Petkovics Prüfung

Für den Nationaltrainer geht es in Frankreich um sehr viel – nicht zuletzt um das Bild, das die Öffentlichkeit von ihm und seiner Mannschaft hat. Eine Lagebeurteilung.

«Wer ist das jetzt, der da kommt?»: Vladimir Petkovic. Foto: Reto Oeschger

«Wer ist das jetzt, der da kommt?»: Vladimir Petkovic. Foto: Reto Oeschger

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Als er noch in Sarajevo lebte, konnte er sich die Schweiz erst in Allgemeinplätzen ausmalen. Dass es Schokolade und Uhren gibt und eine Stadt mit vielen Banken (Zürich). Dass es wunderschön ist hier, die Alpen, das Leben. «Das wusste ich schon», hat Vladimir Petkovic einmal im «Tages-Anzeiger» erzählt, «aber wie es wirklich ist, hier zu leben, wusste ich nicht.»

29 Jahre ist es jetzt her, dass er in Zürich auf dem Flughafen ankam und verloren war, weil der Mann, der ihn zum Probetraining nach St. Gallen fahren sollte, nicht da war. Er behalf sich, fand schliesslich doch noch in die Ostschweiz, «und die Geschichte entwickelte sich langsam».

Aus dem Fussballer, auf den keiner gewartet hatte, ist der Nationaltrainer der Schweiz geworden. Der Weg bis hierhin ist für ihn lang und beschwerlich gewesen, ein Weg, der touristisch wohl reizvoll war, von der Ostschweiz über das Bündnerland und das Wallis ins Tessin, aber fussballerisch sehr lange abseits der grossen Adressen verlief. Ein Weg, der für ihn mit stetem Kämpfen um einen neuen Vertrag verbunden war – «kämpfen fast, um zu überleben».

Petkovic hat sich entwickelt

Es sind die Jahre gewesen, in denen er sein Durchsetzungsvermögen entwickelt hat, sein Immunsystem, um mit schwierigen Situationen umzugehen. So sagt er das. Was von alldem übrig geblieben ist, sind Fragen: Ist dieser Vladimir Petkovic der richtige Trainer fürs Nationalteam? Kann er das vermitteln, was er möchte? Steht er für guten Fussball? Steht er für Identifikation und Integration, was in emotional aufgeladenen Tagen schnell und gerne Thema ist?

Sportlich mögen die Fragen auf den ersten Blick verblüffen. Petkovic hat seinen Kernauftrag erfüllt und die Schweiz an die Europameisterschaft geführt, an ihre sechste von sieben Endrunden seit 2004. Besonders das hat seine Vorgesetzten beim Schweizerischen Fussballverband im März dazu bewogen, den Vertrag vorerst bis Ende 2017 zu verlängern – zu verbesserten Bezügen und ohne Ausstiegsklausel im Fall eines schnellen Scheiterns an der EM. Sie werden nicht müde, zu betonen, dass eine Qualifikation für die Schweiz weiterhin keine Selbstverständlichkeit sei.

Hat die Schweiz unter Petkovic an Wärme gewonnen? Noch nicht.

Nur, hat Petkovic die Mannschaft so entwickelt, wie das als Erwartung mit seiner Einsetzung verbunden war? Spielt sie beschwingteren, attraktiveren Fussball als zuvor unter Ottmar Hitzfeld, dem Resultat und Realismus über alles gingen? Hat sie mit konzeptvollem Fussball überzeugt? Noch nicht.

Hat sie unter Petkovic bis jetzt an Ausstrahlung gewonnen? An Anziehungskraft, Begeisterungs­fähigkeit? An Wärme? Noch nicht.

Herkunft der Spieler wurde zum Thema

Vor gut zwei Jahrzehnten, als Einwanderer­kinder wie Ciriaco Sforza und Kubilay Türkyilmaz ins Nationalteam aufstiegen, war die Herkunft der Spieler kein Thema. Es war später keines, als Ricardo Cabanas folgte, der Sohn eines Spaniers, oder Johan Djourou, der Junge von der Elfenbeinküste; als Talente nach oben drängten, die in ihrem Denken die typisch schweizerischen Selbstzweifel verdrängt hatten und die als Secondos nicht mehr die kleinen Schweizer sein wollten. Die Herkunft der Spieler war kein Thema unter Köbi Kuhn und erst am Rande eines unter Ottmar Hitzfeld.

Sie ist erst richtig eines geworden, seit Petkovic der Nationalcoach ist. Das mag ungerecht sein und oberflächlich. Und es mag sein, dass der Verband überzeugt war, mit ihm als Trainer eine logische Wahl getroffen zu haben – dass er glaubte, ein Trainer vom Balkan passe zu einer Mannschaft, in der viele Spieler ihre Wurzeln in der gleichen Region haben, in Bosnien, Albanien, Kosovo, Mazedonien.

«Aber es ist Fakt», sagt Peter Stadelmann als Delegierter des Nationalteams, «wer seine Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien hat, der hat es bei uns noch immer etwas schwerer.» Und auch er gibt zu bedenken, dass der Entscheid, einen Trainer wie Petkovic zu holen, «im Empfinden gewisser Leute vielleicht ein etwas gar grosser Schritt gewesen ist». Die Diskussion dreht sich um Vorurteile und Realitäten. Um die Kernfrage, ob Petkovic die Brücke schlagen kann zwischen dieser Mannschaft und dieser Schweiz. Um die Wahrnehmung von Trainer und Team.

«Balkangraben ist kein Problem»

Vladimir Petkovic, 52-jährig, seit 1987 im Land, inzwischen mit Schweizer Pass und im Tessin sesshaft, kennt das Thema. Und behauptet: «Das ist kein Problem. Auch ein Balkangraben ist bei uns nie ein Problem. Aber es kann eines geben, wenn etwas provoziert wird, wenn entsprechend etwas geschrieben wird, wenn von unserer Seite ein unglückliches Interview gegeben wird. Dann wird Benzin ins Feuer gegossen. Dann besteht die Möglichkeit zu polemisieren. Ich verstehe die Journalisten, sie leben davon. Aber wir wollen doch alle, dass es der Mannschaft gut geht, die das Land repräsentiert. Wer auf jemanden aus unserer Gruppe schiesst, schiesst auch auf sich selbst – wenn er ein richtiger Schweizer ist.»

Petkovic war während sieben Jahren Sozialarbeiter im Tessin, als er nebenbei Agno, Lugano und Bellinzona trainierte. Er betreute Arbeitslose, lernte Menschen kennen, die zu faul sind zum Arbeiten, und Fussballer, die zu faul sind, um für andere zu rennen. Mit seinem Wechsel 2008 zu den Young Boys wurde er Profitrainer und musste da erst lernen, «mit Stars zu arbeiten».

Am Ruf arbeiten

Jetzt steht er vor seiner grössten Bewährung. Er selbst will das zwar nicht so sehen, er sagt, es habe in seinem Trainerleben schon früher vergleichbare Momente gegeben, und redet dann vom Aufstieg mit Agno, dem Cupfinal mit Bellinzona oder dem Viertelfinal in der Europa League mit Lazio Rom. Und doch ist auch ihm bewusst, dass er jetzt nicht nur ein Dorf oder eine Region vertritt, sondern ein ganzes Land, zumindest eine ganze Fussballnation.

Nicht ohne Grund liegt ihm viel daran, die kritische Haltung seinem Team gegenüber zu verändern, und hat er deshalb die Journalisten zu einer Bootsfahrt mit dem Nationalteam auf dem Luganersee eingeladen. Die Nähe von Mannschaft und Medien soll ein Symbol für die EM sein, sagt er. Es ist seine Vorstellung von der Rolle der Medien.

Gegen Albanien zeigt sich, ob dieses Team zusammenhält

Petkovic hat den Entscheid, sich offen zu zeigen, bewusst getroffen. Er will auf diese Art an seinem Ruf arbeiten, der auch wegen seiner öffentlichen Auftritte gelitten hat. Er weiss, dass er bei schnellen Interviews nach Spielen anders wirkt, als er nach eigenem Empfinden ist. «Wenn ich zwei Minuten nach einem Spiel zum Fernsehen muss und eine provokative Frage gestellt erhalte, kann ich nicht lachen», sagt er, «dafür bezahle ich mit meinem Image, ich sei zu arrogant, ich lache nicht.»

Fehlender Respekt

Er würde sich in solchen Momenten Verhältnisse wie in Deutschland wünschen, wo der Trainer ein Fernseh­interview 15 Minuten nach dem Spiel in lockerer Atmosphäre führen könne. «Darum geht es», betont er, «und nicht um die Sprache.» Es ist sein Hinweis darauf, wie wenig er die Kritik an seinen Deutschkenntnissen nachvollziehen kann.

Zu Beginn seiner Zeit als Nationaltrainer klagte er über fehlenden Respekt der Mannschaft und vor allem ihm gegenüber. Er verstand nicht, was über ihn geschrieben und geredet wurde, «über mich, über meine Unfähigkeit, diese Position als Nationaltrainer zu haben». Letzten Endes habe sich doch alles um eine Frage gedreht: «Ottmar war da, die Legende – wer ist das jetzt, der da kommt?»

Die Xhakas und die Heimatfrage: Granit Xhaka gegen Taulant Xhaka vor dem EM-Spiel Schweiz gegen Albanien.

Das war sein Eindruck. Dass er bis heute nicht vorbehaltlos gelobt wird, hängt jedoch mit einem anderen, einem wesentlichen Punkt zusammen: mit der Leistung seiner Mannschaft. Die Schweiz tritt unter ihm nicht so auf, dass sie automatisch für Euphorie sorgt. Die Qualifikation für die EM hat sie nicht zum Erlebnis gemacht. Mit ihren blutleeren Auftritten im März in Irland und gegen Bosnien-Herzegowina hat sie auch keine Werbung in eigener Sache betrieben. Darum täte sie in Frankreich wieder einmal gut daran, nicht nur gross zu reden, sondern auch entsprechend zu spielen.

Der 11. Juni von Lens

Das Problem dabei ist es, die feine Linie zwischen Selbstvertrauen und Überheblichkeit nicht zu überschreiten, zwischen Unbeschwertheit und Übermut. «EM-Titel? Warum nicht?», fragt der Basler Stürmer Breel Embolo. Und Petkovic antwortet: «Er soll so denken. Das gefällt mir, dieser leichte Anflug von Arroganz. Den habe ich ja auch, wenn ich sage, ich möchte nach zwei Gruppenspielen für den Achtelfinal qualifiziert sein.» Er setzt sich ein höheres Ziel in der Hoffnung, das Minimum zu erreichen. Er darf nicht überrascht sein, wenn das im negativen Fall gegen ihn und seine Spieler verwendet wird.

Der erste Match gegen Albanien ist mehr als nur «emotional speziell», wie es Petkovic ausdrückt. Er ist von besonderer Bedeutung für das Bild dieser Schweizer Mannschaft, für ihren inneren Zusammenhalt, dafür, ob sie an der Aufgabe wächst oder zerbricht. In diesem Match geht es, plakativ gesagt, um die Frage: Wie kämpft die Fraktion der Schweiz-Albaner gegen ihre Familien, ihre Wurzeln?

In der Qualifikation zur WM 2014 bewies sie unter Hitzfeld, dass sie dieser Herausforderung gewachsen sein kann. In Luzern gewann sie 2:0, und in Tirana tat sie mit einem 2:1 den letzten Schritt nach Brasilien. Wüst beschimpft wurde sie von ihren «Landsleuten» beide Male. Verräter war dabei noch einer der freundlicheren Ausdrücke. Sie steckte das alles weg.

Ziel Achtelfinale

Gewinnt die Schweiz am 11. Juni in Lens, hat sie ihren ersten grossen Test dieser EM bestanden. Verliert sie, steht sie der Frage gegenüber, ob sie trotzdem so gefestigt ist, dass sie nicht auseinanderbricht. Dann hat sie eine Herausforderung wie an der letzten WM nach dem 2:5 gegen Frankreich im zweiten Gruppenspiel. Und dann kann Vladimir Petkovic zeigen, ob er wirklich einem solchen Moment gewachsen ist, in dem sich für Hitzfeld «die Spreu vom Weizen trennt». Ob er eben der Trainer ist, der die Schweiz zumindest in die Achtelfinals führen kann.

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Erstellt: 05.06.2016, 16:22 Uhr

Pedro Lenz, Schriftsteller

Welches Spielsystem empfehlen Sie Vladimir Petkovic?

Petkovic liess eine Zeit lang bei YB mit drei Verteidigern und fünf Mittelfeldspielern spielen. Das System bedingte, dass die Aussenläufer im Mittelfeld immer hinten und vorne aushalfen. Das heisst, die Mittelfeld­spieler mussten extrem viel laufen. Aber wenn sie es taten, hatte YB ständig eine Überzahl im Angriff, im Mittelfeld und in der Verteidigung. Dieses System war für uns Zuschauer sehr attraktiv, aber gegen Schluss seiner YB-Zeit stellte Petkovic wieder auf vier Verteidiger um. Ich weiss selbst nicht recht, wieso.

Ich fände es fantastisch, wenn er im Nationalteam wieder ein System mit drei Verteidigern bringen würde. Ein 3-5-1-1 (also vorne eine Spitze, und einen hinter der Spitze und dann die Flügel, die aus dem Mittelfeld kommen). Konkret würde ich folgende Leute aufstellen: Im Tor Bürki, von Bergen in der Abwehrmitte, auf den Seiten Lichtsteiner und Rodriguez. Im Mittelfeld auf den Seiten laufstarke Spieler wie Embolo und Fernandes, innen Behrami, Xhaka und Zakaria, vor dem Mittelfeld als hängende Spitze Shaqiri und ganz vorne Seferovic.

Gleichzeitig darf ich auch sagen: Mich dünkt Vladimir Petkovic ein ausgewiesener Fachmann, ein guter Taktiker und guter Naticoach. Er dürfte keine Tipps von einem Schreibtischfussballer wie mir brauchen. Ich vertraue hundertprozentig darauf, dass er die richtige Taktik wählt. (Bild: Keystone Alessandro Della Valle)

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