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Menschliche MisereErschütternde Befunde einer Coronastudie aus Genf

In der Coronakrise hungern Mittellose lieber oder verschulden sich, statt staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das zeigt eine neue Studie von Soziologen der Universität Genf.

In Genf sind seit Ausbruch der Corona-Pandemie Tausende Menschen von Lebensmittelhilfe abhängig. Alleine die Hilfsorganisation «Colis du cœur» versorgt 7500 Personen.
In Genf sind seit Ausbruch der Corona-Pandemie Tausende Menschen von Lebensmittelhilfe abhängig. Alleine die Hilfsorganisation «Colis du cœur» versorgt 7500 Personen.
Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Die Bilder sorgten für weltweites Aufsehen. In Genf standen während des Corona-Lockdown Tausende Armutsbetroffene Samstag für Samstag vor dem Eishockeystadion Les Vernets. Bis zu drei Stunden harrten sie aus, um ein Paket kostenloser Lebensmittel zu bekommen und sich bei Bedarf ärztlich beraten zu lassen. Doch die Misere ist nicht vorbei. Für die Armutsbetroffenen hat sich die Situation seit Frühling sogar verschlimmert. Das zeigt die Studie eines neunköpfigen Teams um den Genfer Soziologieprofessor Jean-Michel Bonvin. (Hier geht es zur Studie.)

Die Studie fokussiert auf die über 7500 Personen, die aktuell von der Nahrungsmittelabgabe der Hilfsorganisation «Colis du cœur» (Herzenspäckchen) abhängen. Aus dieser Gruppe waren 230 Personen bereit, über ihre Situation Auskunft zu geben. Zwei Drittel davon waren Frauen, die meisten zwischen 25 und 50 Jahre alt. 55 Prozent haben eine Aufenthaltsbewilligung, 45 Prozent haben eine Aufenthaltsbewilligung beantragt oder gelten als Sans-Papiers.

Hatten vor Ausbruch der Corona-Krise 59 Prozent der Betroffenen eine Arbeit, liegt dieser Wert heute bei 35 Prozent. Schon vor Ausbruch der Pandemie mussten zwei Drittel der Betroffenen mit weniger als 2000 Franken Monatseinkommen auskommen. Die wachsende Arbeitslosigkeit hat ihre Lebenssituation weiter verschlimmert, wobei Personen ohne Arbeitsvertrag und ohne Aufenthaltsbewilligung gemäss der Untersuchung besonders stark betroffen sind.

80 Prozent der Arbeitslosen ohne Krankenversicherung

Bei den Sans-Papiers sank der Anteil von Personen mit festen Arbeitsstellen seit Ausbruch der Corona-Pandemie von 76,1 auf 41,5 Prozent. Demgegenüber stieg der Anteil Stellenloser von 23,9 auf 58,5 Prozent. Dennoch betonen die Genfer Soziologen in ihrer Studie: «Von der Corona-Krise sind alle Bevölkerungsgruppen betroffen, unabhängig von deren Aufenthaltstitel oder deren Nationalität.» Weiter schreiben sie, dass das Bildungsniveau, also der Schulabschluss der oder des Einzelnen, nicht entscheidend sei, ob die Betroffenen in der aktuellen Corona-Krise eine Arbeit haben.

Eine Krankenversicherung leistet sich nur rund die Hälfte aller 230 Studienteilnehmer. Bei der Gruppe Arbeitsloser sind sogar 80 Prozent ohne Versicherung. Dennoch beziehen 70 Prozent der 230 Personen keine Sozial- oder Nothilfe und beanspruchen über die Lebensmittelpakete privater Hilfsorganisationen hinaus keine Unterstützung.

«Viele geben an, im Zustand von Angst und Trauer zu leben, und man beobachtet eine deutlich abnehmende Lebensfreude.»

Soziologen der Universität Genf

Die grosse Mehrheit der Befragten befürchtete seit Ausbruch der Corona-Krise zeitweise, nicht genug zum Essen zu haben. Die materielle Not hat sich erheblich auf den Alltag ausgewirkt. In der Studie heisst es: Generell würden Lebensmittel von minderer Qualität und auch weniger Lebensmittel konsumiert oder zur Not Mahlzeiten weggelassen, was sich während des Lockdown noch verstärkte, weil die geschlossene Landesgrenze Einkäufe im preisgünstigen französischen Grenzgebiet verhinderte. Und weiter: «Diese Verschlechterung des materiellen Lebens beeinflusst die psychische Gesundheit der Betroffenen. Viele geben an, im Zustand von Angst und Trauer zu leben, und man beobachtet eine deutlich abnehmende Lebensfreude.» Die Hälfte der Studienteilnehmer musste seit Ausbruch der Corona-Krise persönliche Gegenstände verkaufen, um sich Bargeld zu verschaffen. Ebenso viele haben angegeben, sich verschuldet zu haben, wobei von diesen etwas mehr als ein Fünftel einen Schuldzins von 6 Prozent bezahlt.

«Wir beobachten, dass Menschen aus Stolz oder aus Angst vor dem Verlust ihrer Aufenthaltsgenehmigung keine Sozialhilfe in Anspruch nehmen.»

Thierry Apothéloz, Genfer Staatsrat (SP)

Die vorliegende Studie bestätigt und vertieft etliche Erkenntnisse einer Untersuchung, die die Genfer Universitätsspitäler und Ärzte ohne Grenze im Frühsommer publizierten. Der Genfer Sozialdirektor und ehemalige Sozialarbeiter Thierry Apothéloz (SP) ist besorgt und ruft dazu auf, dass Betroffene jene staatliche Hilfe in Anspruch nehmen, die ihnen zusteht. Apothéloz sagt: «Wir beobachten, dass einige Menschen aus Stolz oder aus Angst vor dem Verlust ihrer Aufenthaltsgenehmigung keine Sozialhilfe in Anspruch nehmen. Ich bedaure das, denn der Genfer Staatsrat und das Staatssekretariat für Migration (SEM) haben wiederholt darauf hingewiesen, dass Menschen mit Aufenthaltsbewilligung, die aufgrund der Krise Sozialhilfe in Anspruch nehmen, bei einer Verlängerung der Sozialhilfe keine Nachteile haben werden.»

Gerade in Genf, aber auch in Zürich hat die Corona-Krise viel soziales Elend ans Licht gebracht, von der die Behörden zwar wussten, aber deren wahres Ausmass sie nicht nicht kannten. Tut der Kanton Genf genügend, um die Ängste der Betroffenen zu zerstreuen? Staatsrat Apothéloz sagt, sein Kanton habe seit Beginn der Nahrungsmittelabgaben Sozialarbeiter an jeden der Verteilungsstandorte entsandt, um die Begünstigten zu informieren und zu orientieren und an diejenigen zu gelangen, die Anspruch auf Sozialleistungen haben. Und auch einzelne Gemeinden täten viel für die Armutsbekämpfung. «Doch offensichtlich reicht das nicht aus», so der SP-Mann.

Ruft den Bund auf, Gesuche für Aufenthaltsgenehmigungen rascher zu behandeln: Der Genfer Staatsrat und ehemalige Sozialarbeiter Thierry Apothéloz (SP).
Ruft den Bund auf, Gesuche für Aufenthaltsgenehmigungen rascher zu behandeln: Der Genfer Staatsrat und ehemalige Sozialarbeiter Thierry Apothéloz (SP).
Foto: Pierre Albouy (Tribune de Genève)

Apothéloz ruft auch den Bund zum Handeln auf. «Ich verstehe, dass die Ausstellung von Aufenthaltsgenehmigungen für Menschen ohne Papiere Zeit braucht», sagt er. Doch der Bund müsse rasch Hand bieten, damit die Kantone allen in diesem Land lebenden Personen unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus menschenwürdige Lebensbedingungen gewährleisten können. Auch aufgrund der prekären Lebenssituation Tausender Menschen haben die Genferinnen und Genfer am Sonntag der Einführung eines Mindeststundenlohns von 23 Franken zugestimmt.

48 Kommentare
    michael thomas

    Die Corona Krise wird dafür sorgen, dass in den nächsten zehn Jahren hunderttausende ausgesteuerte ehemalige Berufsleute und illegale Einwanderer mittellos in der Schweiz verhungern werden. Es wird nicht möglich sein, allen Armen jeden Tag einen Teller Suppe anzubieten.