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Nachruf auf Rolf HochhuthEr zitierte die historischen Schurken vor sein Weltgericht

Rolf Hochhuth war der wirkmächtigste Dramatiker des deutschsprachigen Theaters nach 1945. Er klagte Papst Pius XII. an und stürzte den baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Jetzt ist er 89-jährig gestorben.

Für ihn war das Theater eine moralische Anstalt, das machte ihn zum Dinosaurier der engagierten Literatur: Rolf Hochhuth (1931-2020).
Für ihn war das Theater eine moralische Anstalt, das machte ihn zum Dinosaurier der engagierten Literatur: Rolf Hochhuth (1931-2020).
Foto: Herbert Knosowski (Keystone) 

Um auf seine Theaterstücke aufmerksam zu machen, war Rolf Hochhuth fast jedes Mittel recht. So engagierte er einmal für eine Neuinszenierung seiner «Inselkomödie» von 1974 den über hundertjährigen Johannes Heesters als greisen König, dazu den griechischen Wirt aus der TV-Serie «Lindenstrasse» und Caroline Beil aus dem RTL-Dschungelcamp als Lysistrata.

Hochhuth war selber so etwas wie der alte Dschungelkönig, die Ich-bin-ein-Star-holt-mich-hier-raus-Zicke des deutschen Nachkriegstheaters. Jedenfalls wusste er, dass Wut und stolze Einsamkeit jung halten. Wenn er auf einer Buchmesse eine seiner Brandreden («Als Dichter bist du auch Brandstifter») hielt, hing ihm das Sakko lässig wie ein königlicher Hermelinmantel über die Schultern.

In seinem deutschen Vaterland galt der Prophet am Ende nur noch wenig. Seine neuen Stücke wurden allenfalls noch in seinem eigenen Theater – er war Erbe der Liegenschaften des Berliner Ensembles – in der Sommerpause gespielt. Sein Clinch mit dem Intendanten sorgte jahrelang für Schlagzeilen: Beleidigte Hochhuth Claus Peymann als «unanständiges Lebewesen», zahlte es ihm der mit vergifteten Komplimenten heim: «Man muss ihn lieben, auch wenn man ihn kaum erträgt.»

Hochhuths «Stellvertreter» sorgte auch in der Schweiz für heftige Auseinandersetzungen. Am 24. September 1963 demonstrierte eine Menschenmenge für die Absetzung des Stücks. Vor dem Theater kam es zu Zusammenstössen mit Gegendemonstranten, die sich für die Freiheit der Kunst einsetzten.
Hochhuths «Stellvertreter» sorgte auch in der Schweiz für heftige Auseinandersetzungen. Am 24. September 1963 demonstrierte eine Menschenmenge für die Absetzung des Stücks. Vor dem Theater kam es zu Zusammenstössen mit Gegendemonstranten, die sich für die Freiheit der Kunst einsetzten.
Foto: Keystone

Hochhuths Dramen waren oft nur gesinnungstüchtige Leitartikel, zusammengebastelt aus grimmigem Zorn, Kitsch und Kolportage; aber trotz oder eben wegen seiner plakativen Urteile wurde er zum wirkmächtigsten deutschen Dramatiker nach 1945. In «Der Stellvertreter» (1963) klagte er Papst Pius XII. als Mitschuldigen am Holocaust an. In «Soldaten» ging er mit Winston Churchill und dem Bombenkrieg der Alliierten ins Gericht.

Mit seiner Erzählung «Eine Liebe in Deutschland» stürzte er 1978 Hans Filbinger, Ministerpräsident von Baden-Württemberg und einst ein «furchtbarer Richter» des NS-Reichs. Kurz nach der Wiedervereinigung sorgten seine «Wessis in Weimar» und «McKinsey kommt» noch einmal für Theater-Eklats.

Für Bundeskanzler Erhard war er ein «Pinscher»

Den Finger immer am Puls der Zeit, zitierte Hochhuth die historischen Schurken vor sein Weltgericht und schonte dabei als klassischer Kohlhaasischer Wutbürger weder sich noch seine Zeitgenossen. Theater war für ihn eine moralische Anstalt, der Dichter das Gewissen seiner Epoche; das machte den politischen Revolutionär zum Dinosaurier der engagierten Literatur.

Elfriede Jelinek montiert ihre Stücke auch aus Zitaten zusammen, aber sie ist eine postmoderne Radikalfeministin und Freundin des Regietheaters. Hochhuth dagegen gab seine Doku-Dramen ungern aus der Hand und glaubte bis zuletzt, dass es die grossen Männer sind, die Geschichte machen.

Hochhuth war einst einer der Schriftsteller, die Bundeskanzler Ludwig Erhard 1965 als «Pinscher» diffamierte, ein Inbegriff des kritischen Intellektuellen; später dann eher ihr Don Quijote. Der Sohn eines Schuhhändlers aus Eschwege, der viele Jahre in Basel lebte, um Abstand zu Deutschland zu wahren, war als Einzelkämpfer erst richtig in seinem Element, wenn er sich von Feinden, Opportunisten und Feiglingen umzingelt und heimtückisch mundtot gemacht fühlte.

Penetrant rechthaberisch wie sonst nur noch Günter Grass, pochte er auf seine «historische Mission» und seinen Geschichtspessimismus, und wenn er dabei die Kunst der Moral, den Erfolg dem Engagement opfern musste: Umso schlimmer für eine Zeit, die den Rächer der Enterbten und Vergessenen so im Stich liess. Immerhin: Keiner, rühmte ihn der ungleich stillere, demütigere Kollege Siegfried Lenz, habe «so viel bewegt und so viel verändert». Am Mittwoch ist Rolf Hochhuth 89-jährig in Berlin gestorben.

5 Kommentare
    fraubüsi

    Jetzt, wo sich die Vatikan-Archive öffnen, macht er sich aus dem Staub...RIP