Wars das mit Behrami?

Valon Behrami war nach dem EM-Out gegen Polen besonders enttäuscht. Ein tränenreiches TV-Interview nährt Spekulationen über einen möglichen Nationalmannschaftsrücktritt des Kriegers.

Der Krieger: Valon Behrami im Zweikampf. (25.06.2016)

Der Krieger: Valon Behrami im Zweikampf. (25.06.2016) Bild: Keystone

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Nach dem Ende von EM- oder WM-Endrunden brechen bei vielen Spielern die Dämme. Sei es aus grosser Freude oder aus Enttäuschung, das gesteckte Ziel nicht erreicht zu haben, selten fallen klarere Voten als in diesen Momenten. Während aber meistens darüber debattiert wird, wieso der Ball an die Latte oder in die Hände des Torhüters gegangen ist, zeigte sich gestern Valon Behrami gegenüber der RSI deutlich philosophischer: «Ich bin mit vier Jahren in dieses Land gekommen und habe versucht, es der Schweiz zurückzubezahlen, in jedem Moment und jeder Minute.» Es fällt ihm schwer zu sprechen, der Redefluss versiegt, der Kopf ist nach unten geneigt, damit man die Tränen nicht siegt. Es scheint, dass in Saint-Etienne mehr zu Ende gegangen ist als nur ein simples Turnier.

Anfänglich fühlte sich Valon Behrami oft unverstanden, er war vermutlich auch schwer zu verstehen. Der Mann, der mit seiner Familie als Vierjähriger aus Mitrovica im heutigen Kosovo nach Stabio in den Südtessin gezogen war, provozierte mit seinem Hang zu schrillen Klamotten, auffälligen Fahrzeugen und direkten Aussagen. Vergessen ging darob aber, dass sich hinter der Fassade vor allem eines versteckte: ein Vorzeigekämpfer. Behrami war und ist sich auf dem Feld für keine Drecksarbeit zu schade, ein gelungenes Tackling ist seine persönliche Art des Fallrückziehers. Unvergessen, wie er an der WM 2014 gegen Ecuador den Ball vor dem eigenen Tor eroberte und ihn danach praktisch übers ganze Feld trug, obwohl er noch stolperte, wenige Sekunden später konnte Haris Seferovic zum 2:1 Siegtreffer einschieben.

Gesicht der Nationalmannschaft

Spätestens in diesem Moment war Behrami in den Augen der Schweizer Öffentlichkeit nicht mehr einer von vielen, sondern avancierte zu einem der Gesichter der Nationalmannschaft. Auch Vladimir Petkovic war die Wichtigkeit Behramis bewusst, er ernannte den Tessiner zum Vize-Captain. Der Wandel in seiner Wahrnehmung zählt für ihn mehr zählt als ein Tor, gab er gestern zu: «Am meisten freut mich, dass die Leute am Schluss gesehen haben, wer ich bin und wie ich bin. Sie haben ihre Haltung mir gegenüber in diesen Jahren geändert. Ich danke ihnen für alles.»

Gerade die letzten zwei Jahre seien unglaublich schön gewesen: «Dass ich ein wichtiger Teil dieser Gruppe war, war das Schönste, was mir je passiert ist. Und natürlich war ich auch enorm stolz, als ich die Captainbinde tragen durfte.» Umso mehr überwog am Samstag der Frust, auch in seinem fünften Turnier den ganz grossen Erfolg nicht erreicht zu haben. Im Gegensatz zu anderen nahm er aber das Wort «Pech» nicht in den Mund: «Das hat damit gar nichts zu tun. Uns fehlt immer noch die Giftigkeit, der Wille, etwas wirklich grosses zu Erreichen. Das muss sich in den Köpfen ändern.»

Er schweigt über die Zukunft

Zu seiner Zukunft im Nationalmannschaftsdress wollte sich Behrami gestern nicht äussern: «Ich werde nun mit meiner Familie besprechen, wie es weitergeht.» Falls er seine internationale Karriere wirklich beenden sollte, wäre dies für die Schweizer Nationalmannschaft ein enormer Verlust, aber auch irgendwo verständlich: In 70 Länderspielen hat der 31-Jährige seine Knochen hingehalten, dazu bei fünf Clubs in der Serie A, in Hamburg sowie seit 2015 in der Premier League bei Watford, nach jedem Match sind Eisbeutel am geschundenen Knie beredtes Zeichen für seinen unbändigen Kampfgeist.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.06.2016, 12:44 Uhr

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