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Zu Iouri Podlatchikovs RücktrittEr zeigte, wie gut dem Sport ein bisschen mehr Verrücktheit tut

Iouri Podladtchikov war extrem und exzessiv, aber er war auch ein Begnadeter. Er fotografierte und tanzte, spielte Trompete und boxte. Doch alles, was er tat, diente dem Zweck, ein noch vielseitigerer Snowboarder zu werden.

Ein Bild, das so viele Geschichten erzählt: Iouri Podlatchikov und seine Eltern nach dem Olympiafinal.
Ein Bild, das so viele Geschichten erzählt: Iouri Podlatchikov und seine Eltern nach dem Olympiafinal.
Foto: Aaron Ontiveroz (Denver Post / Getty Images)

Iouri Podladtchikov war nie der beste Snowboarder der Welt, ausser einmal, im einzig richtigen Moment: In der Nacht auf den 12. Februar 2014, als am rabenschwarzen Himmel über Rosa Chutor hell der Mond schien und riesige Scheinwerfer die Halfpipe erleuchteten. In Russland, seinem Geburtsland, gelang ihm das scheinbar Unmögliche: Er schlug Shaun White, den bis dahin Unbesiegbaren, und gewann Olympiagold.

Als er seinen Eltern in die Arme fiel und sich aus der Umklammerung gar nicht mehr lösen wollte, entstand ein Bild, das um die Welt ging, weil es eine Geschichte von Ausgelassenheit und Befreiung erzählte. Heute sagt Podladtchikov, das Bild sei das liebste seiner Karriere. «Nicht einmal meine Eltern glaubten daran, dass mein Traum wahr werden kann.»

In der «SonntagsZeitung» hat Podladtchikov seinen Rücktritt bekanntgegeben, kurz vor seinem 32. Geburtstag und mitten im Sommer, als niemand erwartete, von ihm etwas anderes zu vernehmen als vielleicht ein Update zum Fitnesszustand vor der nächsten Saison. Aber hat er nicht schon immer alles ein wenig anders zu machen versucht?

Immer grösser die Anstrengung, immer kleiner die Freude

Warum er die Karriere gerade jetzt beendet, hat vielfältige Ursachen, im Grunde lassen sich aber alle darauf zurückführen, dass sich in den letzten Jahren die Stürze und schweren Verletzungen häuften. Seit dem Kreuzbandriss 2017, so Podladtchikov, habe er mehr in den Sport reingesteckt, als dass er rausgenommen habe. Immer grösser wurde die Anstrengung, immer kleiner die Freude.

Wenn man sich fragt, was von seiner Karriere bleibt, von zwei Weltmeistertiteln, sieben X-Games-Medaillen und zahllosen weiteren Podestplätzen, führt die Antwort unweigerlich zurück nach Russland. Wer damals dabei war, schwört noch heute, es habe sich in jener Nacht in den Bergen hinter Sotschi etwas wahrhaftig Zauberhaftes zugetragen. Weil ein Märchen Realität wurde. Und weil Podladtchikov diesen Sieg Jahre zuvor angekündigt, geradezu heraufbeschworen hatte.

Das Märchen von Rosa Chutor wurde Realität: Podladtchikov im Olympia-Final.
Das Märchen von Rosa Chutor wurde Realität: Podladtchikov im Olympia-Final.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Was hätten sich die Leute den Mund zerrissen, wenn er gescheitert wäre. Doch das kümmerte ihn nie. Er mag ein Prahlhans gewesen sein, ein über alle Massen Selbstbewusster. Doch erstens verfiel er gelegentlich auch ins Gegenteil, dann haderte er, hinterfragte jeden seiner Gedanken. Und zweitens: Geht es im Sport – und letztlich im Leben – nicht genau darum, etwas zu versuchen, notfalls immer und immer wieder?

Wenn Podladtchikovs Karriere eines war, dann das: eine Inspiration. Er suchte die Leichtigkeit, aber versteckte nie, wie teuflisch beschwerlich der Weg dorthin ist. Er zeigte, wie gut dem Sport ein bisschen mehr Verrücktheiten und scheinbare Unerhörtheiten bekommen würden.

Podladtchikov masste sich für den Erfolg vieles an, er hat sich in seiner Karriere bestimmt nicht nur Freunde gemacht. Und einige Freunde hat er wohl auch verloren, weil er in gewissen Phasen ein solcher Egoist war, dass neben dem Sport nichts, aber wirklich überhaupt nichts Platz hatte. Doch das war nötig, damit sich in jener Nacht in Rosa Chutor alles entladen konnte, wie bei einer Explosion.

Auch deshalb steht die Nacht symbolisch für seine Karriere: Weil sie nicht geschehen wäre, wenn er sich nicht schon als Jugendlicher Grosses zugetraut hätte. Er war acht, als er mit seiner Familie 1996 in die Schweiz kam, aber bis 2007 startete er für Russland (einschliesslich seiner ersten Olympischen Spiele). Er lebte in Zürich, nicht in den Bergen wie die meisten Snowboard-Kids, und war in der Szene lange ein Aussenseiter. Oder ist er es bis heute? Ihn trieb ein Ehrgeiz an, der vielen Freestylesportlern unheimlich war, übertroffen wurde er in dieser Hinsicht – wie in so mancher – eigentlich nur von seinem ewigen Rivalen White.

Der Goldlauf: Iouri Podlatchikovs zweiter Lauf im Olympiafinal.

Man tut Podladtchikov kaum unrecht, wenn man sagt, dass er ohne White nicht so weit gekommen wäre. Hätte er ohne den Wunsch, White zu schlagen, je den Yolo-Flip beherrscht? Womöglich nicht. Aber umgekehrt war Podladtchikov auch eine Motivation für White, das räumte der Amerikaner schon 2012 freimütig ein, zwei Jahre vor der niederschmetternden Niederlage: «Wenn Iouri nicht wäre», sagte er in einem NZZ-Interview, «sähe ich keinen Grund, neue Tricks zu lernen. Er treibt mich an.»

Läse Podladtchikov diesen Text, fände er wahrscheinlich, White nehme zu viel Raum ein. Er orientierte sich an White, aber in der Öffentlichkeit wollte er nicht allzu sehr über diese Beziehung definiert werden.

Er wollte gewinnen, mit Anstand und Stil

Ja, Podladtchikov suchte den Erfolg, doch er tat es voller Zuneigung. Er wollte gewinnen, aber mit Anstand und Stil. Als er nach dem Olympiasieg merkte, dass sich das Halfpipe-Snowboarden auch seinetwegen in eine Richtung entwickelte, die ihm missfiel – immer höher, krasser, härter –, war es ihm ein wirkliches Anliegen, seinem Sport etwas von der alten Sanftheit zurückzugeben. Er nahm Ballettunterricht am Zürcher Opernhaus, und als der Speaker seinen Lauf an den X-Games 2016 in Oslo als «graceful» bezeichnete, anmutig – da wähnte er sich an seinem ganz persönlichen Karrierehöhepunkt.

Podladtchikov war exzessiv und extrem. Er tanzte, bis er umfiel, seine tosende Freude über den Olympiasieg bescherte dem Schweizer Sport einen der besten TV-Momente des letzten Jahrzehnts. Er war ein Arbeiter, konnte unglaubliche Kräfte mobilisieren, wenn er ein Ziel vor Augen hatte (allerdings auch nur dann). Aber er war auch ein Begnadeter. Er spürte, was zu tun ist, lange bevor er zur Ausführung schritt, er trug die Vorstellung eines neuen Sprungs manchmal über Jahre mit sich herum. Auf einmal packte es ihn – unter der Dusche, im Bett, beim Partymachen –, dann schnappte er sich das Snowboard, ging in die Berge und vervollständigte das Werk.

Wie er seinen Weg ging, strahlte er etwas Geniales aus, aber auch Störrisches. Er suchte Zuneigung und war umso enttäuschter, wenn das Publikum sie ihm verwehrte. Er war tausendmal verliebt, in Fotografien, Songs, Frauen, aber konnte auch allen abrupt den Rücken kehren, wenn er glaubte, sie tun ihm nicht mehr gut. Er hatte schon Appartements in Paris und New York und einen 180-Quadratmeter-Loft in Zürich, doch jetzt gerade lebt er wieder bei seiner Mutter. Er spielte Trompete, Gitarre, Klavier, ging ins Boxen und strebte einigermassen ernsthaft die Olympiateilnahme als Skateboarder an.

Vieles, was er in Angriff nahm, langweilte ihn irgendwann, doch die Sprunghaftigkeit sollte über zwei Dinge nicht hinwegtäuschen. Erstens diente jede noch so artfremde Beschäftigung dem Zweck, ein vielseitigerer Snowboarder zu werden. Und zweitens steckte er in alles, was er tat, seine volle Hingabe. Er war ein Snowboard-Nerd, Skateboard-Nerd, Fotografie-Nerd, aber als es 2017 sein musste, war er auch ein Kreuzband-Nerd. Er wollte alles darüber wissen und so schnell wie möglich genesen, und als er weniger als sechs Monate später wieder durch die Lüfte sprang, versicherte sein Chirurg der verdutzten Öffentlichkeit, dass auch er so etwas nie zuvor erlebt hätte.

Podladtchikov hat das Snowboarden geprägt zu einer Zeit, als sich der Sport immer stärker vom Rebellentum abkehrte. Wenn Shaun White in den Rocky Mountains nur für sich allein eine Halfpipe bauen liess, schimpfte Podladtchikov ihn nicht einen Egoisten, wie es andere taten. Er mietete eine Lagerhalle, stellte eine riesige Skateboardrampe rein und gab jedem, der wollte, einen Schlüssel. Er fand, dass im Snowboarden beides Platz hat, die Freigeistigkeit und der Ehrgeiz, und lebte dieses Nebeneinander eine Karriere lang vor.

Seine langjährigen Trainer Marco Bruni und Pepe Regazzi wurden einmal gefragt, wie es sei, mit Podladtchikov zusammenzuarbeiten. Sie sagten: anstrengend. Und über alle Massen erfüllend.