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Franz-Schnyder-Biografie«Er war ein zerrissener Mensch»

Raff Fluri und Ursula Kähler haben die erste umfassende Biografie über den Burgdorfer Filmemacher geschrieben. Ein Gespräch über den streitbaren Macher.

Mit «Uli der Knecht» (1954) begann Franz Schnyder seine erfolgreiche Serie von sechs Gotthelf-Verfilmungen. Die Dreharbeiten fanden vor allem im Emmental und kurz auch in der Berner Altstadt statt.
Mit «Uli der Knecht» (1954) begann Franz Schnyder seine erfolgreiche Serie von sechs Gotthelf-Verfilmungen. Die Dreharbeiten fanden vor allem im Emmental und kurz auch in der Berner Altstadt statt.
Foto: Praesens Film AG

Frau Kähler und Herr Fluri, Sie haben sich über fünf Jahre lang mit Franz Schnyder beschäftigt. Was war er für ein Mensch?

Kähler: Was ihn enorm geprägt hat, war die Erziehung. Die Mutter war gebildet, ambitioniert und nicht immer glücklich in ihrer Ehe, in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter. Sie übertrug ihren Ehrgeiz auf die Söhne. Sie wollte, dass alle drei grosse Karrieren machen.

Mit Erfolg. Konrad Schnyder war ein erfolgreicher Geschäftsmann und Gründer der Firma CWS; Franz’ Zwillingsbruder Felix war als Botschafter und Diplomat im Ausland.

Kähler: Ja. Dieser Erfolgsdruck hat alle drei ziemlich stark geprägt.

Er war schon früh als Schauspieler und dann als Theaterregisseur in Düsseldorf und Berlin sehr erfolgreich. Wie erklären Sie sich das?

Fluri: Er war talentiert und sehr vielseitig. In seiner Zeit als Theaterregisseur ist er durch ungewöhnliche Inszenierungen und Bühnenbilder aufgefallen. Die Leute am Theater haben gern mit ihm zusammengearbeitet. Das sagt auch etwas über seinen Charakter aus.

Kähler: Ich fand es überraschend, dass er schon als 19-Jähriger wusste, dass er nach Deutschland wollte, um sich dort ausbilden zu lassen. Dass er eine solch klare Vorstellung von seinem Weg hatte. Ich denke, er war dann zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Das waren die 1930er- und 1940er-Jahre in Deutschland, als die Nationalsozialisten an der Macht waren.

Fluri: Er war froh, auftreten zu können. Ich glaube, er hat die politische Lage gern ignoriert oder wollte nicht wahrhaben, was sich in den Büros der Theater abspielte. Er sagt das selber später auch, dass viele Theaterleute Opportunisten waren.

Kähler: Seine Karriere hatte ja gerade Fahrt aufgenommen. Und dann zu sagen, ich gehe jetzt weg, zurück in die Schweiz, hätte ihm viel abverlangt.

Die heranwachsenden Brüder Franz und Felix (rechts), aufgenommen in einem Burgdorfer Fotoatelier in den 1920er-Jahren.
Die heranwachsenden Brüder Franz und Felix (rechts), aufgenommen in einem Burgdorfer Fotoatelier in den 1920er-Jahren.
Foto: Burgerbibliothek Bern

Welche Missverständnisse über Franz Schnyder möchten Sie nach der Arbeit an diesem Buch ausgemerzt sehen?

Fluri: Das einzige Missverständnis, das über ihn herumgeistert, ist, dass seine Gotthelf-Verfilmungen Heimatfilme seien.

Das sind sie nicht?

Fluri: Nein. In diesen Filmen geht es um Konflikte, um gesellschaftliche Probleme und deren Lösung. Das hat nichts mit Heimatfilm zu tun.

Er zeigte doch ein sehr malerisches, um nicht zu sagen, klischiertes Emmental?

Fluri: Er hat natürlich Landschaft inszeniert. Weil Landschaften für ihn eine grosse Symbolik hatten. Und ja, schöne Landschaften bringen Zuschauer immer gleich mit schöner Heimat in Verbindung. Was er erzählte, war ja aber gerade nicht idyllisch.

Kähler: In klassischen deutschen und österreichischen Heimatfilmen sieht man häufig blauen Himmel, Sonne, eine Frau in der Tracht und quasi verkommene Stadtmenschen. Diesen Gegensatz zwischen Stadt und Land gibt es in den Gotthelf-Filmen nicht. Die Themen seiner Filme sind eher zeitlos.

Aber sind es nicht Gotthelfs Geschichten, die zeitlos sind?

Fluri: Sicher, aber man macht ja auch Filme über Themen, die einen ansprechen. Schnyder hat den Wert dieser Geschichten erkannt und Gotthelf so wieder populär gemacht.

Über Jahrzehnte hinweg wollte er auch das Leben des Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi verfilmen, kriegte das Projekt jedoch nie finanziert. Ging es ihm nur um das Filmemachen, oder hatte er auch eine Mission?

Fluri: Franz Schnyder hatte schon auch einen künstlerischen Anspruch. Das sieht man in seinen frühen Arbeiten wie «Der 10. Mai» und «Wilder Urlaub». Er hatte aber eben auch dieses Erfolgsdenken. Um diesem gerecht zu werden, musste er Filme schaffen, die das Publikum sehen wollte. Aber ja, er wollte immer etwas mit seinen Filmen aussagen. Es ging ihm nie nur um die Kunst, sondern auch um den Inhalt.

Kähler: Er hat sich ja auch mit den Werten aus den Gotthelf-Romanen identifizieren können. Mit dem Stoff konnte er diese Werte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen und gleichzeitig künstlerisch kreativ sein. Die Schweizer Gesellschaft und ihre Entwicklung lagen ihm durchaus am Herzen. So gesehen, hatte er schon eine Mission.

«Also, los! Spiele! Spiele!» soll Franz Schnyder seinen Darstellern beim Dreh von «Geld und Geist» (1964) zugerufen haben.
«Also, los! Spiele! Spiele!» soll Franz Schnyder seinen Darstellern beim Dreh von «Geld und Geist» (1964) zugerufen haben.
Foto: Praesens Film AG

Hatte er sein künstlerisches Potenzial ausschöpfen können?

Beide: Nein.

Woran ist er gescheitert?

Kähler: Es hat verschiedene, aber vor allem finanzielle Gründe. Damals war es schwierig, künstlerisch ambitionierte Filme zu finanzieren. Das war nur mit eigenem Geld möglich. Eine Filmförderung, für die er sich später auch einsetzte, gab es noch nicht.

Fluri: Darin ist vielleicht auch der spätere Frust begründet. Als er sah, dass junge Filmemacher plötzlich ihre Kunst ausüben konnten, während er immer auch finanziell erfolgreich sein musste.

Je älter er wurde, desto streitbarer war er. Er schrieb böse Briefe an alle möglichen Leute. Er griff Kollegen an, die ihn kritisierten, die Filmkommissionen und Geldgeber, die seine Projekte ablehnten. Er lebte seine Demenz, seine Senilität öffentlich aus, wie es im Buch heisst. Was hat ihn so gekränkt?

Fluri: Schnyder war innovativ und hat Pionierarbeit geleistet. Er war ein genialer Produzent. Er war der Erste, der ein Filmstudio nahe der Aussendrehorte gebaut hat und der es wagte, eine neuartige Zusammenarbeit mit dem Fernsehen einzugehen, um gleichzeitig einen Kinofilm und eine Fernsehserie zu produzieren und zu veröffentlichen. Damit ist er neue Wege gegangen. Die neue Generation sah das nicht. Sie bezeichnete ihn als reaktionär. Das konnte er nicht verstehen.

Kähler: Er hätte sich mit den Jungfilmern austauschen können, nur fand dieser Dialog nicht statt. Schnyder hat ihn nicht gesucht, und die neuen Regisseure wollten auch von ihm nichts wissen.

«Geld und Geist» war die letzte Gotthelf-Verfilmung. Der Film erhielt mehrheitlich negative Kritiken und wurde als Produktion des «alten Schweizer Films» verurteilt.
«Geld und Geist» war die letzte Gotthelf-Verfilmung. Der Film erhielt mehrheitlich negative Kritiken und wurde als Produktion des «alten Schweizer Films» verurteilt.
Foto: Praesens Film AG

Die jungen Filmemacher griffen ihn sogar öffentlich an. Nannten seine Filme «Papas Kino». Er konnte damit nicht umgehen. Ist er an der eigenen Eitelkeit zerbrochen?

Fluri: Ich denke schon, dass wenn er bei den Jüngeren Anerkennung erfahren hätte, wie etwa der Dällenbach-Kari-Regisseur Kurt Früh, ihm das Halt gegeben hätte.

Auch eine eigene Familie hätte ihm Stabilität bringen können. Haben Sie herausgefunden, weshalb er keine gegründet hat?

Fluri: Ich denke, dass es mit seinen persönlichen Problemen zu tun hatte. Auch weil er von der Mutter gelernt hatte, sich nur über den Erfolg und nicht über menschliche Beziehungen zu definieren.

Kähler: Die Mutter war unheimlich wichtig in seinem Leben. Die Bindung zu ihr war extrem eng. Daraus ist vielleicht auch so eine Art Bindungsunfähigkeit zu Frauen entstanden.

Die letzten Monate verbrachte er verwirrt im Psychiatriezentrum Münsingen. Musste es so kommen?

Kähler: Ich möchte mich mit Diagnosen zurückhalten. Man kann aber davon ausgehen, dass Franz Schnyder eine Tablettenabhängigkeit hatte, schon in jungen Jahren. Es gab einige psychologische Konflikte, die wir jedoch nicht aufarbeiten konnten. Er war sicherlich ein zerrissener Mensch.