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Legendäre Zürcher DiscosErst kamen die Weltstars, dann feierte die Subkultur

Die DJs sind zurück, da und dort wird wieder getanzt. Gerade deshalb wühlen wir weiter in der spannenden Geschichtenkiste des Nachtlebens. Teil 7: Das Big Apple.

Auch Didi Hallervorden, bekannt geworden durch die TV-Serie «Nonstop Nonsens» (1975–1980), war Gast im Big Apple.
Auch Didi Hallervorden, bekannt geworden durch die TV-Serie «Nonstop Nonsens» (1975–1980), war Gast im Big Apple.
Foto: Archiv Albi Matter

Das Puff? Ein seltsamer Name für eine Disco – und doch hiess das Etablissement, das sich seit Mitte der 1970er-Jahre an der Baslerstrasse 80 in Altstetten befand, genau so. Schlimmer war, dass dessen Betreiber finanziell tatsächlich ein Puff machten. Und da kommt Albi Matter ins Spiel.

Der Eventmanager, der jeweils im Februar/ März im Albisgüetli das längste Country-Music-Festival der Welt veranstaltet, war damals keine 30 – aber bereits ein ausgefuchster Tausendsassa. Er übernahm den Club und die Schulden der Vorgänger und vermochte die Gläubiger zu einem Geldverzicht zu bewegen. Hinter dem Schützenhaus Albisgüetli entdeckte er einen riesigen roten Apfel, ein Überbleibsel des Flopmusicals «Tell», das 1977 nach nur dreissig Shows pleite war: Ein paar Telefonate, und die Kunststofffrucht gehörte ihm, er stellte sie als Symbol neben den Eingang und nannte den Club, nomen est omen, Big Apple.

Natürlich sei das eine Anlehnung an New York und den dortigen In-Club Studio 54 gewesen, so Matter: «Auch wir setzten auf den Disco-Touch – allerdings nicht exklusiv.»

Die Promis tranken gratis

Das Konzept ging auf: An die Plattenteller beorderte man den bekannten Radio-24-DJ Clem Dalton, und ab der Eröffnung am 28. September 1979 berichteten Boulevard und Popmagazine fiebrig über den hippen Club und seine illustren Gäste: Queen-Sänger Freddie Mercury, Rocker Peter Maffay, die lebenden Roboter von Kraftwerk oder Reggae-Godfather Bob Marley hingen nach ihren Zürich-Konzerten ebenso im Big Apple ab wie Ski-Ass Franz Klammer oder TV-Ulknudel Didi Hallervorden.

Der Bericht im Tages-Anzeiger zur Eröffnung vom 28. September 1979.
Der Bericht im Tages-Anzeiger zur Eröffnung vom 28. September 1979.
Foto: Archiv Albi Matter
Andere Zeiten, andere Sitten: Zur Plattentaufe des marokkanischen Superstars Emjid wurde ein Kamel in den Club verfrachtet.
Andere Zeiten, andere Sitten: Zur Plattentaufe des marokkanischen Superstars Emjid wurde ein Kamel in den Club verfrachtet.
Foto: Archiv Albi Matter
Besuch der Roboter: Die Kraftwerk-Musiker – links im Bild Wolfgang Flür – schauten nach ihrem Zürcher Gig vom Juni 1981 im Big Apple vorbei.
Besuch der Roboter: Die Kraftwerk-Musiker – links im Bild Wolfgang Flür – schauten nach ihrem Zürcher Gig vom Juni 1981 im Big Apple vorbei.
Foto: Archiv Albi Matter
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«Meine Frau war schwanger, wenn ich um sechs Uhr morgens nach Hause kam, wurde sie wach, das ging nicht mehr, ich musste zurück in die Normalität.»

Albi Matter zum Aspekt, weshalb er sich 1981 vom Big Apple zurückzog

Da der Alkoholverkauf im Memberclub untersagt war, behalf sich Matter mit dem Trick, den Promis die Drinks gratis zu offerieren. Die Location neben dem Letzigrund, immer mittwochs bis samstags von 21.30 bis 5 Uhr geöffnet, war derart angesagt, dass die populäre US-Country-Pop-Gruppe Dr. Hook gar ohne Gage da auftrat.

Trotz des Erfolgs zog sich Albi Matter 1981 aus seinem Club zurück. «Meine Frau war schwanger, wenn ich um sechs Uhr morgens nach Hause kam, wurde sie wach, das ging nicht mehr, ich musste zurück in die Normalität.» Er arbeitete danach als Verkaufsleiter bei Ex-Libris, bis er 1985 die Show-&-Music-Agentur gründete und sein erstes Countryfestival durchführte.

New Wave statt Mainstream

Und das Big Apple? Als 1980 Gutze Gautschis New-Wave-Band Fresh Color da spielte, war das wie ein Vorbote der Neuausrichtung: Ab 1982/1983 wurde der 400-Personen-Club nämlich zur musikalischen Heimat jener Leute, denen die Lichtshows und Sounds der innerstädtischen Discos zu grell und zu groovy waren, die es vorzogen, in schwarzer Kluft zu düsterer bis neoromantischer Electronica zu tanzen.

Tanzen zu den melancholischen Melodien von Blancmange oder zum rotzigen Wave von Siouxsie and the Banshees : Das Big Apple Mitte der 1980er-Jahre.
Tanzen zu den melancholischen Melodien von Blancmange oder zum rotzigen Wave von Siouxsie and the Banshees : Das Big Apple Mitte der 1980er-Jahre.
Foto: zvg
Das Big Apple war ein Ort der Toleranz und der verschiedenen Stilrichtungen …
Das Big Apple war ein Ort der Toleranz und der verschiedenen Stilrichtungen …
ZVG
… und des eigenwilligen Stylings.
… und des eigenwilligen Stylings.
ZVG
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2013 wurde das im «Tages-Anzeiger» in einem Rückblick so beschrieben: «Das Big Apple war Subkultur pur, erinnert sich DJ Gela X, die damals dort verkehrte und ab und zu an den Plattentellern stand. Zu der Zeit wurde in den grossen Clubs nur Hitparadensound gespielt. Bei uns gabs keinen Mainstream aus dem Radio. Wir hörten Blancmange, Siouxsie and the Banshees und Dead Kennedys.»

Weiter war zu lesen, dass nicht allein der Sound den Zauber des «zweiten» Big Apple ausgemacht habe, laut Resident-DJ JHG Shark ist es ein Treffpunkt für Randgruppen und Leute gewesen, die sonst keinen Platz fanden; von Poppern über Teddys bis zu New-Wavern seien alle willkommen gewesen, «es herrschte eine grosse Toleranz unter den Anhängern der verschiedenen Stilrichtungen», so der DJ. Im Big Apple sei man auf Gleichgesinnte getroffen und habe sein können, wie man sich fühlte. 1988 war gemäss dem Bericht Schluss, seither ist es in Zürich vorab die «More than Mode»-Partyreihe im X-Tra, welche die musikalischen Bedürfnisse der Wave- und Gothic-Szene zu befriedigen weiss.

Für die meisten internationalen Musik- und Showgrössen war das Wave-Konzept nichts mehr, sie fanden dann ab 1983 im Roxy einen neuen In-Place, um die Nacht zum Tag zu machen. Doch dazu ein andermal.

So war das tatsächlich mit dem Udo-Jürgens-Penthouse

So, und zum Schluss noch eine nicht ganz unerhebliche Berichtigung: Anders als in Teil sechs berichtet, zog Schlagerstar Udo Jürgens nicht 1977, sondern erst 1983 in seine famose 5-Zimmer-Wohnung im Corso-Haus. Bis dahin war im fünften Stock nämlich der private Happy Night Club eingemietet, angeblich vorab beliebt beim «Gastro-, Musiker- und Halbweltklüngel», wie uns Roger Rosser schrieb. Der Inhaber einer Event- und Entertainment-Firma weiss dies (und einiges mehr!), weil er da oben als Resident wirkte... Was damals übrigens noch herzig «Haus-DJ» hiess. Für diese Richtigstellung sagen wir herzlich «Mässi villmal».

1 Kommentar
    Patrick Roth

    Wurde aus dem Big Apple nicht noch die Tanzgarage. Dort hat doch u.a Oli Stumm aufgelegt (etwa 1987 oder 1988).