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Nachruf auf Toots HibbertEr sang über seine Häftlingsnummer

Der Jamaikaner, Gründerfigur des Reggae, hielt wenig vom eskapistischen Rasta-Kult, er dachte politisch. Mit 77 Jahren ist er in Kingston am Coronavirus gestorben.

Aktiv bis fast zuletzt: Toots Hibbert bei einem Auftritt vor einem Jahr in Singapur.
Aktiv bis fast zuletzt: Toots Hibbert bei einem Auftritt vor einem Jahr in Singapur.
Foto: Getty Images

Er lag zwei Wochen lang in einem künstlichen Koma, dann starb Toots Hibbert im Beisein seiner Familie. Der 77-Jährige hatte im Universitätsspital von Kingston auf den Befund eines Corona-Test gewartet; das Virus wird auch als Todesursache genannt.

Die Reaktionen auf Hibberts Tod machen deutlich, wie viele Musiker und Zuhörer der Künstler im Lauf seiner 60-Jährigen Karriere berührt hatte. Noch im Vorjahr hatte er auf der ganzen Welt Konzerte auf gewohnt hohem Niveau gegeben. Auch sein letztes, vor kurzem veröffentlichtes Album «Got to Be Tough», «Du musst stark sein», ein typischer Titel für ihn, dokumentiert seine leidenschaftlichen Anklagen über eine mitleidlose Welt.

Obwohl sein Kollege und Freund Bob Marley international weit mehr gefeiert wurde als er, hatte Hibbert in Jamaika eine ähnliche Bedeutung als Sänger, Komponist und virtuoser Multiinstrumentalist erreicht. Mit seinem gospelgeschulten Gesangsduo The Maytals gelangen ihm in der Heimat über 30 Hits.

Schon sein erstes Album «Funky Kingston», 1972 in Jamaika und drei Jahre später mithilfe des jamaikanischen Produzenten Chris Blackwell in international kompatibleren Version veröffentlicht, gilt als Meisterwerk des Genres. Der amerikanische Kritiker Lester Bangs, der das Aufrichtige geschmackssicher vom Prätentiösen zu unterscheiden wusste, schrieb von einem perfekten Album.

Vom Tanz zum Stil

Toots Hibbert war es auch, auf den der Reggae als Genrebegriff zurückgeht. Dass dieser aus einem Missverständnis entstanden ist, muss Hibbert, bekannt für seinen Humor, besonders gefallen haben. Im Studio wollte das Trio einen «Streggae» besingen, das ist jamaikanischer Strassenslang für eine ungepflegte Person. Durch einen Versprecher wurde Reggay draus.

Hibbert nannte das Stück dann «Do the Reggay» in der amerikanischen Tradition, immer wieder neue Tänze zu erfinden. Stattdessen wurde aus dem Begriff ein ganzer Musikstil, der die hüpfenden Beats des Ska mit den falschen Synkopen der Rastas zu einer hypnotischen, zeitlupenhaft zerdehnten Musik verschmolz und die Welt betörte.

Die Ironie dabei: Obwohl sich Toots Hibbert, als Sohn eines Adventistenpaares streng christlich erzogen, auch mit der Religion der sogenannten Rastafari auseinandersetzte, hielt er wenig vom Rastakult. Dieser gründete in einer skurrilen und zutiefst patriarchalischen Religion, die von einem selig bekifften Publikum von der Bronx bis nach Wollishofen zur Befreiungstheologie verklärt wurde.

Aber anders als die Rastas trug Hibbert sein Haar demonstrativ kurz und hielt auch seine meisten Texte frei von religiöser Schwärmerei. Der Song «Careless Ethiopians» zum Beispiel – auf einer späteren Version spielt Stones-Gitarrist Keith Richards mit – bezieht sich zwar respektvoll auf eine Bibelstelle. Er lässt sich aber auch als sanfter Spott über die Rastas interpretieren, die allen Ernstes daran glaubten, der äthiopische Autokrat Haile Selassie sei ein Wiedergänger Gottes.

Als Waise im brutalen Kingston

Statt beschwörender Leerformel sang Hibbert über die Realität der Schwarzen in Jamaika. Der Musiker aus der Kleinstadt May Pen hatte beide Eltern früh verloren und wuchs mit seinem Bruder als Waise im brutalen Kingston auf. Sein Blick auf unruhige Verhältnisse inspirierte viele seiner Songs, «Pressure Drop» zum Beispiel, oder «54-56, That’s My Number».

Dieser Song zeugt auch von seinem Humor, denn die besungene Zahl war die Häftlingsnummer, unter welcher Hibbert 18 Monate eingesperrt worden war. Die Polizei hatte seinem Wagen Marihuana gefunden. Er bestritt bis zuletzt, dass der Stoff von ihm sei und machte Rivalen dafür verantwortlich, die seine Karriere ruinieren wollten. «Ich rauchte damals noch gar nicht», sagte er; das sollte sich später ändern.

Toots and the Maytals hatten sich am Ruf- und Antwortspiel des afroamerikanischen Gospels orientiert. Die Stimme des Bandleaders verwies auf das helle Flehen von Sam Cooke und Otis Redding. Toots sang mit derselben Kraft und Eleganz, aber ohne vokalen Schnörkel und mit demonstrativ wenig Vibrato. Wer ihn an einem seiner vielen Schweizer Konzerte erlebt hat, am Paléo Festival in Nyon, auf dem Berner Gurten oder im Zürcher Hallenstadion, erlebte einen mitreissenden Performer, der genau wusste, wie er sein Publikum in die Verzückung treiben konnte.

Denn weil er genau wusste, dass keine Protestbewegung ohne Protest durch Bewegung möglich ist, feierte er in ausgelassenen Songs die Musik als Lebensstil: «Funky Kingston», sein bekanntestes Stück, ist keine Klage, sondern eine Hymne.

Offen wie seine Einflüsse zeigten sich seine künstlerischen Interessen. Hibberts trat wiederholt mit weissen Musikern auf und sah in den harten Reggae-Nummern britischer Punk-Bands wie The Clash keinen geistigen Diebstahl, sondern ein Kompliment.

Sowieso lebte er die Toleranz, die er besang. Im Mai 2013 wurde er an einem amerikanischen Open Air von einer Flasche dermassen schwer getroffen, dass er seine Tournee mehrere Monate unterbrechen musste. Dennoch sprach er sich in einem Brief an das zuständige Gericht dafür aus, den jungen Täter nicht zu inhaftieren. «Ich war selber im Gefängnis und weiss, was das bedeutet.» Toots Hibbert transzendierte singend die Zustände, die er beklagte. Und löste damit ein, was die Religionen versprechen.