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Porträt von Piet AlderEr brachte Bands aus L.A. ins Gonzo

Mit dem Einkommen als Berufspilot finanziert der Wahlzürcher den melodiösen Retrorock seines Plattenlabels Taxi Gauche – und er backt Kuchen.

Die Brille verrät es: Piet Alder ist nicht nur Labelchef, er ist auch Linienpilot.
Die Brille verrät es: Piet Alder ist nicht nur Labelchef, er ist auch Linienpilot.
Bild: Anna-Tia Buss

Als der Schreibende gefragt wird, ob er Lust hätte, den Besitzer des Musiklabels Taxi Gauche zu porträtieren, der hauptberuflich als Pilot tätig sei, sagte er nicht nur: «Klar!», er wünscht sich insgeheim auch die Wahrwerdung des Klischees, hegt also die (zugegeben etwas abartige) Hoffnung, dass dieser Piet Alder ein geschniegelter, supercooler, Tom-Cruise-Verschnitt mit Porsche-Brille ist, der sich am vereinbarten Treffpunkt herrlich affektiert mit «Hey man, what’s up?» vorstellen wird.

Tatsächlich steht dann ein Mann vor der Bar Si o No, der von der Grösse her als Basketballer durchgehen würde, einen eigenwilligen Sixties-Look mit adäquatem Augenglas zur Schau trägt, der aber vor allem von ausnehmender Höflichkeit und Zurückhaltung ist. Sodass man irritiert denkt: «Die Helden der Lüfte sind scheinbar auch nicht mehr, was sie mal waren.»

Beatles und Cypress Hill

Das ist natürlich Quatsch. Und für diese Story vor allem gar nicht von Belang, da es im Gespräch um Musik, Bands und das Label Taxi Gauche gehen soll. Dass wir später dennoch übers Fliegen reden, liegt daran, dass beim Wahlzürcher irgendwie alles mit allem zusammenhängt (das gilt sogar fürs Kuchenbacken!). Doch jetzt mal schön der Reihe nach. Darum hüpfen wir fürs Erste rasch ins Appenzeller Dorf Hundwil.

Dort wächst Alder mit sieben Geschwistern auf – und zwar als «Son of a Preacher Man», um es musikalisch zu sagen. Das heisst: Calvinismus und Kirchenlieder à discrétion. Bis der Lehrer mit der Klasse ein Beatles-Stück durchnimmt. «Das war mein Erwachen», sagt der 35-Jährige. «Ich fing an zu hinterfragen, die Welt jenseits konservativer Konventionen zu entdecken.» Er taucht immer öfter ab in die St. Galler Subkultur, wo er sich erstmals als «Teil einer Gruppe» versteht. Da ihm das Elternhaus die langen Haare verwehrt, rasiert er sich aus Protest eine Glatze und geht so ans erste Konzert seines Lebens – es ist die lustig verpeilte Show der Hip-Hop-Formation Cypress Hill.

«Ich habe niemals des Rebellierens wegen rebelliert, dieser Befreiungsschlag war für mich eine existenzielle Not.»

Piet Alder

«Was ist mit Drogen?», will der Journalist wissen: «Weich, hart, dann und wann oder pathologisch?» Alder nimmt einen Schluck Gazosa und sagt: «Das hat mich nie interessiert. Ich habe übrigens auch niemals des Rebellierens wegen rebelliert, dieser Befreiungsschlag war für mich eine existenzielle Not.»

Umso stärker ist die schiere Neugier aufs Leben, namentlich auf die Kultur. Wie der ausgetrocknete Schwamm unterm Wasserhahn saugt er sich voll mit Eindrücken und Wissen, die musikalische Sozialisierung führt ihn nun Richtung Indie, New Wave und hypnotischen Rock. Was wiederum das Interesse an Manchester weckt, wo er für die geplante Lehrerausbildung sein Englisch in Form bringt.

Los Angeles wird zum Mekka

Eines Tages sagt ihm ein Kumpel während eines Fluges: «Pilot, das ist doch auch noch ein cooler Job.» Alder denkt darüber nach, lässt die Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule in Luzern, wo er sein frühes Twentysomething-Dasein verbringt, links liegen und bewirbt sich für die Ausbildung zum Linienpiloten. Er nimmt Hürde um Hürde mit Bravour, im Alter von 24 ist er Co-Pilot für Kurzstrecken, vier Flüge pro Tag. Weil er auf Airbus gelernt hat, fliegt er diesen Maschinentypus später auch bei Langstreckeneinsätzen, die ihn schliesslich nach Los Angeles führen. «Diese Stadt, ich kanns nicht anders sagen, ist dann zu meinem musikalischen Mekka geworden», so Alder.

Bei Langstreckenflügen haben Piloten zwei Tage «Layover», wie ein solcher Aufenthalt im Jargon heisst. Diese Zeit verbringt der Musikfreak nicht im Hotel oder beim Shopping, sondern an Konzerten in den Stadtvierteln Echo Park und Silver Lake. Dort trifft er auf Seelenverwandtschaft: In sich gekehrte Shoegazer, wehmütige Surfgitarren, Bands, die fesselnde psychedelische Wall of Sounds aufziehen und niederreisen. Es ist ein Wiedererblühen der sinnlichen Sixties, Look und Style inklusive: Stardesigner und Rockfan Hedi Slimane, populär geworden durch seine Tätigkeit fürs Haus Yves Saint Laurent, wird zu einer Art Kurator der Musikszene von L.A. – und zu Alders modischer Inspiration («Was bisweilen ziemlich ins Geld geht», wie er lachend betont).

Der Traum vom eigenen Label

Es sind aber insbesondere die Haltung dieser Leute und ihr «Do it yourself»-Credo, wie ehedem im Punk, die ihn begeistern: Wer grad Bock hat, startet eine Band, gründet ein Label, stellt ein Festival auf die Beine. Positive Energie, Freude am Leben, ein Mit- statt ein Gegeneinander.

Über die Jahre wird Piet Alder selbst Teil dieser Szene, hat aber auch beste Kontakte zu hiesigen Veranstaltern aufgebaut; mit Froth und Corners bringt er gar erste L.A.-Bands ins Gonzo nach Zürich. Und so wagt er im Juli 2018 den Traum vom eigenen Label. Er nennt es Taxi Gauche («hat mit einer verflossenen Liebe zu tun») und gibt bis Ende Jahr je eine LP und eine Single heraus. Heute, 22 Monate später, hat er bereits zwölf Acts aus der Schweiz und den USA unter Vertrag und neun Alben, drei Singles und eine EP veröffentlicht – alles «strictly Vinyl», in Auflagen von 200 bis 600 Stück. Und er will weiter­wachsen, mit Harvey Rushmore & the Octopus aus Basel ist bereits die nächste Formation auf Alders Radar, «es wäre grossartig, wenn sie die neue Platte auf Taxi Gauche machen würden», sagt der Labelchef.

Cheesecakes für die Promokasse

Voilà, jetzt noch zu dieser Sache mit den Kuchen. Die geht so, dass Alder sehr gern backt. Und dass sich seine Erzeugnisse bei gewissen Zürcher ­Cafébars immenser Beliebtheit erfreuen. Damit nicht noch mehr des «eingeflogenen» Einkommens für den musikalischen Schall seiner Bands draufgeht, versucht er, das PR- und
Marketingbudget durch den Verkauf von ­Bananenbroten, Cheesecakes usw. zu äufnen. «Während der Corona-bedingten Kurzarbeit hat das ganz gut geklappt.» Sagts, lacht, nimmt den letzten Schluck Gazosa und verabschiedet sich so charmant, wie er gekommen ist.

Nächste Releases: Kyle Avallone, LP «Last Minute Man» (5.6.) / Annie Taylor, LP «Sweet Mortality» (4.9.)

Taxi Gauche Records, www.taxigauche.com
Ankerstr. 23, 8004 Zürich

4 Kommentare
    Anton Moser

    Wo kann man denn die Gebäcke dieses Hans Dampf in allen Lüften kosten?