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Fitnessbranche im Lockdown«Es wird ‹räblen› mit Konkursen»

Gyms halten die Kundschaft mit Onlineformaten fit. Wie geht es ihnen dabei? Besuch bei einem trendigen Stadtzürcher Club und bei einem leidenden Olympiasieger.

Nun schaut nur die kleine Kamera zu: Vor dem Lockdown trainierten im Gruppensaal bis zu 30 Sportlerinnen nach Susanne Theofanidis’ Anweisungen.
Nun schaut nur die kleine Kamera zu: Vor dem Lockdown trainierten im Gruppensaal bis zu 30 Sportlerinnen nach Susanne Theofanidis’ Anweisungen.
Foto: Urs Jaudas

Die Uhr im leeren Fitnessstudio zeigt 9.52, als sich Susanne Theofanidis für ihre Doppellektion bereit macht. Kurz darauf fixiert sie die Bügel des Funkmikrofons hinter den Ohren, winkt in die Kamera. «Hoi zäme, könnt ihr mich alle hören?» Dann geht es los mit zwei Einheiten schweisstreibender Bewegungsarbeit.

Normalerweise schaut die Leiterin des Gymfit in Affoltern am Albis einer ganzen Schar von Sportlerinnen und Sportlern in die Augen, während diese die vorgezeigten Übungen nachmachen. Doch normal ist derzeit weit weg. Theofanidis bewegt sich ganz allein im grossen Groupfitness-Saal, die Augen auf die winzige Kamera gerichtet, die von der Studiodecke herunterhängt. Sie ist ihre Verbindung nach draussen, in die Wohnzimmer ihrer Kundinnen.

«Hoi zäme, könnt ihr mich alle hören?»: Viel mehr Kommunikation gibts nicht für Gymfit-Leiterin Susanne Theofanidis.
«Hoi zäme, könnt ihr mich alle hören?»: Viel mehr Kommunikation gibts nicht für Gymfit-Leiterin Susanne Theofanidis.
Foto: Urs Jaudas

So geht Gruppentraining in diesen Corona-Wochen, in denen Fitnesscenter geschlossen bleiben. Seit Mitte Dezember schon und noch mindestens bis Ende Februar. «Das ist Knochenarbeit», sagt Theofanidis. Sie meint nicht die schwierige Situation, in der sie als Centerleiterin steckt, mit Mitarbeiterinnen in Kurzarbeit, mit Lernenden, die sich ohne Kundschaft auf die Lehrabschlussprüfung vorbereiten müssen. Nein, sie spricht von den Onlinelektionen. «Du musst die Trainings komplett mitmachen, zugleich mündlich so genau erklären, dass die Leute praktisch mit geschlossenen Augen mitmachen könnten», sagt sie.

Ungeschminkt im Wohnzimmer mag sich niemand zeigen

Sind die Sportlerinnen im gleichen Raum, sieht sie falsche Bewegungsmuster und kann korrigierend eingreifen – und dabei auch mal etwas durchatmen. Vor der Kamera ist sie hingegen die reine Vorturnerin. Zwar könnten sich ihre Mitturner auf dem Zoom-Call auch zeigen. Doch die meisten schalten die Kamera nur am Anfang für ein kurzes Hallo ein. «Vielleicht wollen sie ihr Wohnzimmer nicht zeigen – oder sie sind noch nicht geschminkt», mutmasst Theofanidis.

«Normalerweise hätten wir im Januar 250 Jahresabschlüsse mit neuen und bestehenden Abos. Jetzt circa ein Viertel.»

Gymfit-Inhaber Sonny Schönbächler

Im Normalbetrieb bietet Gymfit jede Woche 65 Stunden Groupfitness an, das Lockdown-Angebot ist mit ungefähr halb so vielen Livestunden immer noch sehr stattlich. Bislang konnte alle an diesem teilnehmen, der Zoom-Code war frei verfügbar. Ab Februar braucht es dafür ein Abo, 499 Franken für ein halbes Jahr. «Das sind bei zwei Trainings pro Woche gerade mal zehn Franken pro Einheit», rechnet Theofanidis vor. Oder 90 Franken nur für Februar. Die Hoffnung bleibt, dass die Fitnesscenter danach wieder öffnen dürfen.

Vorturnerin Susanne Theofanidis: «Du musst die Trainings so genau erklären, dass die Leute praktisch mit geschlossenen Augen mitmachen könnten.»
Vorturnerin Susanne Theofanidis: «Du musst die Trainings so genau erklären, dass die Leute praktisch mit geschlossenen Augen mitmachen könnten.»
Foto: Urs Jaudas

Für die meisten Fitnesscenter seien diese ersten Monate des Jahres entscheidend, erklärt Gymfit-Inhaber Sonny Schönbächler: «Normalerweise hätten wir im Januar 250 Jahresabschlüsse mit neuen und bestehenden Abos. Jetzt verlängern nur treue, langjährige Kunden – das ist circa ein Viertel, was nicht mal die Unkosten deckt.» Fitnesscenter profitieren seit je von der Hoffnung ihrer Kundschaft auf die bessere Zukunft im neuen Jahr. Sie verkaufen das Gros ihrer Jahresabonnements von November bis Februar und generieren so bis zu 75 Prozent ihres Umsatzes.

«Unserer Branche geht es sehr schlecht. Es wird ‹räblen› mit Konkursen», sagt Schönbächler. Der einstige Skiakrobatik-Olympiasieger fragt sich, welches Konzept «die Leute in Bern» verfolgen. «Warten sie ab, wer in Konkurs geht – und machen dann noch einmal Nothilfe?» In der Fitnessbranche komme es jetzt zu Entlassungen, auch bei ihm. «Und im Hintergrund wartet die Migros, die ihre Chance sieht», verweist er auf den grössten Fitness-Player, der den Markt jetzt schon bestimmt.

Bei den Fitness-KMU menschelt es auch online

Wie gross der Unterschied zwischen einem KMU und einer Kette ist, zeigt sich gerade in den neuen Onlineangeboten. Migros/Activ Fitness hat zwar ebenfalls eine grosse Onlinetrainingsplattform aus dem Boden gestampft, die mit «über 1000 Onlinekursen» wirbt, die Trainings erweisen sich aber als ziemlich generische Videos von deutschen Fitnesstrainern. Der Kontrast zum Gymfit-Training von Sandra Theofanidis, die fast alle ihrer Sportlerinnen kennt, könnte kaum grösser sein.

Livetraining zieht: Über den Tag verteilt werden die Balboa-Trainings 250-mal aufgerufen.
Livetraining zieht: Über den Tag verteilt werden die Balboa-Trainings 250-mal aufgerufen.
Foto: Urs Jaudas

So gross ist die Nähe zu den Liveteilnehmern beim Stadtzürcher Anbieter Balboa Fitness nicht mehr – dafür schwitzen bei ihrem Liveangebot schlicht zu viele Leute mit. Bei den mittäglichen Trainings schalten sich jeweils rund 50 Sportlerinnen und Sportler zu, über den ganzen Tag verteilt sind es rund 250, die nach den Balboa-Vorgaben schwitzen. «Wir hatten schon vor Corona Lust, unsere Leute online zu erreichen», sagt Erich Züger, einer der drei Gründer. «Das Angebot wird über die Pandemie hinaus bleiben, wie das Homeoffice auch.»

Bei Balboa leiden auch die Trainer: Das mache sie irgendwie menschlicher, sagt der Gründer.
Bei Balboa leiden auch die Trainer: Das mache sie irgendwie menschlicher, sagt der Gründer.
Foto: Urs Jaudas

Aufgezeichnet werden die Einheiten im Balboa-Trainingszentrum am Schanzengraben, drei Stockwerke unter dem Boden. Die Trainingskulisse mit Ledersofa suggeriert Wohnzimmeratmosphäre. An diesem Tag leitet Ian Holland-Coulton die Übungen an, seine Balboa-Kollegin Maria Pountou führt sie aus. «Diese Herangehensweise, dass einer das Training absolviert, hat unsere Coaches irgendwie menschlicher gemacht», erklärt Züger, «weil die Leute daheim merkten: Die leiden ja auch!»

Das Konzept funktioniert – erst recht, seit die Trainings wieder live ausgestrahlt werden und nicht mehr zeitversetzt. Die Zugriffszahlen am jeweiligen Ausstrahlungstag sind doppelt so hoch. Züger ist sehr zufrieden mit der Entwicklung des neuen Angebots, sieht darin viel Wachstumspotenzial. Das heisst aber nicht, dass ihm das seit November geschlossene Gym keine Sorgen bereiten würde. «Wir bluten brutal», sagt auch er. «Was wir an Geld verlieren, kann das Onlinetraining niemals wettmachen.»

«Es könnte sein, dass aufgrund der Corona-Massnahmen neuen, innovativen Konzepten früher der Schnauf ausgehen wird als den etablierten Playern.»

Balboa-Mitgründer Erich Züger

Trotzdem macht sich Züger um sein Trainingszentrum unmittelbar keine Sorgen, die Finanzierung für dieses Jahr sei gesichert. Mit Blick auf die ganze Fitnessbranche sieht er das anders: «Es fand zuletzt ein ziemlicher Strukturwandel statt, mit vielen neuen, innovativen Konzepten. Wegen der Corona-Massnahmen könnte es sein, dass diesen früher der Schnauf ausgeht als den etablierten, grossen Playern – obwohl sie zukunftsträchtiger sind.»

Als stünde er daheim im Wohnzimmer: «Spürt ihr es schon?», fragt Trainer Holland-Coulton.
Als stünde er daheim im Wohnzimmer: «Spürt ihr es schon?», fragt Trainer Holland-Coulton.
Foto: Urs Jaudas

Balboa-Trainer Ian Holland-Coulton hat seine Vorturnerin Maria Pountou mittlerweile durchs Aufwärmprogramm geführt. Sie ist schon ziemlich ausser Atem von einer Abfolge von Liegestützen, Handständen und Kettlebell-Übungen. «Spürt ihr es schon?», fragt Holland-Coulton auf Englisch und fügt zur Kamera gerichtet hinzu: «Ich hoffe, ihr spürt es alle!»

Wie er die Übungen anleitet, vermittelt er den Eindruck, als stünde er bei jedem Onlineteilnehmer daheim im Wohnzimmer. Das war im Frühling noch nicht so. «Ich ignorierte die Kamera geradezu», sagt er. Wohl auch darum steht auf einem A4-Blatt, das neben der Kamera hängt, eine Regieanweisung in Grossbuchstaben: «SMILE!»

43 Kommentare
    Jan Dubach

    Fitnesscenter sind in den letzten zehn zwanzig Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. New Lifestyle, ich gehe fitten. Früher war es der Turnverein oder Vita Parcours. Letztere zum Null Tarif und erst noch an der frischen Luft.