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Podladtchikov beendet Karriere«Es gibt für mich keinen Winter mehr»

Der Entscheid ist schon länger gereift, nun macht er ihn publik: Snowboard-Olympiasieger Iouri Podladtchikov kehrt nicht mehr in die Halfpipe zurück.

Relaxter Iouri Podladtchikov: «Ich freue mich, dass es nicht mehr immer nur darum gehen wird, der Beste zu sein.»
Relaxter Iouri Podladtchikov: «Ich freue mich, dass es nicht mehr immer nur darum gehen wird, der Beste zu sein.»
Foto: Marco Zanoni

Iouri Podladtchikov weiss selbst nicht, wann genau er sich dazu entschied, die Karriere zu beenden. Aber als er sich mit der «SonntagsZeitung» trifft, um das Ende öffentlich zu machen, befindet er sich bereits mitten im Abschiedsprozess. Ohne eine Frage abzuwarten, erzählt er, wie er neulich seine Sachen entrümpelt und dabei eine ganze Reihe Pokale weggeworfen habe, weil sie ihm nichts mehr bedeuten oder einfach nicht gefallen.

Doch in all den Kisten entdeckte er auch einen Pokal – kleiner und unscheinbarer als alle anderen –, der ihm immer besonders wichtig war, eine Erinnerung an den Tag, als er in Laax seinen ersten Juniorenwettkampf gewann. Podladtchikov war sechzehn, hatte rabenschwarz gefärbte Haare und galt in der Szene als Aussenseiter. Er war der Russe aus der Intellektuellenfamilie, und er lebte in Zürich. Er hatte nichts, was die Kids aus den Bergen glauben liess, dass er es schaffen könnte. «Aber an diesem Tag fing in mir ein Funken Glaube zu brennen an, dass es möglich sein könnte.»

Sie waren Weltmeister beider Snowboard-Verbände, standen über Jahre auf unzähligen Podesten und gewannen als Höhepunkt 2014 Olympiagold in der Halfpipe. Jetzt treten Sie zurück, in der Leere des Sommers, lange nach Ihrem letzten Contest und lange vor der nächsten Saison – warum?

Jeden Tag begegne ich Leuten, die mich fragen: «Und, fit für den Winter?» Es ist mir unangenehm, ihnen allen ins Gesicht zu sagen, dass es für mich keinen nächsten Winter gibt. Darum tue ich es auf diesem Weg. Es gibt keinen Winter mehr.

Täuscht es, oder sind Sie wehmütig?

Wenn mein Körper entscheiden könnte, würde ich mich bis ans Ende meiner Tage nicht vom Spitzensport verabschieden. Hätten alle meine Zellen ein Mitspracherecht, ein Stimmrecht wie in einer Demokratie, käme ich nie weg vom Sport. Mein Körper fühlt sich wohl in diesem Zustand, es geht ihm blendend als Körper eines Spitzensportlers. Er ist darauf programmiert, jeden Tag Höchstleistung zu bringen, er hat keine Lust, sich auf Neues einzustellen. Der Rücktritt ist für ihn komplett unlogisch. Ich musste mich gegen seinen Willen dazu entscheiden, sozusagen gegen den Volkswillen. Wie ein Diktator.

Als Sie im Januar zum Heimweltcup in Laax antraten – nach einer einjährigen Verletzungspause –, sprachen Sie davon, 2022 noch einmal an den Olympischen Spielen starten zu wollen.

Tief in mir drin spürte ich vielleicht, dass Laax der Abschied sein könnte. Aber in mein Bewusstsein war es noch nicht vorgedrungen. Und selbst wenn ich es gewusst hätte: Ich glaube nicht, dass ich jemandem etwas verraten hätte.

Die Highlights von Iouri Podlatchikovs Karriere.
Video: Tamedia

Warum nicht?

Es wäre zu emotional gewesen. Ich war den Tränen schon so nahe. Ich wurde Fünfter, war viel besser, als ich nach dem Achilles­sehnenriss erwartet hatte. Ich hatte noch einmal eine perfekte Zeit auf dem Berg.

Trotzdem: Es passt nicht zu Ihnen, dass Sie sich der Gelegenheit berauben, sich an einem Wettkampf von der Öffentlichkeit zu verabschieden. Waren Sie nicht immer der Sportler, der auch vom Kontakt mit dem Publikum lebte?

Sie haben recht, das ist ungewöhnlich für mich. Aber ist es so nicht vielleicht ehrlicher? Kaum weiss ich, dass ich aufhören will, tue ich es auch. Ich ziehe die Karriere nicht künstlich in die Länge, nur um im vollen Bewusstsein einen letzten Contest bestreiten zu können. Ich mache einen klaren Schnitt. Im Ballett habe ich gelernt, dass die Schlussbewegung das A und O ist: Man macht eine Bewegung auf, aber auch wieder zu. Ohne ein sauberes Ende ist alles für nichts.

Stationen einer beeindruckenden Karriere: Iouri Podladtchikov auf dem Siegerpodest 2012 in Oslo nach dem ersten von zwei Weltmeistertiteln.
Stationen einer beeindruckenden Karriere: Iouri Podladtchikov auf dem Siegerpodest 2012 in Oslo nach dem ersten von zwei Weltmeistertiteln.
Foto: Krister Sorbo (Keystone)
Mit der Olympiagoldmedaille 2014 in seinem Geburtsland Russland.
Mit der Olympiagoldmedaille 2014 in seinem Geburtsland Russland.
Foto: Pascal Muller (Keystone)
Nun beginnt ein neues Kapitel im Leben von Podladtchikov. Er will tanzen und schreiben, Student und Künstler sein.
Nun beginnt ein neues Kapitel im Leben von Podladtchikov. Er will tanzen und schreiben, Student und Künstler sein.
Foto: Marco Zanoni
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Lange galten Sie als unzerstörbar, kein Sturz konnte Ihnen etwas anhaben. Das änderte sich, als 2017 an der WM in der Sierra Nevada das Kreuzband riss. 2018 erlitten Sie kurz vor Olympia ein Schädel-Hirn-Trauma, und später im Jahr hatten Sie ein Magengeschwür, das die Ärzte zunächst für Krebs hielten. Und als Sie dachten, schlimmer werde es nicht mehr, riss 2019 die Achillessehne. Sind die Verletzungen der Grund für den Rücktritt?

Das Gespräch, das wir hier führen, findet nur statt, weil ich vor wenigen Tagen mit meinem langjährigen Trainer Marco Bruni zusammensass. Ich sagte, ich wolle keine Wettkämpfe mehr fahren. Er fragte: «Warum kommunizierst du das dann nicht?» Er half mir auch, den Grund zu verstehen: Seit dem Kreuzbandriss hatte ich mehr in den Sport hineingesteckt, als dass ich herausnahm. Mit der Zeit killt das die Lust, die Freude. Eigentlich war schon der Achillessehnenriss zu viel. Er kam zu einem Zeitpunkt, da ich keine Energie mehr für Physiotherapie und Spitäler hatte.

Dennoch kämpften Sie sich ein drittes Mal zurück.

Ich wollte mir das Karriereende nicht von einer Verletzung bestimmen lassen. Der Achillessehnenriss war die grösste Herausforderung meiner Karriere, ich sah in den Augen meiner Freunde, dass sie dachten: «Diesmal schafft er es nicht.» Ich schaffte es, weil ich noch einmal in Laax antreten wollte.

Haben Sie eine Erklärung für die plötzliche Verletzungsanfälligkeit?

Nur eine weit hergeholte. Ich behaupte, dass alles mit einem Sturz viele Jahre zuvor zusammenhängt, als ich mir das Fussgelenk verletzte, wir uns aber für eine konservative Behandlung entschieden. Bis ich den Fuss 2018 dann doch operieren liess – während der Zwangspause wegen des Schädel-Hirn-Traumas –, fuhr ich jahrelang mit einem geschwächten Gelenk herum. Es schmerzte mal mehr, mal weniger. Unbewusst versuchte ich ständig, dieses Bein zu entlasten.

«Jetzt leide ich. Es ist gefährlich, den Spitzensport hinter sich zu lassen.»

Seit Sie vor zehn Jahren in Vancouver Olympiavierter wurden, zählten Sie zur Weltspitze. Der Beste aber waren Sie nie, ausser einmal, im einzig richtigen Moment: an den Olympischen Spielen 2014 in Russland, Ihrem Geburtsland. Ihnen gelang das scheinbar Unmögliche: Sie schlugen Shaun White, den bis dahin Unbesiegbaren. Mit einem Trick, den Sie geprägt hatten, dem Yolo-Flip. War das der beste Auftritt Ihrer Karriere?

Oh, bei weitem nicht! Dafür waren in den Tagen vor dem Wettkampf die äusseren Bedingungen nicht gut genug, ich hatte keine Gelegenheit, den Run zu üben, den ich mir vorgenommen hatte. Aber es ist sicher so, dass die Dinge nie besser zueinanderfanden als in dieser Nacht. Wie sich in den Jahren zuvor alles aufgebaut hatte, die Freude, der Glaube, dieses magische Zutrauen, und wie sich dann alles entlud – das war einzigartig und wird mir für immer bleiben. Damit so etwas möglich ist, muss wahnsinnig viel Energie zusammenkommen. Und so fühlte ich mich: Wie wenn man richtig Lust hat, tanzen zu gehen, so richtig Lust, alle zu sehen. Snowboarden ist ein Extremsport, viele Leute vergessen das. Und der Exzess ist dem Extremen sehr nah.

Wie meinen Sie das?

Niemand, der ganz bei sich ist, springt von morgens bis abends in einer pickelharten Pipe herum. Ich aber hatte genau darauf Lust, ich liebte die Grenzerfahrung.

Und jetzt, da Sie das nicht mehr haben werden?

Jetzt leide ich. Es ist gefährlich, den Spitzensport hinter sich zu lassen: Man verliert völlig den Rhythmus, verliert alles, was man kennt. Ich hatte ein Leben lang keine Schlafstörungen, aber jetzt liege ich stundenlang wach. Ich habe so viele Dinge im Kopf, die ich tun will, doch am Ende des Tages merke ich, dass meinem Körper die Bewegung fehlt. Ich habe grössten Respekt vor Leuten, die sich während der Arbeit eine Stunde Zeit nehmen, um ins Fitness zu gehen.

Gibt es etwas, das Sie in Ihrer Karriere hätten schaffen wollen?

Mich ärgert, dass es mir nie gelang, im gleichen Lauf den Yolo-Flip und den Double Rodeo zu stehen.

Sie sagten vorhin, der Lauf, der Ihnen den Olympiasieg einbrachte, sei nicht Ihr bester gewesen. Welcher war es dann?

Das war 2016, an den X-Games in Oslo.

Sie wurden Zweiter.

Um den Rang geht es nicht. Aber als ich hörte, dass der Speaker meinen Lauf als «graceful» bezeichnete, anmutig – da wusste ich: Das ist mein persönlicher Karrierehöhepunkt. Ich bin heute der bessere Snowboarder, als ich 2014 war. Nur hat man das zuletzt nicht mehr immer gemerkt, weil ich häufiger hinterherhinkte. Mit dem Niveau der Jungen – allen voran Scotty James, die Japaner und auch Jan Scherrer – hielt ich nicht mehr mit.

In den Monaten vor den X-Games in Oslo fingen Sie an, Ballettunterricht zu nehmen, weil Ihnen missfiel, in welche Richtung Sie und Ihr Sport sich entwickelt hatten. Sie wollten sich den «harten, kalten, aggressiven Snowboarder» austreiben, wie Sie es damals formulierten, und dem Snowboarden etwas von seiner alten Sanftheit zurückgeben. Glauben Sie, dass Ihnen das gelungen ist?

Ich bin fest davon überzeugt, dass ein grosser Teil meines Olympiasiegs auf der Vielseitigkeit meines Trainings beruht: Ich fuhr Snowboard, schwitzte im Kraftraum, kämpfte im Boxring, verbrachte ganze Tage in Skateparks. Ich machte Musik, wenn auch mehr schlecht als recht, und als wir mit dem Nationalteam eine Lektion pro Woche zur Tanzlehrerin gingen, war ich einer der wenigen, der das ernst nahm. Aber wissen Sie, was mich ein wenig traurig macht?

Nein.

Dass meine Erfahrungen nicht wirklich ernst genommen werden. Die Jungen um mich herum sehen die Sanftheit, die ich angestrebt habe. Aber sie scheint ihnen selbst nicht so wichtig zu sein. Sie investieren vielleicht ein Prozent ihrer Zeit in ein Training, das sie zu kompletteren Sportlerinnen und Sportlern macht. Dabei müssten es mindestens zehn Prozent sein. Und ich rede nicht nur von der Ästhetik. Ich glaube, dass sich jemand, der fähig ist zu zarten, eleganten Bewegungen, auch seltener verletzt. Wenn sich in dieser Hinsicht nicht drastisch etwas ändert in den nächsten Jahren, wird es nur immer schlimmer: Die Verletzungen im Snowboarden werden sich weiter häufen, die Leute werden noch früher zurücktreten.

Ich will fotografieren, aber auch schreiben.
Ich will Künstler sein. Und noch lieber Tänzer.

Sie verstanden sich schon lange mindestens ebenso sehr als Fotograf wie als Snowboarder. Wie wird Ihr neues Leben aussehen?

Diese Frage stelle ich mir gerade täglich. Und ich nehme mir jedes Mal vor, sie beim nächsten Mal in einem Satz zu beantworten. Ich glaube nämlich, dass mein Leben Ordnung braucht. Also: Ich will fotografieren, aber auch schreiben. Ich habe Kurse in Creative Writing besucht, und nach der Rückkehr aus New York, wo ich am International Center for Photography bis zum Frühling Fotografie studierte, habe ich mich auch wieder an der Uni Zürich immatrikuliert: Kunstgeschichte und Philosophie.

Das war jetzt…

… mehr als ein Satz. Noch ein Versuch: Ich will Künstler sein. Und noch lieber Tänzer.

Warum Tänzer?

Weil ich wahnsinnig gern tanze, es aber überhaupt nicht kann. Es ist vielleicht schwer, das zu glauben, aber ich freue mich, dass es in Zukunft nicht mehr immer darum gehen wird, der Beste zu sein, der Champ, der Goldmedaillengewinner. Ich hoffe, dass es mir gelingt, nicht mehr in allem nach Perfektion zu streben. Ich mag das Unvollendete, ich suchte diesen Zustand eigentlich auch im Snowboarden. Darum mochte ich den Wettkampf so sehr: Weil man da nur eine Chance hat, nicht hundert wie bei einer Filmaufnahme, und weil bei diesem einen Mal natürlich so viel hineinspielt, dass die Leistung unmöglich perfekt sein kann. Ein Wettkampf ist wie ein Livekonzert: Die Darbietung entsteht im Moment und ist allein dadurch magisch.

Podladtchikov spricht über den Lockdown, den Sport und seine Liebe zur Kunst.
Video: Tamedia

Was haben Sie in Ihrer Karriere gelernt?

Dass man nur gewinnt, wenn man es schafft, sich das Ziel kleinzureden.

Sind Sie zufrieden mit Ihrer Karriere?

Lassen Sie es mich so sagen: Wenn ich mir mein Leben als Buch vorstelle, habe ich jetzt das erste Kapitel hinter mir. Und mit dem bin ich sehr zufrieden. Aber der Verlag druckt das Buch noch nicht, dafür ist es ihm viel zu dünn. Der Verlag braucht mindestens fünf Kapitel.