Ein Lob für Petkovic

Trotz des Aus im Achtelfinal hat die Schweiz ein erkennbares Gesicht erhalten. Vielleicht gelingt es dem Trainer, das als Anerkennung für seine Arbeit zu deuten.

Ein Coach emotional wie selten: Vladimir Petkovic vor dem Elfmeterschiessen gegen Polen. Foto: Reto Oeschger

Ein Coach emotional wie selten: Vladimir Petkovic vor dem Elfmeterschiessen gegen Polen. Foto: Reto Oeschger

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Es sind letzte Bilder von den Schweizern, starke, symbolhafte Bilder. Von Xherdan Shaqiri, wie er sich in die Luft schwingt und den Ball so perfekt trifft, dass ihm das Tor dieser EM gelingt. Von Granit Xhaka, der sich den Ball auf den Elfmeterpunkt hinlegt, ohne Moment der Konzentration Anlauf nimmt und weit neben das Tor schiesst, Richtung Normandie, wie die «Sunday Times» vermutet.

Es sind Bilder vom späten Ausgleich, der die Schweiz in die Verlängerung des Achtelfinals gegen Polen bringt, vom Fehlversuch, der das Elfmeterschiessen von St-Etienne entscheidet. Und es gibt noch ein Bild, das viel aussagt über diese Mannschaft, über ihren Trainer vor allem: von dem Moment nach der Verlängerung.

Petkovics wichtige EM-Botschaft: Der Schweizer Nationaltrainer ruft in Lugano auf dem Schiff zur Euphorie auf.

Vladimir Petkovic schart seine Spieler um sich und redet eindringlich auf sie ein. Es sind die letzten Sekunden, die ihm bleiben, um sie auf das folgende «Roulette» einzustimmen; um noch Einfluss zu nehmen, damit die Reise durch Frankreich nicht an diesem Samstagnachmittag in einer alten französischen Industriestadt endet.

Das Potenzial bestätigt

Der Viertelfinal lockt in diesem Augenblick. Was zurück bleibt, ist die Enttäuschung – eine Enttäuschung, die tief geht, weil sie für eine verpasste grosse Chance steht. Die Schweizer haben ab der zweiten Halbzeit gespielt, dass es Freude gemacht hat, ihnen zuzuschauen. Sie zeigen den Mut, den Petkovic schon lange versprochen hat, sie spielen mit Überzeugung und Leidenschaft, mit Tempo und Raffinesse. Sie zeigen, was in ihnen steckt, sie zeigen ihr Potenzial und ihre ­Möglichkeiten und treten auf wie ein Viertelfinalist.

Xhakas Schuss bringt alles zum Platzen. Er macht aus dem greifbar nahen Sieg eine Niederlage. Und doch bleibt eine Erkenntnis nach diesen zwei Wochen zwischen Lens, Paris, Lille und St-Etienne: Manchmal gibt es auch einen Erfolg in der Niederlage. Das gilt zu allererst für den Trainer.

Petkovic geht auf Distanz

Petkovic ist keiner, der nach aussen mit Jovialität glänzt, er sucht lieber die Distanz statt den direkten Kontakt. Das ist nichts Schlechtes. Problematisch ist das im Fall von Petkovic geworden, weil es seine misstrauischen Züge betont. Er klagte, kaum im Amt, von fehlendem Respekt der Mannschaft und ihm gegenüber. Und das drückte sich für ihn in einer Frage aus: «Ottmar war da, die Legende – wer ist das jetzt, der da kommt?» Die Frage war legitim, er aber deutete sie gleich so, als würden alle an seiner Fähigkeit für das Amt des ersten Trainers im Land zweifeln.

Seine Neigung, gerne und schnell von fehlender Anerkennung zu reden, hat er bis heute nicht verloren. Er hat nie das Gefühl bekommen, den Kredit zu haben, wie ihn Köbi Kuhn dank seiner Warmherzigkeit und Ottmar Hitzfeld dank seiner Aura genossen. Dabei geht es bei seiner Arbeit doch in erster Linie um eines: um Leistungen und Resultate, um die Art der Auftritte seiner Mannschaft.

«Xhaka kann man keinen Vorwurf machen». Der Schock der Schweizer Fans nach dem Aus im EM-Achtelfinal in Saint-Etienne.

Fünf Wochen lagen zwischen dem Beginn der EM-Vorbereitung und dem Heimflug nach Zürich. Petkovic konnte diese Zeit nutzen, um wie ein Club­trainer zu arbeiten, um die Spieler dazu zu bringen, sich zu öffnen und aus Grüppchen eine Gruppe zu ­machen. So ähnlich beschrieb das jedenfalls Valon Behrami als sensibler Beobachter. Als Einheit überstanden die Spieler die emotional belastende Aufgabe gegen Albanien, sie steckten es weg, gegen Rumänien trotz eindeutiger Überlegenheit nicht gewonnen zu haben, hielten sich tapfer gegen Frankreich und kämpften und spielten sich gegen Polen auf verblüffende Art aus einem 45-minütigen Loch.

Wenn der Grundsatz gilt, dass eine Mannschaft das Spiegelbild ihres Trainers ist, bedeutet das nach dieser EM: Petkovic hat es geschafft, aus einer Mannschaft ohne Ausstrahlung eine Mannschaft mit einem erkennbaren Gesicht zu formen. Aus Kritik ist Lob geworden. Vielleicht versteht er das als Anerkennung für seine Arbeit in den letzten Tagen zu deuten.

Das Problem im Angriff

In acht Wochen beginnt mit dem Start zur WM-Qualifikation 2018 die nächste Aufgabe für die Schweiz. Die Basis ist gelegt, die Mannschaft steht, die Achse ist zusammengesetzt, die Hierarchie ist gebildet und das Problem definiert. Dabei dreht sich endgültig viel um Granit Xhaka, der sich, auch auf Anraten des alten Mentors Behrami, zum neuen Chef aufgeschwungen hat. Seine Leistungen in Frankreich können nicht das Ende seiner Entwicklung bedeuten, dafür besitzt er zu viel Potenzial.

Yann Sommer, Stephan Lichtsteiner, Fabian Schär (wenn er die EM-Form konservieren kann) und Ricardo Rodriguez werden weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Bei Valon Behrami ist das wegen seiner Sorgen ums linke Knie ungewiss. Xherdan Shaqiri kann die Diskussionen um seine Person und Form gleich selbst endgültig beenden, wenn er künftig regelmässig mit der Lust, Freude und Dynamik auftritt wie gegen Polen. Nichts könnte sein Auf­tauchen aus dem Dunkel der Gruppenspiele besser verdeutlichen als sein traumhaftes Tor zum 1:1.

«Wir hätten zu 150 Prozent verdient weiterzukommen», hat Shaqiri nach dem Spiel gesagt. Was stimmt, ändert nichts an der Schwäche dieser Schweiz im Abschluss. Welche Zukunft könnte sie haben, wenn sie im Angriff die Klasse hätte wie im Tor oder Mittelfeld.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2016, 21:27 Uhr

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