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«Grossvater des Samichlaus»Er darf als einziger Fan noch ins Stadion

Geisterspiele weltweit – doch einen US-Amerikaner hält das nicht davon ab, sein Team anzufeuern. Ganz legal.

Ganz allein im Stadion bleibt Kerry Maher seinem Team treu.
Ganz allein im Stadion bleibt Kerry Maher seinem Team treu.
KBO/MBC Sports

Die Koreaner sind verrückt nach ihm. Sie finden seine Erscheinung so imposant, dass sie in ihm nicht nur den Nikolaus persönlich sehen, nein, Kerry Maher ist im fernen Osten gar «Santas Grossvater». Alternativ geht auch «Grossvater Lotte» oder «KFC-Grossvater», in Anlehnung an die US-amerikanische Fast-Food-Kette. Einfach etwas mit Grossvater muss es sein, so beeindruckend ist Mahers weisser Bart.

In Busan, einer Grossstadt im Südosten des Landes, ist Maher eine kleine Berühmtheit geworden. Alles, was er dafür tun musste: sich nicht rasieren und bei jedem Baseballspiel der Lotte Giants auftauchen. Fans des Clubs sind auch Fans von ihm, vor und nach jeder Partie posiert er für Selfies. Als er einmal in seiner Heimat, in den USA, war, fragten ihn südkoreanische Touristen nach einem Foto. «Was zur Hölle ist hier los?», fragt sein Bruder, der mit ihm unterwegs ist. Doch Kerry macht gern mit. Nur eine Regel hat er neuerdings und gezwungenermassen: Trägt einer keine Maske, gibt es kein Bild.

Momentan aber, da schlendert der 65-Jährige sowieso meist ganz allein zum Saijk-Stadion, um sich Spiele anzusehen. Natürlich, das Coronavirus. In der südkoreanischen Baseballliga KBO wird ohne Zuschauer gespielt. Aber einen lassen sie rein: Maher, den Superfan der Giants, der es mittlerweile sogar auf die Gehaltsliste des Clubs geschafft hat. Sein Job: Er soll seine Landsmänner, die es nach Südkorea verschlägt, mit dem dortigen Leben und den Gepflogenheiten des Landes bekanntmachen.

Und so sitzt Maher Woche für Woche im 27’000 Zuschauer fassenden Stadion auf dem gleichen Platz wie immer. Spieler grüssen ihn, auch die des Gegners, er hört jedes Wort. «Ich sitze hier ganz allein», berichtet er dem US-Sport-Sender ESPN, «es ist eine komische Erfahrung.» Maher sah in den letzten fünf Jahren rund 120 Spiele der Lotte Giants, daheim und auswärts.

Seine Grösse war im Fanshop nicht erhältlich

Eigentlich hatte es Maher einst als Schauspieler probiert. Die Internet-Movie-Database findet ihn immerhin in fünf Filmen, einmal hatte er die Rolle des Barkeepers, einmal die eines Türstehers. Und bei seinem letzten Auftritt im Jahr 2006 war er schlicht der namenlose «Mann eins». Immerhin: Im Film «Willkommen in Welville» war er neben Anthony Hopkins zu sehen.

Maher gab das Schauspielern auf, 2008 trat er in Ulsan eine Stelle als Primarlehrer an. Drei Jahre später war er Professor und besuchte mit einer Klasse ein Baseball-Spiel. Er war angetan, die Energie im Stadion sei eine ganz andere als in der amerikanischen Major League Baseball. Gegenüber ESPN sagt er: «Die MLB ist wie eine Oper, KBO ist Rock ’n’ Roll.» Maher begann, seine Arbeitszeiten so zu legen, dass er jedes Spiel sehen konnte. Nur etwas hatte er nicht: geeignetes Merchandise, um sein Team zu unterstützen. Seine Grösse gab es im Fanshop nicht.

Maher wusste sich zu helfen und erschien in einem Tenü der San Francisco Giants bei den Spielen. So war zumindest der Schriftzug «Giants» zu sehen. Aufgefallen war er da schon längst, dieser Riese mit weissem Bart inmitten der Südkoreaner. In einem Interview sagte er, er brauche wohl ein Trikot von Jun-seok Choi, dem 130-kg-Koloss auf der Schlägerposition der Giants. Die Verantwortlichen hörten von ihrem neuen Fan, baten ihn vor einem Spiel auf den Platz und schenkten ihm ein Trikot von Choi. «So hat irgendwie alles angefangen», sagt Maher.

Heute hat Maher sein Trikot, seinen Platz im Stadion und gehört zum Club wie die Spieler. Nur geniesst er das im Moment ziemlich allein.

(mro)