibliche Nachkommen bleiben bei Elefanten zeitlebens bei der Familie. Ist der Nachwuchs aber ein Sohn, verlässt er in der Natur häufig während der Pubertät seine Verwandten. Meist schliessen sich die jungen Bullen dann anderen Junggesellen an, um gemeinsam umherzustreifen, bis sie selber erwachsen sind und Nachwuchs zeugen können. «Wir brauchen deshalb auch für das europäische Zuchtprogramm solche Bachelorgruppen», sagt Oerke. Sie dürften aber nicht gleich alt sein, sonst gäbe es schnell Streit. Am besten wäre eine Zusammensetzung von der Grösse her ähnlich wie Orgelpfeifen, weil dann die Machtverhältnisse eindeutig seien. Denn die grössten und erfahrensten Tiere sind die Chefs – sie bestimmen. Und von ihnen lernen die jungen Bullen wichtiges Sozialverhalten.

Oft trauern sie gemeinsam

Die Dickhäuter sind meist keine Grobiane, sondern können innerhalb einer Gruppe auch sehr feinfühlig sein. Insbesondere die älteren Kühe merken, wenn in der Herde etwas nicht stimmt, es jemandem schlecht geht. Stirbt ein Artgenosse, trauern sie in der Wildnis oft alle gemeinsam und trösten sich gegenseitig. «Zuerst stehen sie noch lang um den Verstorbenen herum und halten inne», sagt Oerke. Alles ist still, kein Ohr, kein Schwanz zuckt mehr. Es sei verrückt, aber auch nach Jahren würden sie an den Ort zurückkehren, wo die Knochen eines Verwandten liegen würden.

Auch bei Elefanten in Gehegen lässt sich dieses Phänomen gut beobachten. «Wir haben das tote Kalb deshalb noch eine Zeit lang in der Gruppe gelassen», erklärt Dressen. Dies habe auch der jungen Mutter Omysha die Gelegenheit gegeben, sich mit der neuen Situation auseinanderzusetzen. Ähnlich sei es auch bei dem anderen Todesfall im April gewesen. Die Herde habe als Gruppe Abschied genommen, was ein wichtiger Lernprozess gewesen sei.