Die grosse Prüfung

Der Achtelfinal gegen Polen wird wichtige Antworten liefern, wie gut diese Nationalmannschaft wirklich ist und wie sehr Vladimir Petkovic als Coach an Ansehen gewinnen kann.

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Früher war St-Etienne ein französisches Dortmund und wichtiger Standort der Kohleindustrie. Im Fussball lebt die Stadt von der Erinnerung an die grossen Sechziger- und Siebzigerjahre, als die ­Association Sportive die Meisterschaft dominierte. Das Stade Geoffroy-Guichard ist ein geschichtsträchtiger Ort.

Vielleicht ist es gerade die perfekte Bühne für eine Schweizer Mannschaft, die für heute 15 Uhr nur ein Ziel hat: dass sie weiter an ihrer Geschichte schreibt. «Eine erste Tür haben wir schon geöffnet», sagt Nationalcoach Vladimir Petkovic, «jetzt wollen wir eine zweite öffnen und danach so viele wie möglich.»

Der erste Achtelfinal dieser Europameisterschaft mag für den neutralen ­Beobachter nicht gleich den Glanz ausstrahlen wie die Begegnung von Spanien und Italien. Spannend ist er allemal, weil es keinen Favoriten gibt und weil er vor allem Antworten zu dieser Schweizer Mannschaft liefert.

«Was wir erreicht haben, haben wir uns verdient.»Vladimir Petkovic, Nationaltrainer

Es geht zuerst einmal um einen zentralen Aspekt: Wie gut ist sie wirklich? Ist sie so gut, wie es die Spieler selbst gerne sagen? Hat sie die Turnierhärte, die es braucht, um endlich einmal weiter­zukommen als bei den Achtelfinals von 1994, 2006 und 2014?

1994 war die Schweiz unter Roy Hodgson chancenlos gegen Spanien, 2006 unter Köbi Kuhn erfolglos im Elfmeterschiessen gegen die Ukraine, der sie an jenem Abend in Köln nie hätte unterliegen dürfen. 2014 war sie unter Ottmar Hitzfeld glücklos gegen das ­Argentinien von Messi und Co. Und jetzt gegen Polen, das trotz Spielern wie Glik, Krychowiak, Milik und natürlich Lewandowski lediglich als Nummer 27 der Welt geführt wird?

Valon Behrami sagt: «Wenn man gegen eine Mannschaft wie Argentinien ausscheidet, ist das okay. Das ist auch Argentinien. Wenn man jedoch gegen Polen ausscheidet, wäre das hart zu ­akzeptieren.»

Lieber Polen als Deutschland

Damit den Routinier nun keiner falsch versteht: Er ist weit davon entfernt, den Gegner zu unterschätzen: «Nein, nein», formuliert er es, «auf dieser Ebene bewegen wir uns nicht.» Er will nur sagen, dass die Chance auf ein Weiterkommen heute grösser ist, als sie es vor zwei Jahren in Brasilien war und als sie es jetzt gegen Weltgrössen wie Deutschland, Spanien oder Italien wäre. Dass sie laut seiner Rechnung bei 50:50 steht. Das ist schon einmal eine viel versprechende Ausgangslage.

Das Spiel hat auch für Vladimir Pet­kovic eine besondere Bedeutung. Mit einem Sieg kann er einiges dafür tun, ­anders wahrgenommen zu werden, dass er den Respekt erhält, den er für sich seit seinem Amtsantritt reklamiert und den er doch immer wieder vermisst.­Bevor die Schweiz vor zwei Wochen gegen Albanien ins Turnier stieg, gab es grundsätzliche Fragen zum 52-jährigen Coach. Hat sich die Mannschaft so entwickelt, wie das bei seiner Einsetzung erwartet worden war? Spielt sie beschwingteren, attraktiveren Fussball als zuvor unter Hitzfeld, dem Resultat und Realismus über alles gingen?

Hat sie mit konzeptvollem Fussball überzeugt? Hat sie unter Petkovic an Ausstrahlung gewonnen? An Anziehungskraft, Begeisterungsfähigkeit? An Wärme?

Noch nicht, hiess die Antwort auf jede einzelne Frage.

Das 1:0 gegen Albanien war in Frankreich der erste Härtetest für Trainer und Team, und erst als er bestanden war, wurde deutlich, wie gross Druck und Leiden für die Spieler waren, die gegen ihre eigenen Freunde und Familien spielen mussten. Das 1:1 gegen Rumänien vier Tage später war ein minimaler Lohn für einen überzeugenden Auftritt, der fraglos der beste unter Petkovic gewesen wäre, wenn Haris Seferovic eine seiner Chancen genutzt hätte. Das 0:0 gegen Gastgeber Frankreich schliesslich entsprang einer Leistung, die weniger spielerisch, dafür umso mehr kämpferisch eindrucksvoll war.

Mit Glück, Spiel und Kampf

«Was wir erreicht haben, haben wir uns verdient», sagt Petkovic, «uns ist nichts geschenkt worden.» Eine 4,5 im Zwischenzeugnis gibt Behrami dafür seiner Mannschaft, nicht mehr, nicht weniger. Mit einem Sieg heute könnte sie sich gleich selbst zumindest eine 5 ins Heft schreiben. Und der Trainer hätte endgültig die Gewissheit, die Prüfung, die an dieser EM auf ihn gewartet hat, bestanden zu haben.

Gegen Polen brauchen die Schweizer das Glück wie gegen Albanien, das Spielerische wie gegen Rumänien, den Kampf wie gegen Frankreich. Und sie brauchen die Nervenstärke im Abschluss, die bislang gefehlt hat. Allein stehen sie mit diesem Problem wenigstens nicht. Polen ergeht es nicht besser, obschon es mit einem Stürmer von ­Robert Lewandowskis Klasse gesegnet ist. 2:1 heisst das Torverhältnis der Schweiz in den Gruppenspielen, 2:0 das der Polen. Auch das bringt zum Ausdruck, welch enger und hart umkämpfter Match in St-Etienne zu erwarten sein wird.

Xherdan Shaqiri, Blerim Dzemaili, Admir Mehmedi und Haris Seferovic sind in erster Linie dafür verantwortlich, den polnischen Abwehrriegel aufzubrechen. Die Hoffnung muss sein, dass Shaqiri in der Offensive endlich das bewirkt, was von ihm erwartet wird, dass Dzemaili zur Effizienz findet, Mehmedi ein Schuss ins Glück gelingt wie gegen Rumänien und Seferovic auf dem Platz einmal so abgebrüht ist, wie er sich daneben gibt.

Petkovic will seiner Offensive nicht zu viel Druck aufladen. Darum sagt er: «Ich bin auch zufrieden, wenn Stephan Lichtsteiner einen Treffer erzielt.» Lichtsteiner hat im September 2013 beim 4:4 gegen Island letztmals in einem bedeutenden Spiel getroffen. Und er wäre es zweifellos auch im Fall von Granit Xhaka, der wartet seit über drei Jahren auf ein Tor im Nationalteam.

«Ab jetzt ist es an dieser EM einfach», sagt Behrami noch, «du gewinnst, oder du fährst heim.»

(Erstellt: 24.06.2016, 21:56 Uhr)

«Uns ist nichts geschenkt worden»: Coach Vladimir Petkovic. Foto: Getty Images

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