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Pop-BriefingEs wird nicht alles gut!

«Alles wird gut» wurde den Schweizer Musikern kürzlich von SRF eingeflüstert. Doch es sieht finster aus. Zudem in der Wochenschau: ein sonderbarer Chansonnier, der von uns gegangen ist. Und: Wie klingt Sibylle Bergs Lieblingsmusik?

So sah die französische Yéyé-Bewegung aus: Einer ihrer Stars, Christophe, ist gestorben, seine «Aline» wird indes ewig unvergessen bleiben.
So sah die französische Yéyé-Bewegung aus: Einer ihrer Stars, Christophe, ist gestorben, seine «Aline» wird indes ewig unvergessen bleiben.
Foto: Screenshot Youtube

Das muss man hören

Die verehrungswürdige Sibylle Berg hat ja bekanntlich ein Buch mit dem Titel «GRM» geschrieben und in zahlreichen Interviews erwähnt, dass der Begriff für den britischen Hip-Hop-Zweig Grime steht. Wie dieser Grime im Jahr 2020 klingt, legt Manga Saint Hilare dar: Das etwas in die Jahre gekommene Sub-Genre bringt noch immer knackige und frische Musik hervor, auch wenn die Anleihen ans geistige Grime-Oberhaupt Dizzee Rascal unüberhörbar sind.

Schwierige Zeiten schreien nicht unbedingt nach schwieriger Musik. Da kommt der leichte, sonnige Song der südafrikanischen Singer/Songwriterin Alice Phoebe Lou gerade recht. Es geht um den aparten Themenbereich Liebe und Hexenbabys.

Eine stets gern gehörte Gästin dieser Kolumne ist die amerikanische Teenagerin Ambar Lucid. Nun hat die Tochter eines aus den USA ausgeschafften Mexikaners und einer Dominikanerin ihr zweites Tonwerk veröffentlicht. Eiszapfen-Pop mit herzerwärmenden Refrains.

Wie klingen englische Punks, die als Quell ihrer Inspiration das LCD Soundsystem, Stand-up-Comedy und die Simpsons angeben? Sie klingen wie die bemerkenswerte Gruppe Do Nothing, die gerade eine neue EP auf den Markt gewuchtet hat.

Nun, die Quarantäne führt nicht bloss zu schlechter Laune, sie begünstigt offensichtlich auch ziemlich schlechte Video-Clips: Twerking im Gehölz des eigenen Gartens? Na ja. Doch der Track des britischen Emporkömmlings Br3nya ist weit besser als die visuelle Umsetzung. Er wedelt geschmeidig zwischen Hip-Hop und Ragga und macht auch die Loredana-artige Textarbeit schnell vergessen.

Darüber wird gesprochen

Was sollen Musikerinnen und Musiker in der Krise bloss tun? Die «Alles wird gut»-Durchhalteparole ist längst verhallt, das Warten auf Auftrittsmöglichkeiten könnte länger dauern, als finanziell und psychisch verkraftbar ist.

Erste Epidemiologen sprechen davon, dass kaum mit einem herkömmlichem Konzertbetrieb zu rechnen sei, bevor nicht eine Impfung oder ein funktionierendes Heilmittel erfunden worden ist. Amerikanische Agenturen gehen bereits dazu über, ihre Konzerte nicht auf den Herbst 2020, sondern auf Ende 2021 zu verschieben.

Soll man also Youtube weiter mit Gratisinhalten überschwemmen? Würden sich die Leute das auch anschauen, wenn man es auf einer Bezahl-Plattform bündeln würde? Und: Soll man in diesen Zeiten überhaupt Alben veröffentlichen? Erhalten sie die nötige Aufmerksamkeit, wenn sie sich nicht mit Konzerten promoten lassen? Fragen über Fragen.

Viele Künstlerinnen und Künstler scheinen sich im Moment noch dagegen zu entscheiden. Eine Anfrage beim Verband der heimischen Musiklabels IFPI Schweiz hat ergeben, dass bis Ende März bereits 44 Schweizer Alben verschoben worden sind.

Klitzekleiner Trost: Eine Auftrittsmöglichkeit für sämtliche kulturellen Sparten wird ab heute auf diesem Kanal geboten: «Kulturstream» heisst das Format, in welchem sich Autorinnen, Musiker, Schauspielerinnen, Slam-Poeten u.s.w. austoben dürfen – entweder in Form eines Live-Streams oder eines exklusiv hergestellten Clips von drei- bis zwanzigminütiger Dauer. Die Auftritte finden immer am Dienstag, Donnerstag und Samstag um 18 Uhr statt. Und ja, die Performerinnen und Performer werden dafür finanziell entschädigt.

Das Schweizer Fenster

Eine der erfreulichsten Figuren der Schweizer Musikszene, Emilie Zoé aus Neuenburg, hat ein neues Album veröffentlicht. Ein Werk mit speziellem Hintergrund: 2018 wurde Zoé von einem Filmfestival in La Chaux-de-Fonds eingeladen, einen Live-Soundtrack für einen Film ihrer Wahl zu verfertigen. Zusammen mit ihrem Produzenten Christian Garcia-Gaucher wählte sie den schwedischen Film mit dem hübschen Titel «Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach» aus. Nach dem bejubelten Konzert entschloss man sich, das Ergebnis auf Tonträger zu bannen. Es klingt ein bisschen so, als würde PJ Harvey auf einem Zweig sitzen und über das Leben nachdenken. Oder anders gesagt: Es klingt toll.

Und hier gehts zu unserer Playlist mit empfehlenswerter Schweizer Musik.

Sie sind gegangen

Es scheint, dass die Quarantäne die Menschen ein ganzes bisschen nostalgietrunken macht. Sie posten Bilder aus ihrer Jugend, entsinnen sich jener Alben, welche für ebendiese Jugend den Soundtrack geliefert haben, und bejubeln den 50. Geburtstag des Jahres 1970, weil da ein paar Musiker wilde Dinge taten.

Moraes Moreira war einer, der Anfang der Siebzigerjahre ebenfalls ziemlich wilde Sachen tat und den Soundtrack für ein ganzes Land geschrieben hat. Seine Heimat Brasilien erlebte Anfang der Siebziger politisch die bis dahin schlimmste Zeit: Präsident Médici versuchte mit Folterungen und Tötungen die Opposition zum Schweigen zu bringen, die sich gegen sein Militärregime zu formieren begann. Unliebsame Musiker wurden ins Gefängnis oder ins Exil geschickt.

In diesem unwirtlichen Klima gründete der Musiker Moraes Moreira seine Band Novos Baianos, ein freigeistiges Kollektiv, das bald dazu überging, Psychedelik, Samba, Rock, Choro, Frevo und Bossa Nova wild durcheinanderzurühren. Bald gehörten sie zu den hippsten Vertretern der Tropicalia-Bewegung.

Um die Zensur zu irritieren, packten sie ihre subversiven Ideen in abstrakte Gedichte oder in Kinderverse. Das 1972 entstandene Album «Acabou Chorare» wurde vom «Rolling Stone» gar zum wichtigsten Album der brasilianischen Geschichte erkoren. Am 13. April ist der Sänger und Songwriter der Band, der bis zu seinem Tod an neuer Musik arbeitete, an einem Herzinfarkt gestorben.

Hier eines der schönsten Lieder aus der Feder von Moraes Moreira: «Acabou Chorare» ist getarnt als Lied zur Besänftigung weinender Kinder. In Wirklichkeit ist es ein Aufruf zur Rebellion – der Zensur ist das glücklicherweise entgangen.

Sieben Jahre zuvor, im Jahr 1965, thronte das Lied eines sehr sonderbaren Herrn auf Platz 1 der brasilianischen Hitparade. Er hiess Christophe und himmelte mit relativ dünner Stimme, aber umso geräumigerer Inbrunst eine Dame namens «Aline» an.

Es war einer der ersten Songs, die der Franzose geschrieben hatte, und «Aline» war selbstredend nicht nur in Brasilien ein Grosserfolg, sondern eroberte Europa im Sturm. Christophe erlebte im Zuge des Yéyé-Chanson-Hypes ein Umstyling zum blonden Dandy mit Schnauzer, doch trotz grosser kompositorischer Betriebsamkeit wollte ihm kein Welthit mehr gelingen.

Zwar legte er immer wieder Pausen ein, doch er wurde nie müde, weiter an seinem eigenen Sound zu forschen. So spielte er noch vor vier Jahren einen Song mit dem Suicide-Sänger Alan Vega ein oder kooperierte mit Camille, Sébastien Tellier, Son Lux oder Arno. Am 16. April ist Christophe in einem Pariser Spital an einer nicht näher definierten Lungenkrankheit gestorben.

Auch Hal Willner brachte es in seinem Leben als Musikproduzent auf so einige Bekanntschaften. Der New Yorker war über Jahre der Produzent des Vertrauens von Marianne Faithfull (die sich von ihrer Corona-Erkrankung laut Aussagen von Freunden übrigens recht gut erholt haben soll). Doch die musikalischen Interessen des Mannes waren mannigfaltig. Er produzierte Alben für so unterschiedliche Temperamente wie Lou Reed, Sonic Youth, David Sanborn oder Los Lobos. Und er verhalf dem Virgin-Prunes-Sänger Gavin Friday zu einem fulminanten Solokarrierestart. Am 7. April erlag er den Folgen der Covid-19-Infektion.

Ein schöner Satz ist von Lee Konitz, dem Grossmeister des Altosaxofons, überliefert: Angesprochen auf die hohe Kunst der Improvisation, sagte er: «Meine Art der Vorbereitung besteht darin, nicht vorbereitet zu sein. Und das braucht sehr viel Vorbereitung.»

Lee Konitz war eine der elegantesten Erscheinungen der Jazzmusik: In einer Zeit, in der Leute wie Charlie Parker oder Dizzy Gillespie die Zügel des Swing durchschnitten und ins Halsbrecherische ausuferten, setzte Lee Konitz dem wilden Treiben Anfang der Fünfzigerjahre eine melodiezentrierte Seelenruhe entgegen.

1949 wurde er zu einer Aufnahmesession geladen, welche nicht nur seine Karriere, sondern auch die Jazzmusik in neue Bahnen lenken sollte. Miles Davis besetzte Konitz in seinem Nonett für die Aufnahmen zum Album «Birth of Cool», das indes erst 1957 erschien und den Übergang vom Be-Bop zum Cool Jazz markierte.

Mit dem Begriff Cool Jazz tat er sich ein Leben lang schwer, weil er glaubte, dass damit ein Mangel an Intensität impliziert werde. Diesen Mangel war in der Musik von Lee Konitz nie auszumachen. Nur schaffte er es, die Intensität mit aufreizender Einfachheit zu erzeugen. Lee Konitz starb am 15. April im Alter von 92 Jahren in New York am Coronavirus.

Das Fundstück

Zu was tanzt eigentlich Afrika derzeit? Der kongolesisch-kanadische Musiker Pierre Kwenders hat ein ziemlich tolles DJ-Set für «Boiler Room» eingespielt.

Und so klingt es, wenn Herr Kwenders selber musikalisch zu Werke geht:

Die Wochen-Tonspur

Welche Neuerscheinungen sind uns ins Ohr gestochen? 33 neue Songs sind diese Woche zusammengekommen. Es gibt Neues vom Schwarzmaler Ghostpoet, von den Hip-Hop-Experimentierern Shabazz Palaces und von der unfassbaren Fiona Apple. Die brasilianische Sängerin CéU präsentiert einen neuen Song, und Clap Clap! brechen uns die Tanzbeine.

Jeden Dienstag schreiben unsere Musikredaktoren in dieser neuen Kolumne über Popmusik. Und geben mit einer Spotify-Playlist preis, welche Songs sie hören.

Und hier geht es zur laufend aktualisierten «Chill Soul»-Playlist mit weit über 50 Stunden beseelter Musik aus der ganzen Welt. Bestens geeignet für Deeskalierung in der Quarantäne.