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GastkommentarErfolg in der Corona-Krise dank dem Stakeholder-Modell

Wer sein Geschäft auf den langfristigen Erfolg und auf die Gesellschaft ausrichtet, steht auch während der Pandemie besser da.

Nachhaltige Wirtschaft ist für ihn seit einem halben Jahrhundert ein Thema: Klaus Schwab, der Gründer und Leiter des Weltwirtschaftsforums (WEF).
Nachhaltige Wirtschaft ist für ihn seit einem halben Jahrhundert ein Thema: Klaus Schwab, der Gründer und Leiter des Weltwirtschaftsforums (WEF).
Keystone

Seit einem halben Jahrhundert bin ich ein Verfechter des Stakeholder-Kapitalismus. Dahinter steckt der Gedanke, dass Firmen nicht allein die Interessen ihrer Aktionäre, sondern aller Beteiligten im Blick haben sollen. Auch Kunden, Mitarbeiter, Umwelt und die Gesellschaft insgesamt stehen im Fokus, und das auf lange Sicht. Viele Unternehmen rühmen sich, diesem Ansatz zu folgen. Aber jetzt, in der Corona-Krise, zeigt sich, wer den Stakeholder-Ansatz verinnerlicht und wer nur Lippenbekenntnisse abgegeben hat.

Natürlich wurden fast alle Unternehmen von der Pandemie erschüttert, und viele mussten schmerzhafte Massnahmen ergreifen. Aber es zeigt sich schon jetzt: Der Unterschied zwischen den Unternehmen, die ihr Geschäftsmodell auf das Stakeholder-Modell ausgerichtet haben, und jenen, die ein kurzfristiges Shareholder-Modell verfolgen, ist deutlich.

Kurzfristige Rentabilität schadet

Zu den Verlierern gehören etwa jene Unternehmen, die ihre Gewinne der vergangenen Jahre für den Rückkauf eigener Aktien genutzt haben. Das hat ihre kurzfristige Rentabilität und vor allem die Boni für Führungskräfte erhöht. Doch angesichts fehlender strategischer Rücklagen und Investitionen sind viele von ihnen nun die Ersten, die der Situation zum Opfer fallen und sich ohne Staat nicht aus der Notlage befreien können. Das offensichtlichste Beispiel sind die grössten US-Fluggesellschaften, die in den letzten zehn Jahren 96 Prozent ihres Cashs für den Rückkauf von Aktien ausgegeben haben.

Nachhaltiges Geschäftsmodell: Microsoft bietet Lehrern Unterstützung beim Fernunterricht an.
Nachhaltiges Geschäftsmodell: Microsoft bietet Lehrern Unterstützung beim Fernunterricht an.
Reuters

Im Gegensatz dazu haben Unternehmen, die ihre Gewinne in die digitale Transformation, in den Nachwuchs und in Forschung und Entwicklung investieren, oft eine Reaktionsfähigkeit, die anderen Unternehmen fehlt. Microsoft beispielsweise belegt den ersten Platz in der massgebenden Rangliste der Stakeholder-Unternehmen, ist Partner des Coronavirus-Trackers von der Johns-Hopkins-Universität und bietet Lehrern Zugang und Schulung für die Team-Software, um aus der Ferne zu unterrichten.

Andere Unternehmen haben in den letzten Wochen weiterhin Rekordboni und Prämien für ihre CEOs angekündigt, die auf der Rentabilität und den Aktienkursen von 2019 beruhen. Easyjet musste staatliche Beihilfen beantragen, kündigte aber dennoch eine Gewinnausschüttung von umgerechnet 208 Millionen Franken an. Eine solche Kurzsichtigkeit vergessen Kunden und Mitarbeiter nicht, von denen sich viele heute in einer Notlage befinden.

Unternehmen, die sich dem Stakeholder-Modell verschrieben haben, können es sich einfach leisten, in dieser Krise zu helfen, da ihr Geschäftsmodell robuster ist.

Ganz anders der CEO der Marriott-Hotelkette, Arne Sorensen. Er gab bekannt, dass er für 2020 kein Gehalt bezieht, die Bezüge seiner anderen Führungskräfte werden halbiert. Dies steht beispielhaft für die Nähe des Unternehmens zu seinen Mitarbeitern und der Gesellschaft, in der es tätig ist.

Unternehmen, die sich dem Stakeholder-Modell verschrieben haben, können es sich einfach leisten, in dieser Krise zu helfen, da ihr Geschäftsmodell robuster ist und ihre Allianzen mit anderen gesellschaftlichen Stakeholdern wie mit Regierungen und der breiten Öffentlichkeit stärker sind.

Die Grossrederei Maersk bietet Schiffsraum für den Transport von Notvorräten an.
Die Grossrederei Maersk bietet Schiffsraum für den Transport von Notvorräten an.
Paul Kane (Getty Images)

Der Transportgigant Maersk ist dafür das beste Beispiel. Er bietet seine Schiffe und Laderäume an, um Notvorräte überall in die Welt zu liefern. So kann Maersk Schiffsrouten beibehalten, die sonst nicht wirtschaftlich sind. Das ist möglich, weil Dänemark, wo das Unternehmen seinen Hauptsitz hat, eines der Länder ist, die Arbeitnehmer in dieser Krise am meisten schützen und einen erheblichen Teil der Gehälter garantieren.

Der Konsumgüterkonzern Unilever hat gerade eine sofortige Spende von 50 Millionen Franken in Form von Seife an die Covid-Aktionsplattform angekündigt. Diese wurde vom World Economic Forum in Partnerschaft mit der Weltgesundheitsorganisation eingerichtet. Das Engagement von Unilever ist ein Beweis für die langjährige Beziehung zu seinen Kunden, die die Produkte des Unternehmens kaufen – auf der ganzen Welt.Stakeholder-Unternehmen verstehen also, dass ein globaler Gesundheitsnotstand wie Covid-19 alle gesellschaftlichen Akteure dazu zwingt, sich vorübergehend neu auf die erforderliche Notfallhilfe auszurichten, und sie verfügen über die dafür nötige Flexibilität und Katastrophenbereitschaft. Das ist kein Zufall.

* Klaus Schwab ist Gründer und Leiter des Weltwirtschaftsforums (WEF).