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Nachruf auf einen grossen GallierMit Asterix kreierte Uderzo ein Nationalheiligtum

Asterix-Zeichner Albert Uderzo schuf aus seiner beliebten Comicfigur ein multimediales Unternehmen. Jetzt ist der französische Künstler 92-jährig gestorben.

Hans Jürg Zinsli
«Unsere Beziehung kann man durchaus als eine Art Ehe bezeichnen», sagte Uderzo einmal.
Albert Uderzo
«Unsere Beziehung kann man durchaus als eine Art Ehe bezeichnen», sagte Uderzo einmal.
Foto: Yves Herman (Reuters)

Vielleicht wäre ja alles ganz anders gekommen, wenn sich Albert Uderzo durchgesetzt hätte. Damals, im August 1959, als er zusammen mit dem Szenaristen René Goscinny beim Pastis sass und über einer neuen Comicserie brütete. Diese sollte das Markenzeichen des neuen Comicmagazins «Pilote» werden, und Uderzo schwebte ein gross gewachsener gallischer Held mit Muskeln und blonder Wallemähne vor. Die Idee, eine humoristische Serie über Gallier zu entwickeln, war natürlich brillant, aber der Held wurde dann kein edler Recke, sondern dank Goscinnys Vorstellungen ein schmächtiger, knollennasiger Krieger. Asterixeine Ikone der Comicgeschichte, ein Nationalheiligtum und einer der populärsten Exportartikel Frankreichs.

Albert Uderzo, 1927 in Fismes bei Reims als Sohn italienischer Einwanderer geboren, liess schon früh sein zeichnerisches Talent erkennen: Bereits als 18-Jähriger arbeitete er in einem Trickfilmstudio und publizierte erste Comicgeschichten. Diese liessen keinen typischen Stil erkennen, stattdessen profilierte sich der junge Zeichner als Allrounder, der mühelos von klassischen Funnys zu realistischen Abenteuerstoffen umschwenken konnte. Einzig beim Kolorieren bekundete er Mühe. «Ich gab es auf, nachdem ich einmal zwei Pferde grün gemalt hatte», sagte der Farbenblinde.

Obelix war seine Idee

1951 traf Uderzo auf René Goscinny. Gemeinsam entwickelten sie zahlreiche Comicserien, unter anderem den Asterix-Vorläufer «Umpah-Pah» über einen Indianer, der mit einem französischen Kadetten Blutsbrüderschaft schliesst. Uderzos Glück war es, dass Goscinny ein miserabler Zeichner war (dessen frühe Detektivserie «Dick Dicks» spielte in einem New York ohne Autos, da Goscinny Autos nicht zeichnen konnte). Aber Goscinny sollte sich als exzellenter Szenarist erweisen. Er machte Asterix zu einer satirisch-historischen Reflexion über den französischen Nationalstolz, und er liess Asterix mit seinem stämmigen Begleiter Obelix («Ich bin nicht dick!») als Botschafter der Tapferkeit, Hilfsbereitschaft und Verfressenheit zahlreiche Länder bereisen. Wobei Obelix im ersten Asterix-Band noch kaum in Erscheinung trat. Der Grund: Der Hinkelsteinlieferant war eine Idee von Uderzo, und Goscinny konnte damit wenig anfangen. Aber diesmal vermochte sich der Zeichner gegen den Texter durchzusetzen, und Obelix bekam seinen verdienten Platz im Asterix-Universum.

Botschafter der Tapferkeit, Hilfsbereitschaft und Verfressenheit: Uderzo mit seinen Helden.
Albert Uderzo
Botschafter der Tapferkeit, Hilfsbereitschaft und Verfressenheit: Uderzo mit seinen Helden.
Foto: Keystone

Ein geschichtsaffines Comicduo, das zwei ungleiche Krieger aus der Frühzeit erschafft, damit sie sich mit Römern und anderem Gesindel prügelnes war in beiden Fällen die ideale Ergänzung. «Unsere Beziehung kann man durchaus als eine Art Ehe bezeichnen», sagte Uderzo einmal. Die Asterix-Comics sind gespickt mit historischen und literarischen Anspielungen, Karikaturen von berühmten Persönlichkeiten und legendären Running Gags (man denke an die unglückselige Piratenbande, die im Zweifelsfall ihr eigenes Boot versenkt, oder an den Barden Troubadix, der beim Schlussbankett in der Regel nicht singen darf). Das typisch Französische sieht man in diesen Geschichten jedoch am besten an den dauerzankenden Dorfbewohnern (an vorderster Front: Schmied Automatix gegen Fischhändler Verleihnix), die erst wenn es gegen die römischen Besatzer geht zuverlässig die Reihen schliessen.

Die Schattenseiten der Popularität

Die Dramaturgie dieser Comics war Goscinnys Verdienst, seine gewitzte Erzählkunst gilt als unerreicht. Uderzos Beitrag darf trotzdem nicht unterschätzt werden, denn schliesslich war er es, der die Figuren so aufs Papier brachte, dass sie punkto Mimik und Gestik einen enormen Wiedererkennungswert gewannen. Zum Beispiel Miraculix, der besonnene Druide, der den Zaubertrank braut; oder der Häuptling Majestix, der regelmässig von seinem Schild purzelt; oder der rüstige Senior Methusalix, der unablässig sein Recht aufs Prügeln einfordert und für allerlei Bonmots gut ist: Zum Beispiel in «Das Geschenk Cäsars» (1974), wo man ihn sagen hört: «Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier.»

Uderzo und Goscinny – es war das Traumpaar des französischen Comics. Zusammen schufen sie 24 Asterix-Alben, die eine unglaubliche Popularität erreichten. Bereits 1966 sprengte die verkaufte Auflage die Millionengrenze, wobei der Erfolg sogar deren Schöpfer überrumpelte. «Dass unsere anderen Serien nicht besonders gut ankamen, ist mir genauso unerklärlich wie der immense Erfolg von Asterix», sagte Uderzo später. Und Goscinny fand: «Asterix ist ein mit Bleistift gezeichneter kleiner Kerl, den man wegradieren kann. Das ist alles.»

Mit der Popularität kamen aber auch die Schattenseiten. Eine davon hiess Rolf Kauka und war der deutsche Übersetzer, der aus Asterix und Obelix Siggi und Babarras machte und übertrieben politische und sogar antisemitische Tendenzen einfliessen liess. Uderzo und Goscinny waren entsetzt und verboten weitere Übersetzungen von Kauka. Doch es kam schlimmer: 1977 unterzog sich Goscinny einer kardiologischen Untersuchung (man hatte bei ihm Angina pectoris diagnostiziert), doch der Comicautor verstarb noch während eines Belastungstests in der Arztpraxis. Goscinny war 51 Jahre alt. Uderzo stand unter Schock. Und der Comicverlag Dargaud beharrte darauf, dass der noch von Goscinny entworfene Band «Asterix bei den Belgiern» fertiggestellt würde.

Der Zeichner als Texter

Uderzo tat, wie geheissen, löste sich dann allerdings von Dargaud und gründete den eigenen Verlag Les Editions Albert René. Dort veröffentlichte er weitere Asterix-Bände, die er als Zeichner und Texter alleine verantwortete. Zum Unmut vieler Asterix-Fans, die zu Recht die dramaturgische Gewitztheit von Goscinny vermissten. Aber: Je bescheidener die Comics unter Uderzo wurden, desto mehr wuchs die Popularität von Asterix. Der Zeichner hatte den Vermarktungswert seiner Figur erkannt und schuf daraus ein multimediales Unternehmen. Mit Filmen, Games, Merchandising und einem Asterix-Freizeitpark vor den Toren von Paris. Der kleine unbeugsame Gallier wurde Teil einer Industrie. Neue Bände erschienen seltener, dafür in Millionenauflagen weltweit.

Und es kam zu einer Kehrtwende, die man nicht für möglich gehalten hätte: Uderzo, der zum Multimillionär wurde und immer weniger zeichnete, hatte sich lange dagegen verwahrt, seine Figur in fremde Hände zu geben. Damit wäre er in bester Gesellschaft gewesen: Von Hergés «Tim & Struppi» oder Bill Wattersons «Calvin & Hobbes» darf niemand weitere Folgen zeichnen. Aber dann, 2008, verkaufte Uderzo seine Anteile am Verlag Les Editions Albert René und erreichte – notabene gegen den Willen seiner Tochter, dass Asterix einen Freipass für die Ewigkeit erhielt. Der Zeichner Didier Conrad und der Texter Jean-Yves Ferri führen seit 2013 die Serie weiter. Und sie werden dies auch weiterhin tun, damit das Geschäftsmodell Asterix eine Zukunft hat. Auch wenn selbst Conrad und Ferri klar ist, dass ihre Geschichten nie so gut werden wie die des Comicduos Uderzo und Goscinny.

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