Die verhängnisvolle Gier

Die Uefa hat dem Fussball mit dieser aufgeblasenen EM geschadet.

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Der Uefa geht es prächtig. Sie hat in dreissig Tagen 1,93 Milliarden Euro gescheffelt und 830 Millionen Gewinn gemacht. Ja, in den dreissig Tagen, die diese EM gedauert hat. Da erblasst heutzutage jede Bank vor Neid.

Für die Uefa ist die Rechnung einfach. Mehr Mannschaften gleich mehr Geld. 16 Teilnehmer generierten vor vier Jahren 1,4 Milliarden Einnahmen, 24 jetzt in Frankreich haben den ­Umsatz entsprechend gesteigert. Der geldgetriebene Verband aus Nyon müsste sich einen Vorwurf gleich selbst machen: dass er die Endrunde nicht noch weiter ausbaut, wenn er pro Teilnehmer doch rund 80 Millionen von Fernsehen und Sponsoren erhält. Dann könnte er bei einem 32er-Feld gar mit 2,5 Milliarden rechnen.

Gewonnen hat nicht der Beste

Die Kluft geht auseinander. Die Uefa definiert sich übers Geld und ist darum zufrieden mit der Unterhaltung, wenn ein Einpeitscher wie jetzt vor dem Final stundenlang lärmt. Der Ästhet und der Fan haben andere Ansprüche und Erwartungen.

Eigentlich sind sie gar nicht so vermessen. Sie erwarten nicht die grossen taktischen Würfe, keine Neu­erfindung des Spiels. Sie wären zufrieden, wenn sie nur besseren oder unterhaltsameren Fussball sehen würden als den, der ihnen in den 51 Spielen zwischen Lille und Marseille meistens vorgesetzt wurde. Wenn sie weniger taktische Fesseln und Zurückhaltung, dafür mehr Freude am Spiel sehen würden.

Wer sucht ohne Zwang das Risiko?

Aber welche Mannschaft sucht schon das Risiko, wenn sie in ihren Mitteln begrenzt ist wie Nordirland? Wer macht das, wenn er nicht dazu gezwungen ist, weil er notfalls selbst als Gruppendritter in die Achtelfinals kommt? Portugal ist einer dieser Dritten, nach drei Unentschieden gegen Island, Österreich und Ungarn. Jetzt ist Portugal Europameister – nach sieben Spielen, die nach 90 Minuten 1:1, 0:0, 3:3, 0:0, 1:1, 2:0 und 0:0 standen.

Nicht die beste Mannschaft hat sich durchgesetzt, sondern jene, die am wenigsten falsch gemacht hat. Das ist Portugal nicht vorzuwerfen. Es betont nur augenfällig das aktuelle Problem des Fussballs: Er leidet an einer Überflutung von Spielen, an einer Überreizung, die ungesund ist.

Natürlich ist es den Nordiren zu gönnen, wenn sie einmal an einer EM einfallen dürfen; den Walisern, wenn ein Bale reicht, um den Halbfinal zu erreichen; den Hu-Ländern, wenn sie plötzlich wahrgenommen werden. Bloss kann es nicht sein, dass die grossen Mannschaften mit den grossen Spielern unter dem vollgestopften Kalender leiden. Ewald Lienen, Trainer und Denker des FC St. Pauli, sieht den Fussball seit Jahren immer mehr verwässert: «Weil es eben nicht geht, dass du 60 oder 70 Spiele auf hohem Niveau spielen kannst. Und nochmals und nochmals und nochmals . . .»

Nicht die beste Mannschaft hat gewonnen, sondern jene, die am wenigsten falsch gemacht hat: Die Portugiesen bei der Siegfeier. Foto: Keystone

Meisterschaft, Champions League, Europa League, Qualifikationen zu Champions League und Europa League, Cups, Supercups, EM, WM, Confederations Cup, Südamerika-­Meisterschaft in zwei Jahren in Folge – Lienen erahnt die Gefahr, dass der Fussball sich selbst erdrückt. Und erkennt nüchtern: «Solange die Kuh gemolken werden kann, wird sie gemolken.»

Genau darum strebt der alte Uefa-Apparatschik und heutige Fifa-Präsident Gianni Infantino danach, die WM von 32 auf 40 Teilnehmer auszubauen, besser: aufzublasen. Man soll bloss die Hände davon lassen, warnt Ottmar Hitzfeld. Bevor er feststellt: Da gehe es wohl zu sehr um Politik und Geld, um diese Veränderung noch aufhalten zu können.

Früher war nicht alles besser, nur weil es Telefonkabinen statt Smartphones gab und das Fernsehen noch schwarzweiss war. Aber heute ist zu vieles nicht gut, um nicht an früher zu denken, als der Fussball noch nicht von Fernsehen und Sponsoren völlig vereinnahmt war.

Erstellt: 11.07.2016, 23:30 Uhr

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