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Kopf des TagesEr erklärt Corona seinen Enkeln

Der 78-jährige Bühnenbildner Heinz Kriesi muss in Quarantäne ausharren. Er schreibt für seine Enkel ein Corona-Märchen.

Der Corona-Erklärer: Heinz Kriesi hat für seine Enkel eine Geschichte geschrieben. Der 78-jährige Bühnenbildner aus Thalwil lebt in Quarantäne und kann seine Enkelkinder momentan nicht sehen.
Der Corona-Erklärer: Heinz Kriesi hat für seine Enkel eine Geschichte geschrieben. Der 78-jährige Bühnenbildner aus Thalwil lebt in Quarantäne und kann seine Enkelkinder momentan nicht sehen.
PD

«Einfach eingesperrt» sei er, sagt Heinz Kriesi, «und die Tage beginnen sich zu gleichen, einer wie der andere». Kriesi, 78, geht nicht mehr aus dem Haus. Er will sich und seine Partnerin vor der Seuche schützen. Sicher: Was sie zum Überleben brauchen, haben die beiden alles. Aber ihre sieben Enkelkinder fehlen ihnen, vor allem die beiden Geburtstagskinder. Gala wurde diese Woche 12, Cosimo 9.

In der Erzählung spiegelt sich die Lebensphilosophie des Alt-68ers Heinz Kriesi.

An den beiden Kindergeburtstagen teilzunehmen, kam natürlich nicht infrage. Dafür hat Kriesi, der 30 Jahre lang Bühnenbildner am Schauspielhaus war und immer noch Ausstellungen gestaltet, für die beiden Enkel eine Geschichte geschrieben. Sie soll ihnen in ihrer Sprache die Pandemie erklären, die ihren Alltag durcheinanderwirbelt, die Seuche, die dafür sorgt, dass sie nicht mehr zur Schule gehen müssen und ihre Grosseltern sie nicht mehr besuchen dürfen.

Ein unscheinbares Virus

Die Hauptrolle in Kriesis Geburtstagsgeschichte spielt Corona, «ein unscheinbares, stilles Virus». Unter all den anderen Viren wird die bescheidene Corona von Mutter Erde ausersehen, unter den Menschen ein Fieber zu verbreiten – und damit ihre Botschaft: «Ich hoffe, dass sie endlich erkennen, dass sie gefrevelt haben, rücksichtslos ausgebeutet haben, mir alle meine Schätze und Ressourcen gestohlen haben.»Am Anfang dieses Frevels stand die Erfindung des Eigentums: Vorher hatte alles allen gehört – paradiesische Zustände –, «aber die Menschen bauten Zäune und Mauern, sie stahlen Land und Boden und machten sich alles zu eigenem Nutzen». Das Eigentum führte zu neuen Machtverhältnissen, die neuen Machtverhältnisse zu Ausbeutung, Masslosigkeit, Umweltzerstörung.

In der Erzählung spiegelt sich die Lebensphilosophie des Alt-68ers Kriesi. 1973, als 30-Jähriger, gehörte er zu den ersten Gründern einer Kommune in der Schweiz. Er und seine damalige Frau (man lebte in «wilder Ehe», wie das damals hiess) bezogen zusammen mit drei anderen befreundeten Familien das heruntergewirtschaftete Gasthaus Adler in Thalwil. «Wir hatten die repressive Nachkriegsgesellschaft satt, wir wollten die herrschende Ordnung grundsätzlich verändern», sagt Kriesi.

Ein versöhnliches Ende

Die Wohngemeinschaft unter dem löchrigen Dach des Adlers sorgte für einen Skandal in der konservativen Gemeinde. Aber das ist lange her. Die Bewohner reparierten zuerst das Nötigste, dann renovierten sie den historischen Bau professionell und bauten ihn aus. Aus der Kommune wurde eine ordentliche Genossenschaft. Heute, bald 47 Jahre nach der Gründung, leben drei von ursprünglich neun Bewohnern immer noch im Adler, zusammen mit neu dazugestossenen.

Gerade in dieser Krisenzeit hilft man sich in der Genossenschaft gegenseitig. «Wir haben hier unser gewohntes Umfeld, sodass wir in der Quarantäne gut zurechtkommen», sagt Kriesi. Er hat sein Atelier im Haus, kann immer noch an seinen Projekten arbeiten, aktuell eine Ausstellung über Edward S. Curtis im Nordamerika Native Museum. Was ihm fehlt: Wie vorher zwei-, dreimal pro Woche nach Zürich zu fahren, ins Konzert, Kino oder Theater. Die Begegnungen mit den Freundinnen und Freunden. Und eben: die Enkelkinder.

Heinz Kriesis Geschichte für sie endet versöhnlich: Zwar sterben Menschen am Corona-Fieber. Aber Kinder bleiben verschont. «Diese Generation soll die Geschicke der gescheiterten Gesellschaft übernehmen und mit Sorgfalt, Umsicht und Demut die neue Welt gestalten», sagt Mutter Erde. «Ich gebe ihnen die Mittel in die Hand.»