Zum Hauptinhalt springen

Urlaub am MittelmeerEndlich wieder Antalya

Millionen lieben die Strände vor der Kulisse des Taurus-Gebirges. Und nun kann man wieder dort Ferien machen. Ein Besuch.

Sonne, Meer und Strand lockten letztes Jahr 16 Millionen ausländische Gäste, dazu noch gut drei Millionen türkische Touristen in die Provinz: «Konyaalti Beach» in Antalya.
Sonne, Meer und Strand lockten letztes Jahr 16 Millionen ausländische Gäste, dazu noch gut drei Millionen türkische Touristen in die Provinz: «Konyaalti Beach» in Antalya.
Foto: Kaan Soyturk (Reuters)

Antalya. Herz und Motor der türkischen Tourismus-Industrie, Traumziel für Millionen. 14 Tage Meer, Sonne, Sand und Verpflegung dazu all-inclusive. Das ist das eine Antalya.

Es gibt aber noch ein anderes. Eines für solche, die den Urlaubstraum von gigantischen Konzept-Hotelanlagen wie «Titanic», «Kreml» oder «Empire-State-Building» samt Poollandschaft mit Fontänen, Wummer-Musik und Gästebändchen am Handgelenk als Albtraum erleben würden.

Die Provinz Antalya ist ein Landstrich von 600 Kilometern Länge, sie reicht von Kas im Westen bis Alanya und Gazipasa im Osten. Sie bietet Hotellandschaften mit fantastischen Stränden vor der Kulisse des Taurus-Gebirges, schroffe Gipfel und karstige Hänge steigen an hinter Liegen im Puderzuckersand. Auf dem Weg nach Patara findet man antike Stätten, lykische Gräber, byzantinische Kirchen, osmanische Moscheen. Am Grab des Heiligen Nikolaus in Myra reiben orthodoxe Griechen und Russen am glückbringenden Fuss der Statue ihres Schutzpatrons, die Bronze liegt schon blank. Eine Seilbahn fährt auf den 2365 Meter hohen auch Olymp genannten Berg Tahtalı, unten bei Çıralı, brennt seit Tausenden Jahren das Feuer der Chimäre: ein Mythos und ein Naturwunder, allein dank des Gases in der Erde.

Oder Antalya-Stadt. Die restaurierte osmanische Altstadt, das Hadrianstor, die römische Stadtmauer, das archäologische Museum samt im Garten stolzierender Pfauen, ein alljährliches Filmfest. Ein internationales Radrennen gibt es, einen Fussballklub der türkischen Superliga, der in einem Solarstadion spielt.

Altstadt und historischer Hafen von Antalya.
Altstadt und historischer Hafen von Antalya.
Foto: Kaan Soyturk (Reuters)

Und das «Land of Legends» als eine irre, fast extraterrestrische Fantasiewelt mit Fünf-Sterne-Hotel, Shoppingmall und einem Themenpark, in dem Beluga-Wale und Delfine in ihren Becken springen, Roller-Coaster mit 115 Stundenkilometern in die Tiefe donnern und Riffhaie beim Dinner hinter den Glaswänden eines Nobelrestaurants schwerelos auf und ab schwimmen, während draussen auf dem Kanal eine Show läuft, die einer der Macher vom Cirque de Soleil inszeniert hat. Jedenfalls war das so vor Corona: Antalya lief, ob gehoben oder preiswert, ob superexklusiv oder all-inclusive.

Die Stimmung sank von Goldrausch auf Katzenjammer

Im Jahr 2019 kamen 16 Millionen ausländische Gäste, dazu noch gut drei Millionen türkische Touristen. 2023 sollten es dann 25 Millionen werden. Nur wenige fragten laut, ob das so weitergehen könne, ob die Infrastruktur der vor 40 Jahren geplanten Urlaubsregion nicht irgendwann zwangsläufig zusammenbrechen müsse.

Über all dem hing die Frage, ob dieser «asymmetrische Tourismus» den Einheimischen überhaupt länger zuzumuten sei: Millionen Gäste kommen hinter den Mauern und Hecken abgeschlossener Resort-Hotels auf ihre Kosten, internationale Reiseveranstalter, Fluggesellschaften und Hotelketten verdienen Milliarden. Die Einwohner von Antalya aber stehen dabei oft am Rand. 250'000 haben zwar einen Arbeitsplatz im Massentourismus. Aber für die meisten Einheimischen zahlt sich der Rummel am Ende nicht aus. Recep Esengil, ein Architekt, der Antalya vor 30 Jahren mitgeplant und mitgebaut hat, sagt heute: «So hatten wir das nicht gedacht.»

Dann kam Corona. Die Flugzeuge blieben weltweit am Boden, Buchungen wurden storniert, riesige Hotelanlagen geschlossen. Die Stimmung in Antalya sank von Goldrausch auf Katzenjammer. Der Hotelmanager Sebahattin Asi sitzt im Restaurant des Mega Saray, 110'000 Quadratmeter Fläche, Platz für 2500 Gäste. Er sagt: «Im April und im Mai hat sich das hier angefühlt wie auf dem Friedhof.» Jetzt ist laut Kalender Hochsaison, aber die Atmosphäre im Poolgarten des Mega Saray hat dennoch eher etwas von einem Kurpark. Ein paar Hundert Gäste sind da.

«Diese Reise nach Antalya war die beste Idee, die wir je hatten.»

Alisa Decker, Touristin

Angelika Klamet etwa, sie kommt seit 20 Jahren mit ihrem Mann in das Mega Saray. Der Maskenzwang am Büfett stört sie wenig, der 61-Jährigen aus Hannover tun nur die Angestellten leid, «die müssen ihre Masken im Hochsommer den ganzen Tag tragen». Und dass sich nicht mehr jeder Gast sein Essen einfach selbst nehmen könne, habe auch gute Seiten: «Dann wird das Büfett nicht so zerwühlt.» Ihre Reise haben sie und ihr Mann ein-, zweimal verschoben, dann haben sie Angst und Bedenken beiseite gedrückt und sind nach Antalya geflogen.

Die Touristen sind wieder da, dieses Jahr mit Maske am Strand von Konyaalti.
Die Touristen sind wieder da, dieses Jahr mit Maske am Strand von Konyaalti.
Foto: Kaan Soyturk (Reuters)

Auch Alisa Decker und Ann-Kathrin Hoffmann sind nicht das erste Mal im Mega Saray. Sie sind «beste Freundinnen», und auch wenn die Verwandten und Bekannten zu Hause den beiden knapp 30-Jährigen abgeraten hatten, «war diese Reise nach Antalya die beste Idee, die wir je hatten». Sie fühlen sich sicher, «die Türken achten ja wahnsinnig auf die Hygiene, überall sind Masken und Desinfektionstücher». Das Einzige, was Alisa Decker fehlt, ist der Körperkontakt: «Man will sich doch auch mal in den Arm nehmen.» Alisa kennt das Mega Saray, seit sie Kind war, und die meisten der türkischen Angestellten begrüssen die 29-Jährige heute immer noch mit dem Vornamen.

Seit Mitte August landen auch die Russen wieder in Antalya, sie waren 2019 mit fünf Millionen die wichtigste Besuchergruppe. Sie heben auch jetzt die Belegungsquote, die Einheimischen erkennen ihre Jets beim Anflug am Lärm, die russischen Maschinen sind lauter. Ann-Kathrin Hoffmann helfen die Russen nicht wirklich weiter. Sie sagt: «Russisch kann ich nicht, also tanze ich mit den Russen dann auch nicht.»

Wie lässt sich eine Zukunft planen, die keiner kennt?

Das ist der Stand August 2020. «Das Jahr können wir abschreiben», sagt Hotelchef Asi nüchtern. Er hat sein Haus am 19. Juni wiedereröffnet, er kommt bei der Belegung aufs gesamte Jahr gerechnet auf 70 Prozent Minus. Asi schiebt die grüne Tischmarke zur Seite – liegt die grüne Seite oben, ist der Tisch im Restaurant desinfiziert und frei, bei Rot ist er noch gesperrt.

Das Anti-Corona-Programm kann Asi herunterbeten, schliesslich muss er es umsetzen. Die Rezeption hinter Plexiglas, das Büfett ohne Selbstbedienung, Tische und Stühle werden nach jedem Gast gereinigt. Überall Fläschchen mit Desinfektionsmitteln, Hygienetücher, Obergrenzen für Spielplatz und Gym, die Disco geschlossen. Zum Glück für Asi und seine Gäste gibt es auch eine im Freien.

«Ein einziger Gast ist ein Gast mehr als gar kein Gast.»

Sebahattin Asi, Hotelmanager

Und die Kosten? 20 Prozent mehr Angestellte, denn «zum Putzen braucht man viele Leute», sagt der Manager. Die Kosten für Desinfektionsmittel und Masken: Seit Mitte Juni hat er 150'000 Masken an seine Gäste ausgegeben, jede einzelne kostet ihn zehn Cent. Das macht noch einmal 15'000 Euro Minus. Es sind Massnahmen, die Punkt für Punkt vorgeschrieben werden im Katalog eines Zertifikats, das seit Juli Voraussetzung ist für jeden Hotel- und Restaurantbetrieb in der Türkei. Das soll den Gästen ein Gefühl von Sicherheit geben, die mehr als 130 Klauseln werden streng überwacht, regelmässig kommen Kontrolleure inkognito.

Hotelier Asi ist Realist, in diesen Zeiten ist schon wenig ein Erfolg. 40 Prozent Belegung sind gut, 50 Prozent toll. Asi sagt: «Ein einziger Gast ist ein Gast mehr als gar kein Gast.» Aber er weiss, dass es so nicht ewig weitergehen kann: «Das Hotel muss ja überleben.» «Wir meisseln uns das Brot notfalls aus den Steinen», sagt ein türkisches Sprichwort – wenige Länder sind so krisenerfahren wie die ewig krisengebeutelte Türkei. Erdbeben, Staatsstreich, Terror, Wirtschaftskrisen: «Nach jeder Katastrophe kamen wieder gute Zeiten», sagt ein Reiseprofi. «Das ist fast ein Gesetz.» Auch in den Zeiten von Corona? Vielleicht für zwei, für drei, für viele Jahre? Wie lässt sich eine Zukunft planen, die keiner kennt?

Sonne und Strand oder Kultur, Sightseeing, Naturerlebnisse?

Manche meinen, die Antwort liege auf der Hand. Auf dem Frühstückstisch stehen: Börek, Salat, Obst und Tee. Quasi über dem Frühstückstisch hängt: ein Papagei im Käfig, der zehn Worte sprechen kann, aber kein einziges verraten will. Am Frühstückstisch sitzen: Der Architekt, der das moderne Antalya vor 30 Jahren mit aufgebaut hat. Und Tuncay Neyisçi, ein Professor und Forstfachmann, der angesichts von Bettenburgen, einer ausgeleierten und überforderten Antalya-Infrastruktur und nun auch noch Corona schon lange über den Tourismus der Zukunft nachdenkt. Sanft, umweltschonend, «verteilt in der Fläche, im Hinterland». Mit weniger Resorts und mehr Boutique-Hotels, Familien-Pensionen. Neben Sonne und Strand auch Kultur, Sightseeing, Naturerlebnisse, Gesundheits- und Sporttourismus. Der Professor streicht über seinen ergrauten Pferdeschwanz und sagt: «Covid-19 gibt uns die Gelegenheit, Antalya neu zu denken.»

«All-inclusive ist der stärkere Magnet als das schönste Kultur-Angebot da draussen.»

Sebahattin Asi, Hotelmanager

Fragt man die kleine Frühstücksrunde, ist die Antwort klar: Corona als Chance nutzen, den gefrässigen Massentourismus umstrukturieren, auf Qualität setzen, sein Geld klima-, natur- und menschenfreundlich verdienen.

Eine Seilbahn führt auf den Aussichtsberg Tünek Tepe über Antalya.
Eine Seilbahn führt auf den Aussichtsberg Tünek Tepe über Antalya.
Foto: Getty Images/iStockphoto

Fragt man die klassischen Hoteliers, werden Zahlen durchgekaut: Am Ende bleiben doch nur Sun und Beach als Köder und Kernkompetenz. «Man kann den Urlaub ja nicht neu erfinden», sagt Manager Asi. «Das Publikum will Sonne, Meer, Strand. 16 Millionen kommen genau dafür her.» Und er schiebt hinterher: «All-inclusive ist der stärkere Magnet als das schönste Kultur-Angebot da draussen.»

Fragt man dann auch noch Angelika Klamet, Alisa Deckers oder Ann-Kathrin Hoffmann im Mega Saray, dann klingt das zusammengefasst so: Sightseeing ist schön, Entspannung ist noch schöner, und im Hotel ist es fast wie daheim. Und deshalb ist es hier Weltklasse. Schwierig also für Antalya.