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Das Nerzmassaker in Dänemark«Es war wie im Krieg»

Wegen einer angeblichen Coronavirus-Mutation liess die dänische Regierung 17 Millionen Nerze töten. Eine Milliardenindustrie ist ruiniert, die Nerzfarmer sind wütend.

Rebellion gegen die Regierung: Nerzbauer Erik Vammen vor seiner Nerzfarm, wo er 4000 Weibchen am Leben gelassen hat.
Rebellion gegen die Regierung: Nerzbauer Erik Vammen vor seiner Nerzfarm, wo er 4000 Weibchen am Leben gelassen hat.
Foto: Kai Strittmatter

Als das grosse Töten vorüber war, da drehte im nordjütländischen Weiler Gjol am Limfjord der 61-jährige Nerzzüchter Erik Westergaard seinen Fernseher ab. «Ich ertrug die Bilder nicht mehr», sagt er. Er hatte selbst ein viel diskutiertes geschaffen, als er vor laufender Kamera im Staatsfernsehen demonstrativ einen der toten Nerze packte und küsste. Erik Westergaard, der Zornige.

Als das grosse Töten vorüber war, da dachte im Dorf Stinesminde bei Hobro sein Freund, der 62-jährige Nerzbauer Erik Vammen: Jetzt erst recht nicht. «Meinem Leben den Garaus zu machen? Meiner Familie? Ich verstand es nicht: Wie konnten die anderen da einfach mitmachen?» Er hatte seine 4000 Weibchen am Leben gelassen, entgegen der Anordnung der Regierung. Und er beschloss, um jeden Tag, der ihnen noch blieb, zu kämpfen. Die letzten Nerze Dänemarks. Erik Vammen, der Rebell.

Als das grosse Töten vorüber war, da produzierte das Kinderprogramm des Dänischen Rundfunk DR einen Podcast mit dem Titel «Lebewohl, kleiner Nerz». Ein Versuch, den erschrockenen Kindern wenigstens zu erklären, was da gerade geschehen war. 17 Millionen Nerze vergast, des Coronavirus wegen. Eine ganze Industrie ausgelöscht, über Nacht.

«Werden wir den Nerz vermissen?», war eine der Fragen, die die beiden Kindermoderatoren Mattias und Björn zu beantworten suchten. Als der eine, Mattias, zu Beginn der Sendung bekannte, wie süss er die Tiere «mit der Stupsnase» finde, gestand sein Co-Moderator Björn, auf ihn wirkten sie auch ein wenig unheimlich. «Stell dir vor, du wachst auf, und der Nerz sitzt auf deiner Decke, faucht und schaut dich an mit seinen schwarzen Augen.»

Massengrab mit Zombienerzen

Und dann passierte ein paar Tage später genau das: Die dänische Nation erwachte, und das Tier, das sie schon tot geglaubt hatte, sass auf ihrer Decke und starrte sie an mit seinen schwarzen Augen. Der Nerz war zurückgekehrt. Er hatte sich aus seinem Grab erhoben, und zwar buchstäblich: Ende November tat sich bei einem Massengrab von Millionen Nerzen in der Nähe der Stadt Holstebro die Erde auf. Verwesungsgase hatten die Kadaver aufgebläht und durchs sandige Erdreich Jütlands wieder ans Tageslicht gedrückt.

Es war, als wolle der Nerz den Menschen noch einmal stellen, für all das, was dieser ihm angetan hatte, in diesen Wintertagen, aber vielleicht auch in den 100 Jahren zuvor. Zu dem Zeitpunkt war die Saga schon von einem Grad an Unwirklichkeit, dass die Zeitung «Weekendavisen» schrieb, es würde einen nun nicht mehr wundern, wenn sich mit einem Mal Lars von Trier als Regisseur des Dramas zu erkennen gebe.

Es war alles so schnell gegangen. Die Medienkonferenz der Premierministerin Mette Frederiksen am 4. November, die erklärte, man habe in Jütland eine vom Nerz übertragene Mutation des Coronavirus entdeckt («Cluster 5»), die möglicherweise einen kommenden Impfstoff wirkungslos mache. Vorsorglich müssten deshalb die Nerzpopulationen in Dänemark gekeult werden, sagte die Regierungschefin. Und zwar die infizierten ebenso wie die nichtinfizierten. Also alle 17 Millionen Zuchtnerze des Landes. Alle 26’000 Tiere auf dem Hof von Erik Westergaard.

Eine Katastrophe für Dänemarks Nerzbauern: Getötete Nerze auf dem Hof von Erik Westergaard.
Eine Katastrophe für Dänemarks Nerzbauern: Getötete Nerze auf dem Hof von Erik Westergaard.
Foto: Kai Strittmatter

«Es war wie im Krieg hier oben», sagt Westergaard. Zuerst die Anrufe der Polizei. «Töte sie! Sonst tun wir es.» Die von den Behörden in Marsch gesetzten Keulungstruppen, die in ihren weissen Schutzanzügen und Masken durchs herbstliche Dänemark marschierten wie Todesengel. Oder auch rumänische Leiharbeiter. «Keine Ahnung hatten die von ihrem Handwerk», sagt Westergaard. Sie packten die Nerze falsch, brachen vielen die Beine, wussten die Kill-Boxen nicht richtig zu bedienen, in die man zuerst die Nerze steckt und dann Kohlenmonoxid einleitet, um sie zu vergasen.

Grausige Videos machten die Runde, von Tieren, die lange leiden mussten, weil die Boxen nicht richtig schlossen. «Ein Albtraum», sagt Erik Westergaard. «Wenn du das fachgerecht machst, ist das Tier nach einigen Sekunden bewusstlos und wenig später tot.»

Schliesslich liess der Staat die Farmer selbst das Töten erledigen. Militärs fuhren ein auf Westergaards Hof, und sie beaufsichtigten die Familie beim Töten ihrer Nerze. Am 9. und 10. November töteten sie alle 26’000 Tiere. Westergaard, seine Frau, der Sohn und zwei Helfer. «Drei Nächte konnte ich danach nicht schlafen», sagt er. Die toten Nerze – 63 Tonnen – seien dann neun Tage auf seinem Hof gelegen. «Keiner kam, um sie abzuholen. Sie rotteten da vor sich hin.» Er schweigt.

Ein Ort, der vom Nerz lebte

Plattestes Dänemark ist das hier oben im Norden Jütlands. Gjol ein kleiner Weiler der Kommune Jammerbugt, gelegen am Limfjord, dessen graue Wasser an Tagen wie diesen verschmelzen mit einem bleichen Himmel. Eine Kirche, ein Fischerei- und Bootsladen, ein Sportverein, 900 Einwohner, 400’000 Nerze. Bis November. «Dieser Ort lebt vom Nerz», sagt Erik Westergaard. Er korrigiert sich: «Lebte.»

Westergaard sitzt am Steuer seines Autos, er fährt zu seiner Farm, die ausserhalb des Ortes gelegen ist. Unterwegs zeigt er mal nach links, mal nach rechts: Der Hof hier hatte 800 Weibchen, da drüben waren es 2500. Nerzzüchter zählen in Weibchen. Jedes Weibchen wirft im Durchschnitt sechs Junge, im April eines jeden Jahres, die dann sieben oder acht Monate leben dürfen. 94 Nerzbauern gibt es allein in dieser Gegend. Oder muss es heissen: «Gab es?»

Der Nerz ist massakriert, die Bauern sind noch da. Die Regierung hat ihnen Entschädigung versprochen, noch hat keiner Geld gesehen. Erik Westergaard sagt, hier gehe es ohnehin um mehr. «Scheiss auf das Geld. Hier geht es um eine Lebensart. Um Existenzen, die von der Regierung ruiniert, um Familien, die gebrochen wurden.»

«Hier geht es um eine Lebensart»: Erik Westergaard in seiner Nerzfarm, wo alle Ställe inzwischen leer sind.
«Hier geht es um eine Lebensart»: Erik Westergaard in seiner Nerzfarm, wo alle Ställe inzwischen leer sind.
Foto: Kai Strittmatter

Erik Westergaard steht jetzt auf einer Plattform hoch über seiner Farm, blickt auf die Reihen schmaler langer Ställe, die unter ihm liegen. Zweieinhalb Kilometer Stall, in der grossen Halle davor Dutzende von Maschinen, Westergaard übernahm das Häuten der Tiere und das Säubern, Trocknen und Bürsten der Pelze immer selbst. «Vor sechs Wochen war das ein Vorzeigebetrieb», sagt Westergaard. «Jetzt sind es Ruinen.»

Westergaards Vater hatte als einer der Ersten hier Nerz gezüchtet – 1959 war das. Heute sind sie fünf Nerzzüchter in der Familie: Westergaard selbst, zwei seiner Brüder und zwei Neffen. In ein paar Tagen, im Januar, hätte Erik Westergaards Sohn den Hof übernehmen sollen.

Normalerweise ist das die Zeit im Jahr, in der sie 18, 19 Stunden am Tag arbeiten. In diesen Wochen werden in normalen Jahren die jungen Nerze getötet und zu Pelzen verarbeitet. Das einzige Fauchen, das heute auf dem Hof zu hören ist, kommt aus einem der hinteren Ställe: ein Hochdruckreiniger. Sohn Mads spritzt die leeren Käfige blitzeblank, erst dann dürfen die Ställe abgerissen werden.

Von einem Stück dänischer, ja, «einem Stück Weltgeschichte», das sich da gerade vor unseren Augen abspiele, spricht das Grüne Museum in Djursland, das ist das dänische Nationalmuseum für Jagd, Forst und Landwirtschaft. Umso erstaunlicher, dass ausserhalb der Farmen kaum einer eine Ahnung hatte von Dänemarks überragender Stellung in Nerzzucht und Nerzhandel. Auch die meisten Dänen nicht. «Wie riesig der Sektor war, das war für uns alle eine Überraschung», sagt Rune Clausen, einer der Kuratoren des Museums.

Nach Schwein und Kuh war der Nerz das wichtigste Tier der dänischen Landwirtschaft.

Vor 100 Jahren hatten die Dänen die ersten nordamerikanischen Nerze eingeführt, die oft doppelt so gross werden wie ihre europäischen Artgenossen. Zuletzt waren die dänischen Züchter die Nummer eins im Weltmarkt. Sie produzierten die weltbesten Nerzpelze, und sie besassen dazu das weltgrösste Auktionshaus für Pelze in der dänischen Hauptstadt: Kopenhagen Fur. Ein Auktionshaus, das den in einer Kooperative organisierten dänischen Bauern selbst gehörte.

Es gab mehr als dreimal so viele Nerze im Land wie Dänen, nach Schwein und Kuh war der Nerz das wichtigste Tier der dänischen Landwirtschaft. Eine Milliardenindustrie. «Und jetzt bricht diese Welt zusammen», sagt Museumskurator Rune Clausen. «Eine ganze Profession wird über Nacht ausgelöscht.» Rune Clausen will den Nerz nun ins Museum bringen. Es eile, sagt er: «Bald ist alles verschwunden.»

Die Nerzzüchter selbst haben den wahrscheinlich nicht ganz unbegründeten Verdacht, dass ihr Verschwinden vielen gar nicht unrecht ist. Für die sozialdemokratische Regierung wuchs sich der Fall zunächst zur grössten Krise ihrer Amtszeit aus, der Landwirtschaftsminister musste zurücktreten. Vor staunendem Publikum reihte die Regierung ein Versagen an das andere.

Das begann bei der Enthüllung, dass sie völlig vergessen hatte, ihrem Tötungsbefehl für die gesunden Nerze eine rechtliche Grundlage zu geben. Und es reichte bis zum stümperhaften Massengrab, aus dem sich die «Zombienerze», so die Zeitung «Politiken», erhoben.

Das ist nun Vergangenheit: Werbung für dänische Nerzkleider in einem der Maschinenräume der Westergaard-Nerzfarm.
Das ist nun Vergangenheit: Werbung für dänische Nerzkleider in einem der Maschinenräume der Westergaard-Nerzfarm.
Foto: Kai Strittmatter

Es wurde auch schnell klar, dass «Cluster 5» keineswegs jene Monstermutation des Coronavirus war, vor der die Regierung anfangs gewarnt hatte: Keine Gefahr für kommende Impfstoffe, urteilten Virologen weltweit. Egal, sagte die Regierung dann: Nerzpopulationen seien generell ein gefährlicher Evolutionsbeschleuniger für Virusmutationen, die Nerzzucht bleibe mit Blick auf kommende Pandemien ein potenzielles Risiko.

Es stimme, dass Nerze mehr als andere Tiere anfällig seien für vom Menschen übertragene Viren, sagt Tiervirologe Lars Erik Larsen von der Universität Kopenhagen am Telefon. Gerade wenn sie in Massenhaltung zusammengepfercht sind. Er wirft der Regierung dennoch übereiltes Handeln vor: «Es mag gut sein, dass wir am Ende zu der Überzeugung gekommen wären, dass die Tötung aller Nerze die einzige Lösung ist», sagt er. «Was wir aber kritisieren, ist, dass wir davor nie die Gelegenheit bekamen, die Lage gemeinsam zu diskutieren. Es war eine einsame Entscheidung der Regierung. Und am Ende stellte sich heraus, dass sie diese Entscheidung auf der Grundlage von teilweise falschen Daten getroffen hatte.»

«Sie wollten uns schon lange loshaben», glaubt Erik Westergaard. «Sie haben nur nach einer Ausrede gesucht.» Die Nerzindustrie versucht seit Jahren, auf den Nachhaltigkeitstrend aufzuspringen. Sie preist den Pelz als Naturprodukt: keine Chemie, langlebig, kompostierbar. Aber nicht nur der von der Industrie enthusiastisch vorgetragene Hinweis darauf, die gehäuteten Nerze würden allesamt zu Biodiesel verarbeitet, zeugte dabei von einer gewissen Hilflosigkeit.

Längst schon hatte die Branche die öffentliche Meinung und die Kunden auch in Dänemark verloren. Zuletzt gingen in manchen Jahren 90 Prozent der dänischen Pelze nach China. «Die Dänen selbst verstecken heute ihre alten Pelze wie peinliche Pornomagazine im hinteren Teil des Schranks», schrieb «Weekendavisen».

Viel Heuchelei in der Nerzdebatte

Der Schock über die Bilder vom Nerzmassaker konnte natürlich auch nur deshalb so gross sein, weil die meisten verdrängt hatten, dass eine solche Massentötung in jedem Jahr stattfindet. Fast zur selben Zeit. Nur ordentlicher, sauberer, profitabler. Vor allem aber: ohne, dass uns zugemutet würde, zuzusehen. Wie auch beim Schwein. Oder beim Huhn. Massentierhaltung ist in allen Formen widernatürlich, die Tiere leiden, manche verletzen sich.

Der Nerz ist ein Raubtier aus der Familie der Marder, ein Einzelgänger in der freien Wildbahn, ein einsamer Jäger mit einem Revier entlang von Seen oder Flüssen, wo er sich von Fischen, Fröschen oder Krebsen ernährt. 15 europäische Staaten haben die Pelzzucht mittlerweile verboten.

Die Frage ist, wie viel Heuchelei in der Nerzdebatte oft steckt. Auf seiner Farm holt Erik Westergaard eine Pelzmütze hervor. «Diese Nerzmütze habe ich nun 15 Jahre. Sie sieht aus wie neu, und sie wird noch 40 weitere Jahre ihren Dienst tun», sagt er. «Ein Poulet ist in 15 Minuten verspeist. Und für beide musste je ein Tier sein Leben lassen.» Pelz sei unnötiger Luxus, sagen viele, aber in Wirklichkeit zwingt den Menschen auch keiner, Fleisch zu essen. Fleisch essende Pelzgegner belögen sich selbst, meint Nerzbauer Westergaard. «Als Vegetarier mit Pelzmütze tätest du wahrscheinlich mehr Gutes.»

«Diese Nerzmütze habe ich nun 15 Jahre. Sie sieht aus wie neu, und sie wird noch 40 weitere Jahre ihren Dienst tun»: Erik Westergaard.
«Diese Nerzmütze habe ich nun 15 Jahre. Sie sieht aus wie neu, und sie wird noch 40 weitere Jahre ihren Dienst tun»: Erik Westergaard.
Foto: Kai Strittmatter

Die Pelzdebatte sei «emotional extrem aufgeladen», sagt Else Skjold, Dozentin für Nachhaltigkeit und Mode an der Königlichen Akademie der Feinen Künste in Kopenhagen. Sie arbeitete vor ein paar Jahren an einem Forschungsprojekt über die Nerzindustrie, in Kooperation mit Kopenhagen Fur. Zum ersten Mal habe sie da erlebt, wie öffentlich die Integrität ihrer Forschung angezweifelt wurde.

Dabei sei die Mode als Ganzes eine der umweltzerstörendsten Industrien der Welt. «Aber das läuft meist unter dem Radar, allein der Pelz erregt Zorn. Wahrscheinlich weil er uns mit seinem Anblick daran erinnert, dass die Kleidung tatsächlich aus der Natur stammt. Bei allen anderen Kleidern denken die Menschen heute ja, sie wachse auf Supermarktregalen.» Der Pelz, glaubt sie, sei auch zum Sündenbock geworden für andere.

Else Skjold sagt, man müsse Massentierhaltung nicht gut finden, um dem Pelz dennoch Lektionen fürs nachhaltige Leben abzugewinnen. Zum Beispiel, dass man ein Kleidungsstück als Investition sieht. Dass man dafür viel Geld ausgibt, sich den Kauf vorher gut überlegt. Dass die Stücke 50, 60 Jahre lang getragen werden, dass ihre Besitzer sie immer wieder reparieren und ändern lassen. «Das sagt uns viel darüber, was schiefläuft in einer Industrie, die Klamotten produziert für einen durchschnittlichen Gebrauch von zwei bis drei Jahren.»

Und dann ist da das Modell der Kooperative, mit dem sich die dänischen Bauern laut Skjold an die Weltspitze gearbeitet hatten: «Sie haben ihr Geld zusammengelegt, ihr Wissen geteilt, gemeinsam Laboratorien finanziert, Krankheiten erforscht und Marketingstrategien erarbeitet. Ich frage mich, ob es diese Praktiken nicht wert sind, auf andere Sektoren übertragen zu werden.»

In der Zeitung stand, die Nerzbauern sollten umschulen auf Schweine. Oder Insekten.

Skjolds Nerzprojekt lief über die Jahre 2014 bis 2018. «Die ganze Zeit haben wir die Pelzbranche gewarnt: Gut möglich, dass ihr die nächste Zigarettenindustrie seid. Dass die Leute irgendwann einmal sagen: Verrückt, dass wir einst Tiere in Fabriken gehalten haben. Aber wir dachten da an eine Übergangsphase von vielleicht zehn Jahren, nicht zehn Tagen.»

Zehn Tage, das ist in etwa die Zeit, die Erik Vammen jetzt noch bleibt, dem Kollegen und Freund von Erik Westergaard. Dem Mann in Stinesminde am Mariagerfjord, der sich dem Tötungserlass bislang verweigert hat. Dem wohl letzten von mehr als 1000 Nerzzüchtern in Dänemark. Westergaard sagt, er bewundere Vammen, mache sich aber auch ein wenig Sorgen um ihn. «Er hat noch nicht realisiert, dass es vorbei ist. Aus.»

Vammen sagt: «Ich bin auf einer Nerzfarm geboren. Ich kann nichts anderes.» In der Zeitung stand, die Nerzbauern sollten umschulen auf Schweine. Oder Insekten. «Das müssten grosse Insekten sein, dass ich sie in meinen Käfigen halten könnte.» Vammen sitzt in seiner Küche, Blick auf den Fjord. Im Flur liegen Spielsachen für die Enkelkinder, auf der Fensterbank spielen zwei Keramiknerze. Vammen ahnt, warum andere so schnell mitgemacht haben bei der Tötung. Viele sind verschuldet, wurden von ihrer Bank dazu gedrängt: Wer seine Nerze bis zum 16. November tötete, dem zahlte der Staat einen Bonus pro Tier.

Das letzte Rekordjahr für die Züchter war 2013, damals bekam man fast 600 Kronen pro Pelz, umgerechnet knapp 87 Franken. Seitdem sind die Preise abgestürzt. Einige Züchter waren zunehmend verzweifelt, anderen schien wohl die von der Regierung versprochene Entschädigung als Sprungbrett raus aus dem Beruf.

Noch ist aber kein Geld geflossen. «Ich denke, am Ende werden wir bei uns mehr Tote durch Selbstmord sehen als durch Corona», sagt Vammen. Ihn schrecke das Auf und Ab am Pelzmarkt nicht, das war schon beim Vater so. «Es kamen immer wieder auf schlechte auch gute Zeiten.»

Wenn er seine letzten Nerze nicht tötet, muss er ins Gefängnis: Erik Vammen im Wohnzimmer seines Hauses mit einem Bündel weisser Nerzpelze.
Wenn er seine letzten Nerze nicht tötet, muss er ins Gefängnis: Erik Vammen im Wohnzimmer seines Hauses mit einem Bündel weisser Nerzpelze.
Foto: Kai Strittmatter

Er selbst reist jetzt viel, sucht nach neuen Partnern, nach einem Ausweg. Vammens Lebensgefährtin Gitte kümmert sich derweil um die Nerze. «Erik hat mich überrascht», sagt sie und schaut ihn an. «Eigentlich bin ich die Rebellin von uns beiden.» Er lacht kurz auf. «Wir Dänen hatten immer ein grosses Vertrauen in unser System und in die Regierung», sagt sie. «Das ist jetzt weg», sagt er. Seit herauskam, dass es gar kein Gesetz gab für den Tötungsbefehl, fühlen sich die beiden noch mehr verraten.

Das wenigstens hat die Regierung nun nachgeholt. Am 21. Dezember verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das im Interesse der öffentlichen Gesundheit die Zucht von Nerzen in Dänemark vorerst verbietet. Spätestens Mitte Januar, sagt Erik Vammen, müsse er die Entscheidung treffen: «Meine Nerze töten. Oder ins Gefängnis gehen.»

«Das ist nun einmal passiert. Und keiner hat dabei böswillig gehandelt.»

Rasmus Prehn, Landwirtschaftsminister

Möglicherweise tut sich in letzter Minute noch ein dritter Weg auf: Er sei nun in Kontakt mit den Universitäten Kopenhagen und Aarhus, sagt er, vielleicht wollen die Forscher dort seine Nerze übernehmen, sie haben dort zuletzt an Corona-Impfstoffen für die Tiere gearbeitet. «Ich warte bis zur letzten Minute», sagt er. Und dann? Vielleicht beginnt er ein neues Leben als Händler, mit Pelzen aus Osteuropa und dem Baltikum. «Ich kenne viele Leute.»

Und was meint die Regierung heute zum Nerzmassaker. «Im Nachhinein mag man denken: Das Ganze schreit zum Himmel, wie konnte das bloss passieren?›», sagte der neue Landwirtschaftsminister Rasmus Prehn dem Sender TV2. «Aber es ist nun einmal passiert, und keiner hat dabei böswillig gehandelt.»

Die Regierung hat jetzt auch die Entsorgung der Zombienerze aus den Massengräbern beschlossen, deren Leichengift in Boden und Grundwasser zu sickern droht. Vier Millionen Kadaver sollen wieder ausgegraben und abtransportiert werden – allerdings erst in sechs Monaten, wenn kein Infektionsrisiko mehr besteht. So lange bleiben sie da liegen, wo sie sind, den Menschen eine Mahnung.

67 Kommentare
    paulus

    Selbstverständlich ist Massen-Tierhaltung widernatürlich. Aber weil es schätzungsweise Faktor 8 zu viele Menschen auf diesem Planeten hat, ist es unmöglich, im Einklang mit der Natur zu existieren. Menschen sind nun mal keine harmlosen Grasfresser, da würden 200 Kubikzentimeter Hirn genügen. Wir könnten vielleicht, wie die Wölfe, den Mond anheulen, weil es uns leid tut, dass wir unseren Mitgeschöpfen Schaden zufügen? Oder doch unsere Anzahl reduzieren? Covid würde helfen, ohne dass sich jemand schuldig fühlen muss...