Epstein-Affäre macht jetzt auch Wissenschafter nervös

Ein MIT-Chef tritt ab, weil er Spenden von Jeffrey Epstein akzeptiert hat. Nun stellt sich die Frage: Wie schmutzig ist die Wissenschaft?

Jeffrey Epstein spendete auch für die Wissenschaft, das führt nun zu bangen Fragen. Foto: Keystone

Jeffrey Epstein spendete auch für die Wissenschaft, das führt nun zu bangen Fragen. Foto: Keystone Bild: Reuters

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Der Fall Jeffrey Epstein erschüttert weiter die Machtstrukturen der amerikanischen Gesellschaft. Der New Yorker Investor hatte am 10. August in Untersuchungshaft Selbstmord begangen, nachdem er wegen mehrer Sexualverbrechen an Minderjährigen angeklagt wurde.

So bemühten sich unter anderen Donald Trump, Expräsident Bill Clinton und der britische Prinz Andrew, ihre Freundschaften zu Epstein herunterzuspielen. Am 19. Juli war Trumps Arbeitsminister Alexander Acosta zurückgetreten, weil er 2008 als damaliger Generalstaatsanwalt für Südflorida ein Gefälligkeitsurteil wegen Prostitution mit Minderjährigen für Epstein abgesegnet hatte.

Doch nicht nur Regierungskreise sind von dem Fall berührt. Es ist vor allem die amerikanische Wissenschafts- und Technologieszene, die in diesen Wochen begreift, dass sich hinter der Felix-Krull-Figur des Wissenschaftsphilanthropen Epstein ein Caligula verbarg.

Joichi Ito, Direktor des Forschungsinstituts Media Lab am Massachusetts Institute for Technology, beim Besuch am WEF 2017. Foto: Reuters

Am Samstag hat nun der Direktor des interdisziplinären Forschungsinstituts Media Lab am Massachusetts Institute for Technology Joichi «Joi» Ito seinen Rücktritt erklärt. Grund sind nicht nur seine engen Verbindungen zu Epstein, die Ito schon zugegeben hatte. Doch nun kam heraus, dass Ito nach Epsteins erstmaliger Verurteilung Mitarbeiter angewiesen hatte, zu verschleiern, dass das Institut weiter Spenden von ihm bekam, die Ito teilweise aktiv eintrieb.

Das berichtet Ronan Farrow in der Wochenzeitschrift «New Yorker», dem E-Mails zwischen Ito und Mitarbeitern vorliegen. Ausserdem vermittelte Epstein wohl Spendengelder von Microsoft-Gründer Bill Gates und Investor Leon Black in Höhe von insgesamt 7,5 Millionen Dollar an das Institut.

Itos Rücktritt hat die Schockwellen in der amerikanischen Wissenschaft enorm verstärkt. Das Media Lab ist eines der progressivsten Forschungsinstitute, das seit über dreissig Jahren die Fortschritte digitaler Technologien vorantreibt. Eine Unterschriftenliste mit über 300 Namen prominenter Wissenschaftler, die sich hinter Ito stellten, ist aus dem Netz verschwunden.

Jeffrey Epstein während einer Anhörung in New York im Juli 2019. Bild: Reuters

Epsteins Spendengelder wirkt wie radioaktiver Müll in den Haushalten der Institute und Institutionen. Und die Liste der Empfänger ist lang. Einige haben sich schon distanziert. Andere, wie die Havard University, die 6,5 Millionen Epstein-Dollar bekommen haben soll, äussern sich nicht.

Der Fall hat aber auch eine Debatte über die ethischen Fallstricke der Gelder ausgelöst, mit denen sich die amerikanische Wissenschaft finanziert. Die Tech-Unternehmerin Mary Lou Jepsen, die am Media Lab geforscht und mit dem Lab-Gründer Nicholas Negroponte das Entwicklungshilfeprojekt «One Laptop per Child» gestartet hatte, veröffentlichte vergangene Woche einen viel beachteten Essay auf dem Webportal Medium. Da stellt sich die Frage, wie unabhängig Wissenschaft sein kann, wenn sie Geld von undurchsichtigen Figuren wie Epstein annimmt, vom Militär oder von autokratischen Regimes.

Sie selbst hatte, wie sie schreibt, für ihr «One Laptop»-Projekt Gelder von Muammar al-Gaddafi und aus Ländern angenommen «die die Liste der korruptesten Länder der Welt von Transparency International anführen». Jepsen vergleicht Epstein mit dem Fall Weinstein in Hollywood. Es sieht so aus, als ob die Wissenschaft ähnlich heftig über die ethischen Probleme in den eigenen Reihen diskutiert, wie Hollywood nach #MeToo.

Erstellt: 09.09.2019, 12:25 Uhr

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