Fernsehbilder ohne Probleme

Die Uefa entscheidet, was die EM-Zuschauer zu Hause sehen. Und was nicht.

Selbst mit Spinnenkameras wird fast alles eingefangen – aber längst nicht alles gesendet, etwa dieser Kroatien-Fan auf dem Spielfeld. Foto: John Sibley (Reuters)

Selbst mit Spinnenkameras wird fast alles eingefangen – aber längst nicht alles gesendet, etwa dieser Kroatien-Fan auf dem Spielfeld. Foto: John Sibley (Reuters)

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Die Uefa ist an dieser EM stets auf Ballhöhe. Mit mindestens 38 Kameras lässt sie jedes Spiel in der Gruppenphase ­filmen. Ab Viertelfinals werden es gar 46 sein. Als sich allerdings russische und englische Fans im Stadion prügelten oder ein Flitzer im Match zwischen der Türkei und Kroatien über den Rasen schoss, fehlten diese Livebilder fast überall auf der Welt.

Der Grund ist simpel: Während der Livephase müssen alle nationalen Rechteinhaber, in der Schweiz die SRG, das Signal der Uefa übernehmen. Und die Uefa hält ihre ­Regisseure an, solche Zwischenfälle ­auszublenden. Sie will involvierten Personen keine Plattform bieten und auch keine Nachahmer animieren.

Die heile Welt des Fussballs

Umgehend protestierten ARD/ZDF und kritisierten die Uefa, sie zensuriere, verdränge also gezielt unliebsame Ereignisse, um die heile Welt des Fussballs zu beschwören. Es ist eine scheinheilige Klage, weil die Uefa bereits seit 2008 das Livesignal produziert (die Fifa an der WM seit 2002). Davor war jeweils die ­nationale TV-Anstalt des Gastgeber­landes im Auftrag des Verbandes für die Bildauswahl verantwortlich.

Ungesehene Fanpanik in Marseille. Foto: Thanassis Stavrakis (AP)

Insofern müssten sich die Deutschen an die Situation gewöhnt haben, zumal sie mehrere eigene Kameras pro Spiel hinstellen und ins Publikum schwenken dürfen – damit also den Blickwinkel der Uefa erweitern können. Aus Kosten- und Logistikgründen verzichten die meisten TV-Sender allerdings darauf und beschränken sich auf zusätzliche Kameras bei den Matches der eigenen Mannschaft. Die SRG setzte beispielsweise während des Albanienspiels eine solche ein, um die Familie der Xhaka-Brüder immer wieder in den Fokus zu rücken.

Löws Griff und Podolskis Erklärung. Video: Reuters

Den heiss diskutierten Griff von Deutschland-Coach Löw an sein Gemächt samt Fingerbeschnupperung vermochten hingegen nicht ARD/ZDF festzuhalten, sondern die italienischen Kollegen. Sie hatten diese Spezial­kamera auf den Trainer im Spiel Deutschland - Ukraine gebucht. Über die sozialen Medien verbreitete sich der ­Hodengriff rasant, weshalb die Uefa bei Zensurvorwürfen gern als Argument ­anführt: dass ohnehin (fast) alles ans Licht komme, weil irgendwo immer irgendwer sein Handy mitlaufen lasse und auffällige Bilder online stelle.

«Voller Adrenalin»: Löw entschuldigt sich. Video: Reuters

Selber Regisseur spielen

Das Hauptargument der Uefa, die Livebilder zu lenken, ist folgendes: Sie will in jedem Land und an jeder EM den gleich hohen Qualitätsstandard sichergestellt wissen. Darum hat sie diesmal fünf führende TV-Produktionsfirmen aus Belgien, Frankreich, Schweden und England mandiert, die EM bildlich darzustellen. Jeweils fünf Regisseure (und ihre Crew) decken zwei Stadien ab und wählen aus, welche der 38 Kamerabilder sie verwenden. Dazu zählen etwa eine Roboterkamera im Spielertunnel, ein bis zwei Geräte via Helikopter oder eine Spinne, die an Seilen über dem Stadion hängt und die spektakuläre Vogelperspektive garantiert.

Die Spinne, die alles sieht: Kamera an Seilen im Parc des Princes, Paris. Foto: Christian Hartmann (Reuters)

Neben der Liveproduktion offeriert die Uefa den nationalen Vertragspartnern elf Kanäle. Wer auf SRF darum via Livestream zuschaut, kann sich als ­Hobbyregisseur betätigen und beispielsweise je einen Spieler pro Team während der gesamten Matchzeit verfolgen. Wer das jeweils ist, wird von der Uefa festgelegt. Auch eine Taktikansicht ist wählbar oder der erwähnte Vogelblick. Neu sind solche Spielereien jedoch nicht. Führende Sender wie BBC bieten ihren Zuschauern diesen Service an Grossanlässen seit ein paar Jahren an.

Will man die Uefa darum kritisieren, müsste man an diesem Punkt ansetzen ­ – und die Sender miteinbeziehen. Denn die Uefa bietet viel mehr als nur den Livefeed. Auch Hintergründe, Interviews etc. stellt sie ihren Kunden zur Verfügung und nimmt manchen von ­ihnen einen Teil der Arbeit ab – gerade wenn diese auf eine kritische Begleitung dieser Europameisterschaften verzichten. Selbst die eingespielten Grafiken wie Aufstellungen oder Zahlen zu Spiel und Spielern bereitet die Uefa via einen Partner auf. Jeder Sender darf diesen Service übernehmen. Allein dieser Spezialpartner der Uefa ist mit rund 100 Mitarbeitern in Frankreich. Insgesamt arbeiten 1900 temporäre Fachkräfte an der Grafik- und Bilderflut aus einem Guss.

SRG mit 87 Mitarbeitern vor Ort

Die Sender konzentrieren sich darum primär aufs Produzieren des nationalen Kolorits mittels Interviews mit eigenen Spielern und Trainern vor oder nach den Einsätzen, Analysen in den Studios samt Experten sowie Reportagen rund um die Stadien und Austragungsorte. Vom Gesamtaufwand von 18 Millionen Franken investiert die SRG auch in dieses Begleitprogamm, das 87 Mitarbeiter bestreiten (davon 56 mit Schweizer Fokus) und Material in vier LKW benötigt. Wen wundert da, dass die Sportwelt während eines solchen Grossanlasses fast stillzustehen scheint – oder von der Dauerpräsenz des Fussballs zumindest überrollt wird.

8,1 Milliarden Menschen schauten sich zusammengezählt die letzte EM am Fernsehen an (sowie 2,5 Millionen in den Stadien). Die Uefa geht davon aus, diesen Mattscheibenrekord nun übertreffen zu können. Denn ob die TV-Bilder gelenkt sind oder nicht, interessiert den durchschnittlichen Fussballkonsumenten eher marginal. Er will ­primär eines: anhand möglichst vieler Bilder so gut wie möglich im Bild sein.

Erstellt: 17.06.2016, 09:16 Uhr

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