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Kopf des TagesErst legte er Bomben, dann malte er

Der jurassische Patriot Marcel Boillat nannte sich «pensionierter Terrorist». Mit ihm ist die gewalttätige Vergangenheit des Jura-Separatismus gestorben.

Marcel Boillat hat die Anschläge nie betreut. Er bedauere sogar, nicht mehr getan zu haben.
Marcel Boillat hat die Anschläge nie betreut. Er bedauere sogar, nicht mehr getan zu haben.
Foto: Getty Images

Am Anfang verschmierte er nur Verkehrsschilder. Doch dann ging der Weinhändler und Gastronom Marcel Boillat weiter, viel weiter. «Ich betrat eine Scheune, streute einen Heuhaufen aus und entflammt ihn», erinnert sich der Kopf der «Jurassischen Befreiungsfront» an einen Aprilabend im Jahr 1963. Mit gerade mal zwei Komplizen lehnte er sich gegen «die Berner Diktatur» auf. Sie beschädigten Bauernhöfe, eine Filiale der Berner Kantonalbank, die Sägerei eines Antiseparatisten und sprengten einen Teil der Eisenbahnlinie zwischen Biel und Bern in die Luft.

Mit 37 wurde Marcel Boillat zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Abgesessen hat er aber nur eines. Sein Zellengenosse hat einen Schlüssel zum Walliser Gefängnis Crêtelongue, weil ihm der Direktor vertraut. Mit der Zeit wird sein Kumpan nachlässig, auch, weil Boillat ihn mit Zigaretten, Sardinen und Schokolade eindeckt. Eines Abends klaut Marcel Boillat den Schlüssel, büxt aus, läuft mit Sträflingskleidung durch das Dorf, steigt ins Auto, das ihm Freunde organisiert haben und fährt über den Simplon Richtung Süden. Seine Frau und die zwei Kinder lässt er zurück. Als er in Barcelona ankommt, kann Boillat kein Wort Spanisch, doch er findet seine zweite Heimat.

Sie nennen ihn «El Suizo»

Franco gewährt ihm politisches Asyl. Wieso ist bis heute unklar. Boillat, den sie «El Suizo» nennen, arbeitet als Disponent eines Lebensmittelgrossverteilers. In Daimiel, 150 Kilometer südlich von Madrid, lebt er, bis er in der Nacht auf Montag mit 90 Jahren in einem Spital stirbt. Immer wieder reist er aber auch in die Schweiz, zum ersten Mal 1987, als seine Delikte verjährt sind. In Delsberg feiert die separatistische Bewegung gerade ein Volksfest. «Jura-Held Marcel Boillat zurück», titelt der «SonntagsBlick». Mittlerweile ist der Kanton eigenständig.

1987 kehrte Marcel Boillat in die Schweiz zurück und nahm an der «Fête du peuple jurassien» in Delsberg teil.
1987 kehrte Marcel Boillat in die Schweiz zurück und nahm an der «Fête du peuple jurassien» in Delsberg teil.
Foto: Keystone

Boillat wird zwar als Ehrengast gefeiert, hält eine kurze Rede, doch viele Jurassier distanzieren sich. Einem Terroristen will man nicht zu nahe sein. Noch heute ist der Aktivist für viele eine Persona non grata. Bei seinen Anschlägen starb zwar niemand, doch die Menschen litten. Angèle Hirschi, deren Bauernhaus von der «Jurassischen Befreiungsfront» bedroht wurde, sagte zu «Le Temps»: «Es waren die hässlichsten Jahre meines Lebens». Beamte empfahlen der Familie, zum Schutz einen 2,5 Meter hohen Metallzaun um den Hof zu bauen.

Täter ohne Reue

Marcel Boillat hat seine Taten nie betreut. Er bedauere sogar, nicht mehr getan zu haben. Es habe kein legales Mittel gegeben, um die Anliegen der Separatisten durchzusetzen. Sein letzter Auftritt im Jura war laut Radio «RFJ» im vergangenen November. Er begleitete eine Gruppe, die sich gegen die Installation von Windkraftanlagen starkmachte. Sich selbst bezeichnete Boillat als «pensionierten Terroristen». In Spanien nahm er im Ruhestand Malstunden, zeichnete Landschaften, Stilleben, Akte. 43 seiner Gemälde stellte er in einer Kirche in Le Noirmont aus, weil seine Freunde darauf bestanden. Die Kunsthistorikerin Patricia Zazzali attestiert ihm einen ausgeglichenen Stil, der nichts mit den terroristischen Aktivitäten eines reuelosen Aktivisten zu tun habe.