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Nachruf auf Reisepionierin«Eingehen ins grosse Nichts»

Charlotte Peter reiste unzählige Mal um die Welt und schrieb über 20 Bücher darüber. Jetzt ist die 96-jährige Zürcherin gestorben.

Sich selber nannte sie «reisebegabt»: Charlotte Peter, aufgenommen 2016 in Zürich.
Sich selber nannte sie «reisebegabt»: Charlotte Peter, aufgenommen 2016 in Zürich.
Foto: Michele Limina 

Gut 150-mal ist Charlotte Peter nach China gereist. Trotz des hohen Alters, das sie erreichte, macht das im Durchschnitt rund eineinhalb China-Touren pro Lebensjahr. Die Zürcher Reisejournalistin ist Anfang November mit 96 Jahren verstorben.

Das erste Mal besuchte sie ihr Lieblingsland 1951. Drei Jahre lang habe sie sich um ein Visum bemüht, erzählte sie in einem Interview. Damals, kurz nach der Machtergreifung von Maos Kommunisten, habe es in China keine Touristen gegeben. Als sie allein mit der Transsibirischen Eisenbahn im Bahnhof Peking einfuhr, habe sie geweint vor Glück.

1924 geboren, wuchs Charlotte Peter als Tochter von aufgeschlossenen Eltern in Zürich auf. Das Geschichtsstudium schloss sie 1952 mit einer Doktorarbeit ab. Schon als Studentin war sie in den Journalismus eingestiegen, damals arbeiteten kaum Frauen in diesem Beruf. 1963 wurde sie Chefredaktorin der deutschsprachigen «Elle» und nahm teil am internationalen Mode-Jetset. Nachdem die «Elle» mit der «Annabelle» fusioniert hatte, leitete sie diese von 1978 bis 1980. Später arbeitete sie für verschiedene Medien.

Fast zu viel für ein Leben

Vor allem aber reiste Charlotte Peter. Und berichtete darüber. Beides gehörte für sie zusammen. Unzählige Reisereportagen schrieb sie und mehr als 20 Bücher. Viele davon erschienen nach ihrer Pensionierung, das letzte Buch gab sie 2019 heraus, als 95-Jährige. Charlotte Peter, die nicht heiratete und keine Kinder hatte, gilt als Mitbegründerin des modernen Reisejournalismus in der Schweiz.

Die Orte, die Peter besuchte, und die Erlebnisse, die sie von dort nach Hause brachte, scheinen kaum in ein Leben zu passen. Über 100 Länder hat sie laut eigenen Angaben erkundet, mindestens 100000 Kilometer pro Jahr zurückgelegt, über Metropolen wie Moskau, Istanbul oder Buenos Aires sprach sie so selbstverständlich wie über Zürich. Grossstädte mochte sie am liebsten, sie fuhr aber auch in einem Einbaum durch den Dschungel oder durchstreifte auf einem Kamelrücken die sibirische Steppe, immer «gwundrig wie ein junger Hund», wie sie sich selber charakterisierte.

Journalistinnen beschrieben Peter in Porträts oft als «zierliche Frau». Wenn sie nicht gerade Reisegruppen leitete, war sie meist alleine unterwegs, ausgerüstet einzig mit einem kleinen Koffer. Abgesehen von einer Beinahe-Haiattacke und einigen männlichen Zudringlichkeiten (die sie abwehren konnte) sei ihr nie etwas passiert, erzählte sie.

Zu Gast bei den Religionen

Peter, die in Zürich und Paris lebte, engagierte sich auch politisch. Sie kämpfte für das Frauenstimmrecht, 1970 kandidierte sie für den LdU als Gemeinderätin und verpasste die Wahl knapp. Immer wieder kritisierte sie die koloniale Arroganz von Europäern, denen sie überall auf der Welt begegnete.

Regelmässig besuchte sie im Ausland spirituelle Lehrer: Voodoo-Priester, hinduistische Mönche, Schamaninnen, Sufi-Gurus, katholische Nonnen, Geistheilerinnen. Dabei versuchte sie, deren Glaubenssysteme zu verstehen. Am meisten überzeugte sie dabei der Buddhismus. Sie glaube daran, dass der Geist weiterlebe, sagte sie vor vier Jahren dieser Zeitung: «Er wird ins Nirwana eingehen, ins grosse Nichts.»

bat