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Neuer Hunkeler-Krimi aus Basel «Es ist ein Roman, erstunken und erlogen»

Hansjörg Schneider wollte aufhören mit der Literatur. Weil er sich langweilte, hat er noch einen Hunkeler-Krimi geschrieben. Und sich dabei von einem Hund führen lassen.

«Ich bin ja ein grosser Träumer und versuche meine Träume zu verstehen»: Hansjörg Schneider.
«Ich bin ja ein grosser Träumer und versuche meine Träume zu verstehen»: Hansjörg Schneider.
Foto: Sabina Bobst

Ihr Hunkeler ist alt geworden. Und umgeben von alten Leuten.

Natürlich. Ich könnte nicht über Junge schreiben. Ich kenne sie zu wenig gut. Und deshalb schreibe ich über das, was ich kenne, also zwangsläufig alte Menschen.

Zu den alten Menschen kommen viele alte Geschichten. Die reichen zurück bis zum Zweiten Weltkrieg.

Ja. Weil das Geschichten sind, die mich faszinieren. Ich kenne zum Beispiel eine alte Frau, die unweit von mir im Altersheim wohnt. Sie ist 88 Jahre alt und wuchs in Norddeutschland auf. Sie musste zu den jüngeren Geschwistern schauen, sie bei Fliegerangriffen in die Schutzräume führen. Sie hat heute noch eine Sauwut auf die Leute, die die Phosphorbomben erfunden haben. Für sie sind ihre Erinnerungen in ihr, immer noch Gegenwart. Wir erleben jetzt wegen des Coronavirus zum ersten Mal seit langer Zeit eine massive Störung. Und dabei sind wir uns gewohnt, dass alles immer sofort gelöst wird, dass gegen jede Krankheit sofort irgendein Mittel gefunden wird. Wenn man keinen Stutz mehr hat, ist man versichert … Und im Gegensatz dazu diese alte Frau, die eine ganz andere Welt erlebt hat. Solche Geschichten interessieren mich sehr.

Es tauchen alte SS-Uniformen auf oder ein Brief eines zum Tode verurteilten Deserteurs. Ist das Teil des Falles – oder eine Art Teppich dafür?

Vor allem die Geschichte mit dem Soldaten in Russland, der exekutiert wird, ist speziell. Im Buch zitiere ich den letzten Brief, den der junge Mann nach Hause schrieb. Den gibt es. Ich habe diesen Brief schon seit zwanzig Jahren. Er hat mich immer beschäftigt. Ich wollte ihn unbedingt in eines meiner Bücher einbringen. Er sollte zu einem literarischen Dokument werden.

Auch das Opfer, der ehemalige Literaturredaktor der BaZ, trägt einen Teil einer alten Geschichte mit sich herum. Ein Eisernes Kreuz an einem Lederbändel. Hat Sie mein ehemaliger Kollege Reinhardt Stumm zu der Figur inspiriert?

Dazu sage ich nichts. Es ist ein Roman, erstunken und erlogen.

Eigentlich sollte das vorherige Buch, «Kind der Aare», Ihr letztes sein.

Das hatte ich auch gedacht: mein Abschied von der Literatur! Doch dann war mir stinklangweilig. Ich wusste nicht, was mit meiner Zeit anstellen. Da machte ich mal den Anfang, schrieb über den Kannenfeldpark, denn da bin ich jeden Morgen. Die ersten acht Seiten. Die liess ich dann liegen. Bis ich fand, ich könne ja eigentlich weiterschreiben. Sehr langsam. Die meisten Hunkeler-Bücher habe ich innerhalb von zwei Monaten geschrieben. An diesem war ich anderthalb Jahre dran.

Warum ging es so viel länger?

Weil ich zwischendurch aufgehört habe. Zum Beispiel, als plötzlich dieser Hund dort am Bach im Elsass auftauchte. Und ich dachte, ja gopferdori, was soll ich jetzt mit diesem Hund anfangen? Da habe ich aufgehört mit dem Schreiben. Ich bin ja nicht mal ein Hundetyp. Ich bin ein Katzentyp. Doch dann dachte ich mir, ja gut, wenn der Hund jetzt schon mal da ist …

Also kam der Hund quasi von sich aus ins Buch geschlichen?

Jaja. Und daraus wurde plötzlich eine ganz starke Figur. Es ist übrigens der erste Hunkeler-Roman, bei dem ich zu Beginn noch nicht wusste, wie der Schluss aussehen soll. Ich liess es offen. Schrieb einfach weiter. Als der Hund kam, dachte ich mir: «Falsche Fährte.» Führt ja nirgends hin. Wart doch besser mal ab. Schliesslich gab ich dem Hund nach. Gab ihm zu fressen, beschrieb ihn. Und hatte plötzlich richtig Freude an ihm.

Wie haben Sie die Schreibpausen erlebt?

Es gab zwei Momente beim Schreiben, bei denen ich erschrocken bin. Und ich habe gelernt, dann aufzuhören, statt etwas kaputtzuschreiben. Das sind so Spiele, die sich im Kopf abspielen. Es stellt sich dabei die Frage: Was will ich bewusst merken, was nicht? Wie sehr schalte ich den analytischen Verstand aus und folge dem Instinkt? Was dieser Hund zum Beispiel genau zu bedeuten hat, erschloss sich mir erst, nachdem das Buch fertig war. Nachträglich könnte ich ziemlich viel über diesen Hund erzählen.

Ja, gern!

Nein, das will ich nicht. Ich kann nur sagen: Wenn man zu sehr anfängt zu ergründen, woher so eine Figur kommt, kann man nicht mehr unbeschwert weiterschreiben. Weil die Bedeutung sonst die Geschichte zuschüttet. Der Hund sollte einfach als etwas Unheimliches auftauchen.

«Ich bin ja ein grosser Träumer und versuche meine Träume zu verstehen.»

Womit wir beim Titel wären: «Hunkeler in der Wildnis».

Mein Titel war ursprünglich «Hunkeler im Kannenfeldpark». Der Verleger wandte ein, niemand ausserhalb von Basel wisse, was der Kannenfeldpark sei. Im Gespräch mit Philipp Keel kamen wir dann darauf, dass es ein Roman über die Wildnis ist, über das Wilde, auch der Menschen. Das Cover gefällt mir übrigens sehr. Es passt haarscharf.

Aber es zeigt einen Fuchs, keinen Hund.

Spielt doch keine Rolle. Ich beschreibe eine Idylle, die Risse hat. Und aus den Rissen steigt das Unheimliche.

Eine Idylle? All die Menschen, die auftauchen, sind ja abgelöscht, alkoholkrank, verbittert. Auch der Hunkeler ist ja kein glücklicher Mensch. Die Natur ist vielleicht idyllisch, die Menschen nicht.

Ja, das stimmt. Es sind viele Sachen in diesem Buch, die ich instinktiv geschrieben habe, aus dem Unbewussten. Ich habe mir keinen Zwang angetan bei «Hunkeler in der Wildnis». Ich habe nicht sehr gross mit dem Verstand gefiltert. Ich bin ja ein grosser Träumer und versuche meine Träume zu verstehen. Und davon floss viel in dieses Buch ein.

Wie geht es Ihnen jetzt?

Mir geht es so, wie es einem alten Mann in der Corona-Krise heute geht. Ich gehöre ja zur Risikogruppe. Zudem sind die Buchläden zu und die Lesungen abgesagt. Trotzdem freue ich mich natürlich, dass das Buch jetzt erschienen ist. Denn es wird weiterhin gelesen. Und geschrieben auch.