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Porträt über Luna Wedler Eine Zürcherin erobert Netflix

Luna Wedler ist 20 und spielt die Hauptrolle in der deutschen Serie «Biohackers». Wie zur Hölle hat sie das hingekriegt?

«Ich werde mega hässig, wenn ich höre, dass das Kino tot sein soll»: Luna Wedler (20) aus Zürich.
«Ich werde mega hässig, wenn ich höre, dass das Kino tot sein soll»: Luna Wedler (20) aus Zürich.
Foto: Keystone

Wenn man an Luna Wedler denkt, denkt man natürlich an Zehen. Genauer an ihre Figur Mia im Schweizer Spielfilm «Blue My Mind», zwischen deren Zehen nämlich bilden sich über Nacht Schwimmhäute. Mia nahm die Schere und schnitt an den Häutchen herum, es tat alles sehr weh. Aber sie konnte nichts tun, nach und nach verwandelte sich Mia in etwas anderes. Auf einmal waren überall Anzeichen einer unaufhaltbaren Entwicklung.

Das war vor drei Jahren, und nun spielt Luna Wedler die Hauptrolle in der sechsteiligen deutschen Netflix-Serie «Biohackers» von Regisseur Christian Ditter, die demnächst weltweit startet. Ihre Figur heisst wieder Mia, sie hat wieder ein Geheimnis, und was das Milieu angeht – Biologiestudenten in Freiburg im Breisgau, die das Erbgut von Pflanzen zwecks lustiger Experimente verändern oder an Genfähren herumforschen –, gibt es abermals Anleihen aus dem Genrekino, diesmal aus der Science-Fiction. Aber es gibt nicht sehr viele Szenen, die allzu unangenehm werden könnten.

«Biohackers» ist vor allem ein schmissig inszenierter Thriller über den Clash zweier ambitionierter Frauen, der Medizinstudentin Mia und der Professorin Tanja Lorenz, an der Mia Rache nehmen will, mehr sollte man dazu nicht verraten. Erzähltempo und die glatte Ästhetik schaffen es jedenfalls fast, uns glauben zu machen, dass es sich bei Freiburg um eine total sexy Universitätsstadt handelt.

Alles ohne Komplikationen

Fragt man Luna Wedler, wie so etwas funktioniert, an eine Rolle in einer Netflix-Serie zu kommen, dann klingt es wieder nach einer unaufhaltsamen Entwicklung. Agentur in Berlin, Vorsprechen, Besetzung; check, check, check. Dann noch das «Konstellations-Casting», bei dem man schaut, wer mit ihr harmoniert. Eigentlich alles ohne Komplikationen. Normaler Ablauf.

Zu Luna Wedler passt das insofern, als die Zürcherin mit 14 Jahren aus einem Impuls heraus an einem Casting teilnahm und so ihren ersten Kinofilm landete, der hiess «Amateur Teens». Sie studierte an der European Film Actor School in Zürich, hatte Hauptrollen in grösseren deutschen Kinoproduktionen, drehte jüngst an der Seite von Léa Seydoux mit der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi («On Body and Soul»).

Natürlich sei auch eine Motivation, in einer Netflix-Serie mitzuspielen, dass es das internationale Profil stärke, sagt Luna Wedler in einem Gespräch über Zoom; sie sitzt schon den ganzen Tag vor dem Bildschirm, allerdings ist sie deutlich besser ausgeleuchtet als die Journalisten. «Dadurch wird es vielleicht möglich, in England oder in den USA zu arbeiten.» Aber am Ende sei «Biohackers» einfach eine tolle Serie.

In «Biohackers» will die junge Studentin Mia (Luna Wedler) Rache nehmen an einer Professorin, und dafür muss sie deren Vertrauten Jasper um den Finger wickeln.
In «Biohackers» will die junge Studentin Mia (Luna Wedler) Rache nehmen an einer Professorin, und dafür muss sie deren Vertrauten Jasper um den Finger wickeln.
Foto: Netflix 

Streaming erlaube es ihr als Schauspielerin, viel mehr auszuprobieren, sagt Wedler. In ihrer Generation stehe Netflix auch für eine andere Art der Filmkultur, im Kino würden ihre Kollegen ja nicht besonders viele Filme aus Frankreich oder Spanien schauen, auf Netflix hingegen würden sie das schon eher tun.

Für allzu viele Serien möchte sie sich aber gar nicht verpflichten, «weil das bedeutet, dass man für längere Zeit nichts anderes macht». Kino bleibe doch der schönste Ort, um sich einen Film anzusehen, und ich «werde mega hässig, wenn ich höre, dass das Kino tot sein soll».

In «Biohackers» wird deutlich, was an Luna Wedler auch sonst auffällt: Sie ist immer irgendwie weiter als die anderen Darsteller. Während die oft einfach etwas spielen, scheint Wedler zu reflektieren, was sie spielt, sie verkrümmt die Finger und zeigt uns so die Verzweiflung ihrer Figur, aber sie zeigt uns gleichzeitig auch, dass sie sich entschieden hat, die Verzweiflung so darzustellen und nicht anders. Oder sie lächelt halb über einen Witz, der nicht gut ist, und gibt uns so zu verstehen, dass Mia den anderen etwas voraushat.

Bei Luna Wedler ist der Kopf immer dabei, auch wenn der Körper spielt, und deswegen liebt sie wohl den Kick, den die Schauspielerei ermöglicht. Weil es sie zwingt, auch mal etwas anderes rasen zu lassen als die Gedanken.

David Lynch im Lockdown

Die deutsche Filmindustrie hat Luna Wedler einmal als «zu kommerziell» bezeichnet, das will sie jetzt so nicht mehr sagen. Aber man hört schon heraus, dass es sie ärgert, wenn die Leute nur noch den Mainstream kennen, die wenig tiefgründigen Kisten, die sowieso schon viel Aufmerksamkeit bekommen. Es könnte sein, dass das tatsächlich etwas ist, woran Luna Wedler manchmal leidet: dass sich die Leute nicht überwinden können, auch mal einen Film zu gucken, der ein bisschen schwieriger ist.

Was «Biohackers» angeht, könnte man in diesem Zusammenhang an die spekulative Fiktion von New Weird denken, also an Autoren wie Jeff Vandermeer und seine Visionen von den unheimlichen Verwandlungen des Biologischen. Aber damit hat die Serie nichts zu tun. Vielleicht hätte das tatsächlich eine gewagtere Geschichte sein können, aber dann wäre sie vermutlich nicht auf Netflix gelaufen, sondern irgendwo im Kino, wo sie niemanden gross interessiert hätte.

Die Corona-Zeit hat Luna Wedler übrigens dazu genutzt, eine David-Lynch-DVD-Box wegzuschauen, hat sie geschenkt bekommen. Ein guter Regisseur sei das, sagt Wedler. Ob David Lynch ein Netflix-Konto hat?