Das Märchen des isländischen Goalies

Es ist eine verrückte Geschichte wie aus Hollywood: Hannes Halldorsson war 2005 noch Hobby-Kicker – heute steht er bei Island im Tor.

Hannes Thor Halldorsson: «Meine Geschichte ist wie einer dieser Sportfilme aus Hollywood. Nach zwei Dritteln kommt der Rückschlag – und dann das Happy End.» Foto: Imago

Hannes Thor Halldorsson: «Meine Geschichte ist wie einer dieser Sportfilme aus Hollywood. Nach zwei Dritteln kommt der Rückschlag – und dann das Happy End.» Foto: Imago

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Ja, natürlich mag er seine Geschichte erzählen. «Aber», sagt Hannes Thor Halldorsson, «ich warne dich. Mein letztes Interview dauerte drei Stunden.» Das klingt allerdings mehr wie ein Versprechen denn wie eine Drohung. Wir sitzen in einem Café nördlich des Polarkreises, draussen treibt der Wind den Regen durch Bodø. Zeit haben wir beide genug. Und dann hat der 32-jährige Nationalgoalie von Island eine Story auf Lager, die einfach zu gut ist, um nicht zuzuhören.

Einmal sagt er: «Es klingt doof, wenn ich das selber sage. Aber meine Geschichte ist wie einer dieser Sportfilme aus Hollywood. Ein Underdog kämpft sich nach oben. Dann kommt ein Tiefschlag. Und schliesslich doch das Happy End.» Das glückliche Ende, das soll die Euro sein, in die Island heute gegen Portugal startet. Der Tiefschlag, das ist eine Verletzung, die er sich im letzten Oktober zugezogen hat. Seine lädierte Schulter hat ihn einst fast die Karriere gekostet. Als er sie ein halbes Jahr vor der EM wieder auskugelt, schiesst es ihm durch den Kopf: «Jetzt geht vielleicht mein grösstes Abenteuer den Bach runter.»

Es ist kein Zufall, dass sich Halldorsson mit Filmfiguren vergleicht. Mit ihnen kennt er sich aus. Sogar noch besser als mit Fussball. Schliesslich verdiente er sein Geld bis vor etwas mehr als zwei Jahren als Regisseur. Musikvideos und Werbung hat er vor allem gedreht, seine Arbeit war gefragt. Noch heute schneidet er zwischen Trainings und Matches Filme. Derzeit läuft in Island ein Spot, in dem er Aufnahmen aus den Kindheitstagen der isländischen Nationalspieler mit aktuellen Bildern zusammengefügt hat. Er ist der einzige Spieler dieser EM, der die Werbung selbst produziert hat, in der er auftritt.

«Ich war der Typ, der immer alles gefilmt hat»

Dabei hatte er sich von seiner Karriere als Goalie schon einmal verabschiedet. Wobei das Wort Karriere vielleicht falsch gewählt ist. Halldorsson mag ein talentierter Junge sein. Doch als er als 14-Jähriger mit seinem Vater ein Wettrennen neben der Skipiste macht, renkt er sich die Schulter aus. Und jedes Mal, wenn er ins Tor zurückkehrt, springt die Schulter wieder aus dem Gelenk. Fünfmal geht das so, bis er sich mit 19 operieren lässt.

Kein Wunder, dass Fussball zu der Zeit in seiner Welt keinen grossen Platz mehr einnimmt. Seine Freunde wissen nicht einmal, dass er Goalie ist: «Für sie war ich einfach der Typ, der immer alles gefilmt hat.» Offiziell besucht er ein Wirtschaftsgymnasium. Aber viel wichtiger ist ihm der Videoclub: «Für mich war es eine Filmschule.» Und weil er etwas draufhat, kann er gleich nach dem Abschluss ins Filmbusiness einsteigen.

Nur weil ihn ein Freund fragt, trainiert er 2004 in einem Vorortsclub von Reykjavik mit. Die ganze Saison sitzt er auf der Bank. Bis auf das letzte Spiel. Es geht um viel: Leiknir könnte zum ersten Mal in die höchste Liga aufsteigen: «Und mir ist es tatsächlich gelungen, das wichtigste Spiel in der Geschichte meines Clubs zu vermasseln.» Halldorsson spielt den Ball im eigenen Strafraum dem Gegner in die Füsse. Niederlage, Aufstieg verpasst. «Ich habe gesagt: Gut, das wars mit Fussball.»

2005 bringt er 105 Kilogramm auf die Waage, er interessiert sich viel mehr für Partys und Filme als für Sport. Im Training taucht er bloss nochmals auf, weil das Team einen zweiten Goalie für die Übungen braucht. Als er in die Kabine kommt, «da haben mich die anderen wegen meines Gewichts ausgelacht».

Ein Video für den Eurovision Song Contest

Das könnte also das Ende sein von der Geschichte des Fussballers Hannes Halldorsson. Aber es ist der Anfang. Weil tief in ihm drin etwas nagt: «Ich habe immer gefühlt, dass ich etwas habe, das die anderen Goalies nicht haben.» Er weiss, dass das verrückt klingt. Nach einer gespielten Partie in fünf Jahren, die er erst noch verbockt hat. Aber er will es versuchen, ein letztes Mal.

Halldorsson fotografiert als Mahnmal seinen übergewichtigen Körper, geht ins Fitness-Studio und bewirbt sich in der dritten Liga. Nach einer halben Saison schreibt er dem Trainer der isländischen U-21: «Hey, ich bin Hannes, ich spiele in der 3. Liga, und ich weiss, dass ich besser bin als die Goalies in deinem Team. Komm mich anschauen.» Halldorsson grinst: «Tat er natürlich nicht.»

Trotzdem erstellt er einen Plan: Bis 2008 will er in der höchsten isländischen Liga spielen. Und tatsächlich geht es aufwärts. Dritte Liga, zweite Liga und schon 2007 holt ihn Fram Reykjavik in die erste Liga. Er erhält einen Vertrag, der ihm für die fünf Monate dauernde Saison rund 600 Franken einbringt – und drei Paar Torwarthandschuhe: «Das war grandios, ich war ekstatisch.» Als er vier Jahre später von Rekordmeister KR Reykjavik verpflichtet wird, sieht er sich am Ziel: «Ich war beim besten Club Islands – dort hatten alle Helden meiner Kindheit gespielt.»

Neben dem Fussballplatz nimmt seine Karriere als Regisseur fast noch schneller Fahrt auf. Sein Stil kommt an, er erzählt Geschichten mit Witz und Herz. Grosse Firmen wie Ikea geben bei ihm Werbespots in Auftrag, 2012 dreht er das Musikvideo zum isländischen Beitrag von «Greta Salome & Jonsi» zum Eurovision Song Contest.

Und er hat Pläne für Spielfilme. Da ist etwa der Plot von zwei verfeindeten Macho-Polizisten, die sich im Kampf gegen die Mafia in Reykjavik zusammenraufen müssen. Sie fluchen, hauen vieles kaputt, und in der Mitte des Films landen sie zusammen im Bett. Es ist, als würden sich Will Smith und Brad Pitt durch Herrliberg prügeln, um sich zwischendurch bei einem Glas Rotwein tief in die Augen zu schauen.

«Leynilögga» war bloss ein für eine Comedy-Show gedrehter Trailer eines Films, den es gar nicht gibt. Aber nach der Ausstrahlung wollte ganz Island die zwei schwulen Cops sehen. «Autoverfolgungen in Reykjavik – das ist so absurd, dass es die Leute lieben», sagt Halldorsson. Den Hang zu schrägen Geschichten hat er von klein auf: Mit zwölf dreht er mit Freunden die Abenteuer des Superhelden «Swim Man», der leider am Ende ertrinkt.

Halldorssons Problem wird, dass er auf allen Ebenen Erfolg hat. Beim KR Reykjavik ist er zwar nur Halbprofi: «Aber die bezahlen schon richtiges Geld.» Und als Regisseur arbeitet er Vollzeit. Das bedeutet, dass er manchmal um vier Uhr morgens aufsteht, um rechtzeitig beim Abendtraining zu sein. Filmprojekte kommen nicht infrage, weil er nur in der Saisonpause mehrere Tage am Stück drehen kann.

Als dann 2013 das erste Kind auf die Welt kommt, wird alles zu viel: «Alle waren unzufrieden. Meine Freundin, der Club, die Kunden – weil ich überall nur 80 Prozent geben konnte.» 29 Jahre alt ist Halldorsson in dem Moment. Und wo andere sich auf die Karriere im bürgerlichen Beruf konzentriert hätten, tut er alles, um Fussballprofi werden. Sandnes Ulf nimmt ihn schliesslich 2014 unter Vertrag; ein kleiner norwegischer Club mit einem Stadion, in das keine 5000 Zuschauer passen. Für Halldorsson ist es die grosse, weite Fussballwelt.

Erst mit 19 das erste richtige Goalietraining

Es kommt die EM-Qualifikation, Halldorsson lässt beim 2:0-Sieg im Heimspiel die Holländer verzweifeln. Kein Zufall, dass ihn danach mit NEC Nijmegen ein niederländischer Verein verpflichtet. Er hat es geschafft: Er, der erst mit 19 Jahren sein erstes richtiges Goalietraining erlebt hat, ist Profi in einer ernsthaften Liga, Island erreicht erstmals ein grosses Turnier.

Dann dieser Tag im Oktober: Wieder die Schulter. Erst die Ungewissheit, dann nach 140 Tagen Pause ein kurzfristiges Leihgeschäft nach Bodø, um Spielpraxis zu sammeln. Als wir uns Mitte Mai gegenübersitzen, ist klar: Es wird reichen für die EM. Also lehnt sich Hannes Halldorsson zurück und freut sich darüber, wie sich seine Fussballkarriere und seine Filme gleichen: «Meine Geschichten haben immer nach einem langen Anlauf einen kurzen Stopp nach zwei Dritteln. Und dann geht es weiter.»

Heute Abend, da wird es für ihn weitergehen. Vor 80 000 Zuschauern im Stade de France gegen das Portugal von Cristiano Ronaldo steht der Regisseur wieder im Tor. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.06.2016, 16:27 Uhr

Die Schweizer als Geburtshelfer des Fussballwunders

Island ist mit 300 000 Einwohnern das kleinste Land, das es an eine EM gebracht hat. Woher kommt der Erfolg der Inselnation? Hannes Halldorsson hat seine Reflexe noch an der Wand hinter dem Stadion trainiert, im Winter war das Training in einer Reithalle. Aber diese Zeiten sind vorbei. Der Nationalgoalie verweist darauf, dass seit 2000 im ganzen Land Hallen entstanden, wo auch in den langen Wintern Fussball gespielt wird. Der Verband investiert in die Ausbildung von Nachwuchstrainern. Und im Nationalteam spielen keine Amateure mehr und mit Gylfi Sigurdsson von Swansea sogar so etwas wie ein kleiner Star.

Eine klassische Handballnation

Eigentlich sei Island mit seiner Einwohnerzahl eine klassische Handballnation, sagt Halldorsson: «Dort braucht es drei, vier sehr talentierte Spieler für ein gutes Team.» Tatsächlich hat Island im Handball 2008 olympisches Silber gewonnen. Vielleicht sei es auch etwas Glück, dass Island nun auch im Fussball «fünf bis sieben Top-Leute» habe, meint Halldorsson: «Das reicht uns für eine gute Fussballmannschaft. Weil wir hart arbeiten und eine Gewinnermentalität haben.» Zudem sei mit Lars Lagerbäck «der richtige Trainer zur richtigen Zeit» gekommen.

Ungewollt haben auch die Schweizer zum isländischen Höhenflug beigetragen. «Jenes 4:4 war unser Wendepunkt», sagt Halldorsson über das Spiel von 2013, «zuvor sind wir wie klassische Underdogs zu unseren Punkten gekommen. Tief stehen, vorne vielleicht ein Standard. Aber als wir gegen die Schweiz nach einem 1:4-Rückstand zurückkamen, haben wir gemerkt, dass wir mitspielen können.» Die WM 2014 hat Island danach noch verpasst. Aber in der EM-Qualifikation stürmten sie in ihrer Gruppe auf Rang zwei und sorgten mit zwei Siegen über die Holländer für deren Scheitern. (fra)

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