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Therapie-Hilfe für Athleten«Es ist ein grosses Tabuthema, die meisten kommen sehr spät»

Als Psychologin und Sportlehrerin therapiert Franziska Held-Beck Athletinnen und Athleten mit gestörtem Essverhalten. Sie sagt, was dabei entscheidend ist.

Franziska Held-Beck sagt, die meisten Athletinnen und Athleten kämen zu spät in die Therapie.
Franziska Held-Beck sagt, die meisten Athletinnen und Athleten kämen zu spät in die Therapie.
Foto: zVg

Welche Athletinnen und Athleten wenden sich an Sie?

Es gibt vier Bereiche von Risikosportarten für ein gestörtes Essverhalten: ästhetische Sportarten, wie Synchronschwimmen oder Ballett, Ausdauersportarten, wie Langlaufen und Triathlon, und jene, die Gewichtsklassen haben, wie Ringen. Und natürlich jene, bei denen die Schwerkraft eine Rolle spielt, wie Klettern und Skispringen. Das Alter ist unterschiedlich, aber es sind eher Jüngere in der Findungs- oder Aufbauphase.

Und dabei geht es um Bulimie oder Magersucht?

Das sind jene, die am ehesten bekannt sind. Es gibt Anorexie, Bulimie, aber auch Binge Eating. Bei einer Anorexie essen die Betroffenen sehr wenig, es kann aber auch sein, dass sie normal essen und danach erbrechen, Abführmittel einnehmen oder exzessiv Sport treiben. Die von Bulimie Betroffenen haben wiederholte Essanfälle, gefolgt von Erbrechen. Die Athleten sind normalgewichtig, beschäftigen sich aber extrem mit ihrer Figur. Binge Eating geht häufig unter. Die Menschen mit dieser Diagnose sind in der Regel normal- oder übergewichtig, leiden an Essanfällen, während denen sie die Kontrolle völlig verlieren, aber nicht erbrechen.

Wie gross ist der Leidensdruck, wenn man zu Ihnen kommt?

Relativ gross. Die meisten kommen sehr spät. Je eher man die Störung angeht, desto besser die Behandlungschance. Es ist noch immer ein grosses Tabuthema, und man weiss nicht genau, wo man sich hinwenden soll. Es fehlt an niederschwelligen Beratungsstellen und Therapieplätzen. Allerdings muss eine Athletin oder ein Athlet die Störung zuerst erkennen und bereit sein, sich zu öffnen und sich helfen zu lassen.

Ab wann spricht man von einer Essstörung?

Wenn sich Menschen krankhaft mit dem Essen beschäftigen. Es muss nicht unbedingt jemand sein, der sehr mager oder sehr dick ist, die Person kann auch normalgewichtig sein. Von vielen höre ich, dass sie so viel ans Essen denken, es planen müssen, dauernd damit beschäftigt sind. Das sind Alarmzeichen. Sehr typisch ist, dass sich eine Störung schleichend entwickelt.

Sportler bringen Eigenschaften mit, welche eine Störung begünstigen. Sie sind sehr strukturierte Menschen, fokussiert, vielleicht manchmal ein wenig zwanghaft und können sich extrem herausfordern.

Welche Ursachen kann eine Essstörung haben, und versuchen Sie, diese herauszufinden?

Manchmal ist die Ursache klar, oft aber auch nicht. Es geht dann erst einmal darum, das Verhalten zu ändern, damit sich das Gewicht normalisiert. Weil sich Athleten ja oft melden, wenn sie die Leistung nicht mehr erbringen können. Mögliche Ursachen zu eruieren, ist auch wichtig.

Wie wirkt sich der Sport auf die Störung aus, oder anders gefragt: Ist er auch Ursache?

Häufig, aber nicht immer, geht einer Essstörung eine Diät voraus. Und Sportler bringen Eigenschaften mit, welche die Störung begünstigen. Sie sind sehr strukturierte Menschen, fokussiert, vielleicht manchmal ein wenig zwanghaft und können sich extrem herausfordern. Das alles kann man auch gut aufs Ernährungsverhalten anwenden.

Ist der Anteil Menschen mit einem gestörten Essverhalten im Spitzensport grösser als in der normalen Bevölkerung?

Die Studienlage ist nicht klar, aber man geht neuerdings davon aus, dass ein erhöhtes Risiko da ist, in eine Essstörung zu geraten. Eben spezifisch in den genannten Risikobereichen.

Wie versuchen Sie, einem Athleten zu helfen?

Das Vorgehen ist individuell, aber es geht darum, ihm aufzuzeigen, welche Erkrankung vorliegt und welche Verhaltensmuster er ändern sollte. Das Essverhalten normalisieren, das Gewicht auf ein gesundes Level bringen, man versucht, zu eruieren, was den Leidensdruck ausmacht, sucht nach Ursachen, Emotionen, Gedanken.

Wie sehr steht das Gewicht im Zentrum während der Therapie, der Ist-Zustand und der Soll-Zustand?

Es ist Bestandteil der Therapie, das ist ganz wichtig. Wichtig ist auch, dass man es immer kontrolliert. Vor allem, wenn jemand im Untergewicht ist. Allen gemeinsam ist der Leidensdruck, die verminderte Lebensqualität. Bei einer Binge-Eating-Störung können die Gewichtsschwankungen gross sein, das muss aber nicht sein. Sportler können das mit dem Training relativ gut kompensieren.

Wieso reicht ein Ernährungsberater oft nicht aus?

Sie befassen sich spezifisch mit dem Essen. Ernährungsberatung mit Stoffwechselanalysen und genauen Kalorienangaben kann in einzelnen Fällen hilfreich sein. Aber bei einer Störung sollte man das psychologisch und psychiatrisch oder das eine von beiden angehen.

Welches ist der wichtigste Schritt, um die Störung auszumerzen?

Einsehen, dass man ein Problem hat, und Hilfe in Anspruch nehmen.