«Als Trainer bist du nur machtlos»

Der frühere FCZ-Meistercoach Bernard Challandes über die Rolle von Vladimir Petkovic und das Schweizer Out im Penaltyschiessen.

«Kollegen fragten in der Pause: ­‹Shaqiri?.?.?. warum darf er immer spielen?› Und dann gelingt ihm dieses Supertor.» Bernard Challandes.

«Kollegen fragten in der Pause: ­‹Shaqiri?.?.?. warum darf er immer spielen?› Und dann gelingt ihm dieses Supertor.» Bernard Challandes. Bild: Laurent Gillieron/Keystone

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Wie verarbeitet eine Mannschaft ein solches Ausscheiden?
Der Trainer muss mit positivem Denken vorangehen. Er ist der Vater dieser Mannschaft. Er muss reagieren, wie es ein Vater einer Familie auch tun muss, wenn etwas Unschönes passiert ist.

Verschiedene Spieler sagten, sie seien trotz allem stolz auf das ­Gezeigte und auf die Mannschaft.
Stolz ist für mich erst der passende ­Begriff, wenn der viel zitierte nächste Schritt einmal gemacht ist. Die Schweizer hatten ein Ziel, aber die Geschichte hat sich leider wiederholt. An der WM 2006 standen wir im Achtelfinal gegen die Ukraine und schieden im Elfmeterschiessen aus. In Brasilien kassierten wir im Achtelfinal gegen Argentinien spät in der Verlängerung ein Tor. Vor dem Turnier in Frankreich glaubten wir, nun bereit zu sein für den Viertelfinal. Aber es gelang erneut nicht. Der Gegner war nicht Argentinien, war nicht der WM-­Finalist, nein, es war Polen. Ich habe sehr wohl Respekt vor dieser Mannschaft . . .

. . . aber?
Wir waren besser als Polen. Nicht in der ersten Halbzeit, aber nach der Pause ganz sicher. Wenn man an einer grossen Mannschaft scheitert, kann man sagen: schade. Dann ist die Niederlage auch ­etwas einfacher zu akzeptieren. Aber jetzt ist das schwieriger. Es ist schon sehr bitter, so auszuscheiden, weil jeder gesehen hat, dass es absolut unnötig war.

Was ist, trotz allem, positiv?
Die Schweizer haben sich als Mannschaft präsentiert. Ihnen sind keine gross­artigen Vorwürfe zu machen.

Hätte Trainer Petkovic irgendetwas anders machen können?
Es liegt mir fern, das zu beurteilen. Wer weiss schon, wie alles herausgekommen wäre, wenn der Trainer anders auf­gestellt oder eine andere Taktik gewählt hätte? Nach einem 0:6 wüssten wir die Antworten. Aber nun müssen wir sagen: Es war ein Penalty, ein einziger Penalty! Wenn Xhaka den Elfmeter verwertet und jener von Lewandowski vielleicht an den Pfosten fliegt, wer fragt dann, ob der Trainer alles richtig gemacht hat? Niemand. Als Trainer bist du in einer solchen Situation einfach nur machtlos.

Wie haben Sie Vladimir Petkovic an dieser EM wahrgenommen?
Er hatte einen Auftrag: mindestens die Gruppenphase zu überstehen. Das hat er geschafft. Das Spiel gegen Albanien war eines unter besonderen Umständen, es wurde gewonnen. Gegen Rumänien kontrollierten wir die Partie gegen einen nicht einfachen Gegner. Und gegen Frankreich können wir in der Nachspielzeit gewinnen, wenn wir den Penalty erhalten, den der Schiedsrichter pfeifen muss. Petkovic ist seiner Linie treu geblieben und hat sich von nichts beirren lassen, obwohl es vor dem Turnier gegen ihn einige Skepsis gab. Und was bis jetzt in Frankreich passiert ist, zeigt doch auch, wie schnell alles gehen kann.

In welcher Hinsicht?
Marcel Koller wurde nach der Qualifikation in Österreich verehrt, er war wie ein Gott. Dann scheitert die Mannschaft in der Vorrunde, und schon steht der Trainer in der Kritik. Und Petkovic? Es wäre total falsch zu sagen, er habe keine gute Arbeit gemacht.

Was aber offensichtlich ist: Es hat an Effizienz gemangelt.
Ich sage es so: Der Aufwand hat mit dem Ertrag nicht übereingestimmt.

Der Schock der Schweizer Fans nach dem Aus im EM-Achtelfinal in Saint-Etienne.

Wie kann man das Defizit beheben?
Wir kamen zu vielen Chancen, das ist schon einmal gut. Effizienz ist oft eine Frage von individueller Klasse. Anderseits kann ich das Beispiel Lewandowski anführen. Wie viele Tore hat er bis jetzt erzielt, abgesehen von jenem im Elf­meterschiessen gegen die Schweiz? 0,0. Dabei wissen wir alle, welche Qualitäten er besitzt und dass er einmal sogar fünf Treffer in ein paar wenigen Minuten geschossen hat. Und würden wir uns über das Thema Effizienz unterhalten, wenn das Penaltyschiessen gewonnen worden wäre? Dann hätten alle von einer guten Mischung gesprochen und gejubelt.

Die Schweizer hatten Chancen genug, um vor dem Penalty­schiessen alles klarzumachen.
Ja. Aber nicht alles ist eine Frage der ­Effizienz. Normalerweise trifft Rodriguez mit seinem Freistoss. Jetzt hatte er das Pech, dass der Goalie sensationell reagierte wie auch beim Kopfball gegen Derdiyok. Manchmal gibt es im Fussball Dinge, die nur schwer erklärbar sind.

Zum Beispiel?
Ich schaute die Partie mit Kollegen. In der Pause fragten sie: «Shaqiri, Shaqiri, warum darf er immer spielen, obwohl er die Erwartungen nicht erfüllt?» Und dann gelingt ihm dieses Supertor. Ich kann das Denken des Trainers nach­empfinden. Er kennt das Potenzial von Shaqiri. Wenn einer zu einem solchen Treffer imstande ist, dann er.

Wer hat Sie in diesem Team am meisten überzeugt?
Sommer lieferte den Nachweis für seine Klasse. Ich war sehr zufrieden mit Schär. Viele zweifelten an ihm, aber er war ein ausgezeichneter Verteidiger. Und Xhaka hat sich zusehends gesteigert, er war ausgezeichnet gegen Frankreich.

Wie sehen Sie generell die Zukunft dieser Mannschaft?
Ich bin zuversichtlich, dass sie die WM-Qualifikation übersteht und in Russland eine gute Rolle spielt. Wir haben gute Einzelspieler und eine gute Ausbildung in unserem Land – jetzt geht es darum, das auch mit einem Viertelfinal abzubilden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2016, 22:21 Uhr

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