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Andrea Salvisberg am LimitEr nimmt den Umweg, um durchzustarten

Der Berner sorgte in den letzten Monaten bei den Schweizer Leichtathleten für Aufsehen. Jetzt will er die Fortschritte im Triathlon umsetzen.

Andrea Salvisberg beim Weltcup-Triathlon in Lausanne vor zwei Jahren.
Andrea Salvisberg beim Weltcup-Triathlon in Lausanne vor zwei Jahren.
Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

Die Ausbeute war herausragend: Triathlet Andrea Salvisberg gewann bei den Läufern einen ganzen Meisterschaftsmedaillensatz: über 10’000 m auf der Bahn im Juni, über 10 km auf der Strasse Ende September und im Halbmarathon Mitte Oktober. Das Rezept: unbekümmert drauflosstürmen, überlegt handeln, nicht an die fehlende Erfahrung denken.

Mit diesen Resultaten sorgte der 31-jährige Berner für Staunen. In seiner Sportart ist Salvisberg für seine herausragenden Fähigkeiten im Schwimmen und auf dem Velo bekannt, kaum aber fürs exzellente Laufen. Nun aber imponierten auch die Zeiten in der dritten Sparte. In 29:27,36 Minuten lief er die 10’000 m auf der Bahn. Einzig Halbmarathon-Europameister Tadesse Abraham war an der SM knapp 10 Sekunden vor ihm im Ziel. Die Qualität von Salvisbergs Marke unterstreicht die Tatsache, dass in den letzten zehn Jahren über die 25 Bahnrunden nur der Schweizer Rekordhalter Julien Wanders (27:17,29) und Abraham (28:41,37) schneller waren.

«Julien-Session»

Beim SM-Bronzerennen auf der Strasse wurde Salvisberg in 29:58 gestoppt, im Halbmarathon siegte er mit 1:04:44 Stunden. Die Leistungen haben mit dem Besonderen des Corona-Jahres zu tun, hängen aber ebenso zusammen mit einer langfristigen Strategie. Vor drei Jahren begann der Olympia-Teilnehmer von 2016 mit Erfolgscoach Brett Sutton (u. a. Trainer von Nicola Spirig und Daniela Ryf) zusammenzuarbeiten. Für Salvisberg wie Sutton war klar: Im Laufen sind besondere Anstrengungen nötig. Langfristig steuerte das Duo die Fortschritte an. Die besonderen Umstände des Frühjahrs und Sommers 2020 drängten aber dazu, in der Sorgendisziplin einen Schwerpunkt zu setzen.

Mitte Oktober wird Salvisberg Schweizer Meister im Halbmarathon.
Mitte Oktober wird Salvisberg Schweizer Meister im Halbmarathon.
Foto: Ulf Schiller (Freshfocus)

«Wir investierten viel», sagt Salvisberg. Er bewältigte bis 140 Wochenkilometer – ohne die anderen beiden Disziplinen zu vernachlässigen. In Erinnerung geblieben sind ihm die «extrem langen und intensiven Einheiten», und er spricht von kurzen Intervallen zwischen einer und fünf Minuten, jeweils halb so langen Pausen und einer Vielzahl von Wiederholungen. Über 30 km legte er so in einem Kilometerschnitt von 3:46 Minuten zurück – trotz Pausen und in knapp zwei Stunden. «Da kam ich mental und körperlich an Grenzen.» Von einer «Julien-Session» spricht er in Anlehnung an die Konsequenz von 10-km-Europarekordler Julien Wanders.

Neues Selbstverständnis

Der Abstecher zu den Leichtathleten hat beflügelt. Rückblickend führt er seine Entwicklung aber nicht allein auf die klug gesetzten Trainingsreize zurück. Ebenso bedeutend sind mentale Komponenten. Etwa seine Freundin. Vor zwei Jahren lernte er die Tochter eines früheren Spitzensnowboarders kennen. Seither empfindet er ein «neues psychisches Gleichgewicht». Sie versteht ihn, unterstützt ihn, trägt mit. Und er hat kein schlechtes Gewissen, wenn er dem Sport alles unterordnet, «an sieben Tagen von morgens 6 bis abends um 22 Uhr».

Zu dieser Grundhaltung musste er zuerst finden: «Zwischen 20 und 30 brachte ich diese Konsequenz noch nicht auf», sagt er. Den Stellenwert des privaten Glücks streicht auch Coach Sutton hervor. Vom «secret weapon», spricht er, dem Geheimrezept für Salvisbergs Entwicklung.

Längerfristig zielt der Aufbau auf die Olympischen Spiele des nächsten Sommers hin. «Rang 16 war vor vier Jahren, jetzt will ich mehr», sagt Salvisberg. Er spricht von einem Diplomrang als Ziel, um dann konkreter zu werden: «Eine Medaille ist machbar, im Einzelrennen wie in der Mixed-Team-Staffel.» Pikantes Detail zur zweiten Profilierungsmöglichkeit: Bruder Florin (30) hat sich als Schweizer Meister über die Sprint-Distanz auch ins Gespräch für die Schweizer Equipe gebracht.

Vorerst richtet Andrea Salvisberg die Aufmerksamkeit aber auf die Challenge Daytona. Um den Prestige-Event vom 6. Dezember über die 70.3-Distanz in Florida geht es. Dort misst er sich in seinem ersten 70.3-Rennen seit neun Jahren mit den Weltbesten aus Ironman, Half Ironman wie Olympischer Distanz. Das Jahr 2020 hat gezeigt, dass er für Überraschungen bereit ist.