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Umstrittener Prozess in Ruanda Er war ein Held, jetzt soll er ein Terrorist sein

Weil er Tausende vor dem Genozid rettete, wurde seine Geschichte in «Hotel Ruanda» verfilmt. Jetzt muss sich Paul Rusesabagina vor Gericht verantworten.

Das Verfahren gegen ihn hat begonnen: Paul Rusesabagina.
Das Verfahren gegen ihn hat begonnen: Paul Rusesabagina.
Foto: Nicolas Maeterlinck (Imago) 

Kurze Hosen, ein rosa Hemd und zum grossen Teil farblich passende Schutzmasken. Rein äusserlich passen sie eher in ein Krankenhaus als in einen Gerichtssaal. Er gehöre hier nicht hin, sagt Paul Rusesabagina am Mittwoch vor dem höchsten Gericht Ruandas in der Hauptstadt Kigali: «Ich bin eine Geisel.»

Es ist der erste Tag im Prozess gegen Rusesabagina, den die Welt als Hauptfigur des Hollywoodfilmes «Hotel Ruanda» kennt und der im wahren Leben als Manager eines Luxushotels in Kigali mehr als tausend Menschen vor dem Genozid rettete. Tutsi und moderate Hutu brachte er vor den Schlächtern in Sicherheit. Den mordenden Hutu-Milizen bot er Geld und Whisky, damit sie sein Hotel verschonten.

Die Ankläger in Ruanda werfen ihm am Mittwoch Mord, Brandstiftung und die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vor. Er habe die Oppositionspartei MRCD mitgegründet, deren bewaffneter Arm FLN Terroranschläge verübt habe in Ruanda. Es gibt ein Video von 2018, in dem Rusesabagina der FLN seine «uneingeschränkte Unterstützung» verspricht. Im selben Jahr bekannte sich die FLN zu mehreren Anschlägen im Süden des Landes, neun Menschen kamen ums Leben, Busse gingen in Flammen auf, Dörfer wurden überfallen. Die Hinterbliebenen sind auch im Gerichtssaal, treten als Nebenkläger auf. Die Verhandlung wird live im Internet übertragen.

«Das vielversprechende Leben meines Ehemannes wurde durch die Schüsse der FLN vorzeitig beendet», sagte eine Hinterbliebene vor dem Prozess der staatlichen Zeitung «New Times» und richtete sich auch an die Kinder des Angeklagten, die seit Monaten für seine Freilassung kämpfen: «Es spielt keine Rolle, wie viele Entschuldigungen ihr für ihn vorbringt, euer Vater hat gestanden.»

Rusesabagina selbst hatte Ruanda bald nach dem Genozid verlassen, als Hutu habe er Todesdrohungen erhalten. Er zog nach Brüssel, fuhr Taxi und kaufte sich ein kleines Haus. Erst nach und nach wurde seine Geschichte bekannt, wurde er zum Retter, dessen Geschichte schliesslich Hollywood verfilmte, es hagelte Auszeichnungen.

Er kritisierte die Kagame-Regierung

Er nutze seine Bekanntheit, um die Regierung von Paul Kagame in Ruanda zu kritisieren, für ihren autoritären Stil, für Menschenrechtsverletzungen und für das gebrochene Versprechen, für Aussöhnung zu sorgen zwischen Tutsi und Hutu. Der Held wurde zum Kritiker, zum Aktivisten und schliesslich zum erklärten Gegner Kagames. Aber wurde er auch zu einem Terroristen?

«Er ist ein regelmässiger Kritiker der Menschenrechtsverletzungen in Ruanda, und die Regierung dort legt regelmässig falsche Beschuldigungen gegen alle Kritiker vor, um sie zum Schweigen zu bringen», sagt sein Sohn. Kritik ist nicht erwünscht in Ruanda unter Kagame. Regelmässig verstummen oder verschwinden Weggefährten, Generäle und Minister, selbst frühere enge Freunde des Präsidenten. Sie gehen ins Exil, wandern ins Gefängnis oder werden erschossen. Rusesabagina selbst sagte noch aus der Gefängniszelle, dass er keiner Terrororganisation angehöre, sondern nur auf das Schicksal von Millionen Ruandern aufmerksam habe machen wollen, die im Exil lebten.

Wurde er entführt?

Dort lebte er selbst seit vielen Jahrzehnten, erst in Brüssel, wo in seine Wohnung eingebrochen wurde, später in den USA. Nach Ruanda wollte er nicht zurück, nicht solange Kagame ihm drohte. Im Herbst kam er trotzdem, mit einem Privatjet aus Dubai – entführt, sagen seine Angehörigen. Auch das Europäische Parlament sieht keinen fairen Prozess, hat eine Petition verabschiedet, die Aufklärung über die Umstände der Verhaftung fordert.

«Wie wurde er verhaftet, welche Gesetze liegen dem zugrunde?», will sein Anwalt wissen. Auch Rusesabagina meldet sich noch mal zu Wort. Er sei Belgier, habe die ruandische Staatsangehörigkeit schon lange aufgegeben.