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Kopf der Woche: Dimitri de PerrotEr will überrascht werden, am liebsten von sich selber

Geräusche sind sein Rohstoff. Mit ihnen baut Regisseur und Klangkünstler Dimitri de Perrot Welten. Wie gerade jetzt in der neuen Produktion «Niemandsland».

Eine andere Sicht auf die Dinge des Alltags: Dimitri de Perrot.
Eine andere Sicht auf die Dinge des Alltags: Dimitri de Perrot.
Foto: archphot

Zuerst kommt eine kleine Übung. Bitte zeichnen Sie ein Bild Ihres Zimmers aus der Kindheit. Und dann erzählen SieAchtung: Die Schwierigkeit steigtvon diesem Raum nur in Geräuschen. Das Resultat: Schon stehen wir quasi in Ihrem Kinderzimmer. Und sehen, wer Sie sind.

Diese Aufgabe hat Dimitri de Perrot manchmal in Workshops gestellt, die er an der Zürcher Hochschule der Künste gibt. «Es ist wahnsinnig, wie nahe man Menschen ist, die rein akustisch von Räumen erzählen.» Der Klang hat eine grosse Kraft, er wirkt direkter als ein Bild. So funktioniert das auch auf der Bühne. Zu hören ist dort: das Rumpeln einer Metro. Ein Gespräch auf der Strasse. Ein Lied, das aus dem dritten Stock eines Wohnblocks kommt. Das Rauschen einer Stadt.

Zwischen den Grenzen

Es ist eine Einladung zu einer Reise. Sie führt in das Innere einer Landschaft, die im Dazwischen liegt. Dimitri de Perrot nennt diesen Sektor in seiner neuen Produktion: «Niemandsland». Also: zwischen den Grenzen. Dort passiert für ihn das Leben. «Ich spiele mit dem Nebensächlichen, das man gar nicht so wahrnimmt im Alltag.» Das Resultat: Wir sind in seinem Theater, das ein Klangraum ist.

«Wenn ich an eine Grenze komme, öffnet sich etwas Neues.»

Dimitri de Perrot

Nun, im Augenblick ist es unmöglich, in dieses Stück «Niemandsland» zu gelangen. Alle Theater sind zu. Dimitri de Perrots neue Produktion, die an der Gessnerallee im Januar hätte starten sollen, liegt auf Eis, eingefroren wie die Zeit. Und dabei hätte das Stück so viel zu sagen über unsere Gegenwart: dass wir manchmal nicht wissen, wie es weitergeht. Dass wir die Kontrolle manchmal abgeben müssen.

Wenn man an eine Grenze kommt, öffnet sich etwas Neues. Das sagt Dimitri de Perrot auch über die Corona-Zeit (auch wenn sie für einen Künstler natürlich einen Megafrust bedeutet). Und so erfolgreich die Zusammenarbeit mit dem Bewegungskünstler Martin Zimmermann auch war, nach «Hans was Heiri», «Öper Öpis», «Gaff Aff» oder «Chouf Ouchouf» musste etwas anderes beginnen.

Schritte zur Öffnung

In seinem ersten Solostück «Myousic» sass das Publikum noch Reihe für Reihe auf Stühlen. Die sind jetzt weg, es gibt keine Bühne und keine Darsteller. Die Menschen können sich frei im Raum bewegen. Und auch Dimitri de Perrot nimmt sich in seiner Rolle als DJ immer mehr zurück. Er kann sich vorstellen, dass in Paris, Mannheim, in den anderen Städten, wo dieses Jahr «Niemandsland» gezeigt werden soll, ein lokaler DJ seine Rolle übernimmt. «Vielleicht entdecke ich das Stück neu.»

«Ich habe schon immer versucht, eine andere Sicht auf die Dinge des Alltags zu entwickeln.» So hat seine Reise begonnen, das war in den Neunzigerjahren in Zürich. Als 15-Jähriger hat er jedes Wochenende an immer neuen Orten aufgelegt. Und alles zusammengemixt, was eigentlich verboten war, Chansons mit Hip-Hop-Beats, Keith Jarrett mit Tom Waits. «Die Euphorie, die man hat, wenn man sich selber überrascht, finde ich eine der allerschönsten.» Das gilt auch für «Niemandsland».