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Tod eines PhantomsEr wusste, wie man Atomsprengköpfe baut

Der verstorbene Physiker Mohsen Fakhrizadeh war wohl die wichtigste Figur des iranischen Atomprogramms.

Der oberste Atomphysiker des Iran, Mohsen Fakhrizadeh, ist am Freitag nach einem Attentat ums Leben gekommen.
Der oberste Atomphysiker des Iran, Mohsen Fakhrizadeh, ist am Freitag nach einem Attentat ums Leben gekommen.
Foto: Reuters

Lange Zeit war Mohsen Fakhrizadeh ein Phantom. Dabei unterrichtete er als Professor Physik an der Imam-Hussein-Universität in Teheran, die mit den Revolutionsgarden und dem Verteidigungsministerium verbunden ist. Er wurde als einziger iranischer Nuklearwissenschaftler in Berichten der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien erwähnt. Seit Ende der Achtzigerjahre leitete er demnach verschiedene Projekte, die «Relevanz für die Entwicklung eines nuklearen Sprengkörpers haben».

Aber erst 2018 machte Israels Premier Benjamin Netanyahu ein Foto von ihm öffentlich: Es zeigte einen Mann mittleren Alters mit dunklen Haaren und Brille. Seither hatte die Islamische Republik den Schutz für ihren Brigadegeneral der Revolutionsgarden nochmals verstärkt. Doch seine Leibwächter konnten Fakhrizadeh nicht retten, als am Freitagnachmittag nach Regierungsangaben bewaffnete Angreifer erst eine Autobombe zündeten und dann mit automatischen Waffen auf das Opfer feuerten.

Es hatte schon vorher Versuche gegeben, ihn umzubringen

Warum er keinen gepanzerten Wagen nutzte, sondern dem Augenschein nach nur ein normales Auto, ist unklar. Denn dass Fakhrizadeh seit Jahren im Visier des israelischen Geheimdiensts Mossad und womöglich auch anderer Geheimdienste stand, war klar: Es hatte schon früher Versuche gegeben, ihn umzubringen, sagte jedenfalls am Wochenende im Staatsfernsehen Fereydun Abbasi Davani, ein weiterer prominenter Atomphysiker, der ebenfalls Ziel eines Attentats war und zeitweise die Atomenergieorganisation im Iran geleitet hat.

Obwohl sich die israelische Regierung nicht öffentlich zur gezielten Ermordung des Atomphysikers bekennt, gibt es wenig Zweifel daran. Am Sonntag meldete sich in Israels Armeerundfunk Mossad-Chef Jossi Cohen persönlich zu Wort. Er wisse zwar nicht, wer für das Attentat verantwortlich sei, sagte er. Aber: «Der Iran ruft zur Zerstörung Israels auf. Aus unserer Sicht ist jeder, der aktiv an nuklearen Aufrüstungsbestrebungen beteiligt ist, des Todes.»

Mohsen Fakhrizadeh hatte in Teheran Physik studiert und in Nuklearphysik promoviert, mit einer Arbeit über die Messung von Strahlung in Isfahan. Er arbeitete danach am 1989 nach dem Ende des Kriegs mit dem Irak eingerichteten Physics Research Center in Teheran. Was harmlos klingt, war nach Überzeugung westlicher Geheimdienste die Keimzelle und Tarnorganisation des iranischen Atomwaffen-Projekts.

Beobachter bekamen keinen Zutritt, stattdessen wurde das Gebäude abgerissen.

Der Iran räumte zwar Verbindungen des Instituts zum Militär ein, doch als die IAEA-Inspektoren dort Zutritt begehrten, wurde der gesamte Gebäudekomplex im Stadtteil Lavisan abgerissen, der Boden abgetragen und dort ein Park errichtet.

Fakhrizadehs Name ist auch verbunden mit dem Amad-Plan, er soll die Projekte dort geleitet haben. Hinter Projekt 110 verbirgt sich nach Erkenntnissen der IAEA und westlicher Geheimdienste die Entwicklung eines Atomsprengkopfes, in Projekt 111 ging es darum, diesen in eine ballistische Rakete zu integrieren, sodass er den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre ohne Schaden überstehen würde. Der Iran hat diese Aktivitäten immer rundheraus geleugnet.

Vermutlich nahm er sein Wissen nicht mit ins Grab.

Fakhrizadehs Bedeutung lag nicht nur darin, dass er fundiertes technisches Detailwissen besass, sondern auch in seiner Funktion als Manager dieser Projekte. Zumindest wurden die Kenntnisse bewahrt, die nach Einschätzung der IAEA für den Bau eines funktionsfähigen Sprengkopfes ausreichen. Fakhrizadeh leitete beispielsweise seit ihrer Gründung 2011 die Organisation für Innovation und Forschung in der Verteidigung, die dem Verteidigungsministerium angegliedert ist.

Mit Fakhrizadeh ist die wohl wichtigste Figur des militärischen Atomprogramms umgebracht worden – sein Wissen allerdings hat er vermutlich nicht mit ins Grab genommen.