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Porträt der HauptdarstellerinWie aus dem «Quick Coffee» die Schweizer Oscar-Hoffnung wurde

Die Deutsche Nina Hoss brilliert im Schweizer Film «Schwesterlein» – mit lauten und sanften Tönen. Das Geschwisterdrama soll die Schweiz im Oscar-Wettbewerb vertreten.

 Sie ist das «Schwesterlein» im neuen Schweizer Film – und noch viel mehr: Nina Hoss.
Sie ist das «Schwesterlein» im neuen Schweizer Film – und noch viel mehr: Nina Hoss.
Foto: Jens Umbach (laif)

«Schwesterlein» ist ein Film über den Tod, ein bekannter Schauspieler ist darin schwer krank. Leukämie. Seine Zwillingsschwester tut alles, um dem Brüderlein zu helfen, zuerst mit einer Knochenmarktransplantation. Dann, als diese nicht anschlägt, mit Schreiben. Als Theaterautorin will sie unbedingt noch ein Stück vollenden, das der Bruder auf der Bühne spielen kann. Wenn er auftritt, muss doch alles gut kommen, oder?

Nina Hoss, 45, spielt das Schwesterlein. Sie tut dies mit totaler Hingabe und doch einer gewissen Distanz. Sie ist einem beim Betrachten ganz nah, aber lässt sich mit nichts in ihrem Tun vereinnahmen. Das Bundesamt für Kultur schickt den Film der Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond für Februar 2021 als Schweizer Beitrag ins Oscar-Rennen um den besten ausländischen Film.

Hoss bleibt in ihrer Rolle überraschend, keck, frech. Kurz: Sie zeigt das, was sie in den letzten Jahren zur begehrtesten deutschen Schauspielerin auf der Bühne und im Film gemacht hat. «Alles fühlte sich in diesem Fall gleich so richtig an», sagt sie jetzt beim Interview in einem Berliner Hotel.

Das Mädchen Rosemarie (1996)

Die Rolle: Die Edelprostituierte Rosemarie gerät in einen Lügenkreis aus Erpressung und Mord – Neuverfilmung eines deutschen Filmklassikers aus dem Jahr 1958.

Ja, es ist wahr: Der deutsche Kino-Tycoon Bernd Eichinger führte im TV-Film selber Regie – und engagierte Nina Hoss von der Schauspielschule weg. Ihr Durchbruch.
Das Mädchen Rosemarie (1996)
Die Rolle: Die Edelprostituierte Rosemarie gerät in einen Lügenkreis aus Erpressung und MordNeuverfilmung eines deutschen Filmklassikers aus dem Jahr 1958.
Ja, es ist wahr: Der deutsche Kino-Tycoon Bernd Eichinger führte im TV-Film selber Regie und engagierte Nina Hoss von der Schauspielschule weg. Ihr Durchbruch.
Foto: Alamy Stock Photo

Dieses «alles» begann vor ein paar Jahren in der deutschen Hauptstadt, im Hinterraum einer Boutique. Dort entdeckten Stéphanie Chuat und Véronique Reymond die Schauspielerin beim Telefonieren. Die beiden Regisseurinnen aus Lausanne arbeiteten in Berlin an einem Drehbuch, das in der Theaterszene angesiedelt war. Sie hatten gerade «Barbara» von Christian Petzold gesehen und träumten davon, dass Nina Hoss die Hauptrolle in ihrem Film spielen könnte. Da stand sie nun plötzlich vor ihnen. Ihr Telefonat dauerte aus der Sicht der Regisseurinnen ewig, aber als sie auflegte, standen sie vor ihr und fragten, ob sie mit ihnen einen Kaffee trinke. D’accord!

Gehen Sie öfter Kaffee trinken mit Menschen, die Sie einfach ansprechen, Frau Hoss? «Natürlich nicht», sagt sie. Sie tat es wegen des Charmes der Schweizerinnen, den sie so erklärt: «Die beiden fragten auf spezielle Art: witzig und ehrlich zugleich. Deshalb sagte ich mir: 15 Minuten Kaffee trinken schadet ja nicht.»

Toter Mann (2002)

 Die Rolle: Nina Hoss spielt eine geheimnisvolle Schöne, die plötzlich verschwindet und anderswo wieder auftaucht. Eine prototypische Rolle in der überaus fruchtbaren Zusammenarbeit mit Regisseur Christian Petzold.

Ja, es ist wahr: Petzold und Hoss drehten noch fünf weitere Filme zusammen – bis jetzt.
Toter Mann (2002)
Die Rolle: Nina Hoss spielt eine geheimnisvolle Schöne, die plötzlich verschwindet und anderswo wieder auftaucht. Eine prototypische Rolle in der überaus fruchtbaren Zusammenarbeit mit Regisseur Christian Petzold.
Ja, es ist wahr: Petzold und Hoss drehten noch fünf weitere Filme zusammen bis jetzt.
Foto: PD

Natürlich war Nina Hoss die Idealbesetzung für diese Rolle. Aus dem «quick coffee» – sie sprachen englisch zusammen – wurden drei Stunden, dann fragte Nina Hoss: «Also, wann drehen wir?» Alle hätten gleich loslegen wollen, aber es ging dann doch noch fünf Jahre, bis das Geld für die Finanzierung aufgetrieben war. «Es hiess bei der Filmförderung, das Theatermilieu ziehe nicht, es erschrecke das Publikum», erzählt die Hauptdarstellerin. Um dann mit ihrem breiten Lachen zu ergänzen: «Wirklich erstaunlich finde ich dabei, was für eine Macht das Theater in diesem Fall haben soll.»

Es ist kein Theaterfilm, gestorben wird schliesslich in jedem Beruf, und grosse Teile von «Schwesterlein» spielen im waadtländischen Leysin, wo die von Nina Hoss verkörperte Figur – sie heisst Lisa – wohnt. Aber es ist eben schon ein Film, der im Theatermilieu verankert ist, gedreht wurde auch an der Berliner Schaubühne, wo Nina Hoss engagiert ist. Und ihr Filmpartner als kranker Bruder ist Lars Eidinger, der dort mit Parforce-Interpretationen von Hamlet und Richard III. bekannt wurde. Er und Hoss kennen sich übrigens aus gemeinsamen Zeiten an der Berliner Theaterschule Ernst Busch. Und werden immer wieder gerne als «Bühnentiere» bezeichnet.

Die weisse Massai (2005)

Die Rolle: Europäerin heiratet Mann aus Kenia – Verfilmung des Bestsellers von Corinne Hofmann über ihr Leben fernab jeglicher Zivilisation.

Ja, es ist wahr: Der Film von Hermine Huntgeburth arbeitet stark mit Schwarzweiss-Klischees – er wurde aber publikumsmässig zum grössten Erfolg von Nina Hoss.
Die weisse Massai (2005)
Die Rolle: Europäerin heiratet Mann aus Kenia – Verfilmung des Bestsellers von Corinne Hofmann über ihr Leben fernab jeglicher Zivilisation.
Ja, es ist wahr: Der Film von Hermine Huntgeburth arbeitet stark mit Schwarzweiss-Klischees – er wurde aber publikumsmässig zum grössten Erfolg von Nina Hoss.
Foto: Alamy Stock Photo

Bühnentier? «Mit diesem Begriff kann ich mich schon identifizieren», sagt Nina Hoss: «denn er bedeutet, dass man auf der Bühne zu Hause ist und dort etwas wagt.» Das müsse aber überhaupt nicht heissen, dass man ständig herumhüpfe und laut schreie. Nein: «Wagen kann man auch ganz zart und leise.»

Das tut sie auch in «Schwesterlein». Das Verrückte dabei: Sie scheint die verschiedensten Gefühle gleichzeitig ausdrücken zu können. Es gibt eine Szene im Spital, der Bruder wurde erneut eingeliefert. Sie telefoniert mit ihrem Ehemann, der glaubt, er sei schuld an diesem Rückfall (weil er den Schwager körperlich überforderte). Ihn versucht sie zu beruhigen. Gleichzeitig ist sie genervt, weil sie einen Kaffee am Automaten rauslassen will, es aber nicht funktioniert. Dann ist sie erfreut, weil ihr ein Unbekannter hilft. Und am Ende bricht die ganze Trauer tränenreich aus ihr heraus.

Medea (2006)

Die Rolle: Parallel zu ihrer Filmkarriere steht Nina Hoss immer wieder auf den bekanntesten (Berliner) Bühnen. Zum Beispiel als unerbittliche Rächerin Medea.

Ja, es ist wahr: Barbara Frey inszenierte den Klassiker von Euripides in Berlin und holte die Aufführung – mit Nina Hoss – später nach Zürich, als sie da Intendantin geworden war.
Medea (2006)
Die Rolle: Parallel zu ihrer Filmkarriere steht Nina Hoss immer wieder auf den bekanntesten (Berliner) Bühnen. Zum Beispiel als unerbittliche Rächerin Medea.
Ja, es ist wahr: Barbara Frey inszenierte den Klassiker von Euripides in Berlin und holte die Aufführung – mit Nina Hoss – später nach Zürich, als sie da Intendantin geworden war.
Foto: PD

So viel aufs Mal und doch eine gewisse Zurückhaltung – wie spielen Sie das, Nina Hoss? «Es geht immer um die Suche nach dem Kern der Szene. Und wenn da ein Widerspruch ist, reizt mich das besonders. Meine Figur will sich zusammenreissen, aber es funktioniert nicht. Wenn dann noch jemand freundlich zu ihr ist, bricht sie total zusammen.» Und diese Gefühlsvielfalt innert kürzester Zeit kriegen Sie einfach hin? Sie zögert. Und sagt dann knapp: «Ne. Es kostet.»

Es kostet. Das glaubt man sofort, auch wenn alles so leicht aussieht. Nina Hoss prägt seit fast drei Jahrzehnten nicht nur deutsche Bühnen, sondern auch den deutschen Film. Wobei diesbezüglich der Name Christian Petzold zentral ist. Sechs Filme haben die beiden gemeinsam gedreht, wenn man eine Top-Ten-Liste der Nina-Hoss-Auftritte zusammenstellen wollte, würden alle dazugehören. Meist spielt sie geisterhafte Wesen, die auftauchen, unfassbar sind und wieder verschwinden.

Barbara (2012)

Die Rolle: Der Höhepunkt in der Zusammenarbeit mit Christian Petzold. Nina Hoss als Ärztin in einem lichtdurchfluteten Film über die dunkle DDR-Vergangenheit.

Ja, es ist wahr: Petzold veranstaltet für seine Darsteller richtige Filmseminare zur Vorbereitung. Hier gabs viel Fassbinder, Chabrol und Howard Hawks’ «To Have and Have Not».
Barbara (2012)
Die Rolle: Der Höhepunkt in der Zusammenarbeit mit Christian Petzold. Nina Hoss als Ärztin in einem lichtdurchfluteten Film über die dunkle DDR-Vergangenheit.
Ja, es ist wahr: Petzold veranstaltet für seine Darsteller richtige Filmseminare zur Vorbereitung. Hier gabs viel Fassbinder, Chabrol und Howard Hawks «To Have and Have Not».
Foto: Alamy Stock Photo

Nina Hoss wurde deshalb gerne als die Muse von Christian Petzold bezeichnet. Der wehrt sich allerdings, sagte zum Beispiel der Zeitschrift «Cicero», Muse sei das falsche Wort: «Musen sind immer halbnackt und irgendwie österreichisch. Nina ist jemand, der zurückschlägt. Und das gefällt mir.»

Das Zurückschlagen hat Nina Hoss wohl zu Hause gelernt. Ihr Vater war Gewerkschafter, später Abgeordneter der Grünen. Ihre Mutter Theatermacherin. Sie hat ein grosses Unrechtsverständnis, wirkt im Gegensatz zu einigen ihrer Figuren nicht abgehoben. «Ich sehe, was auf der Welt geschieht. Und habe keine Angst davor, eine eigene Meinung zu haben», sagt sie.

Homeland (ab 2014)

Die Rolle: Der Gastauftritt in der amerikanischen TV-Serie machte Nina Hoss international bekannt. Sie spielt Astrid, die resolute Ex des CIA-Killers Peter Quinn.

Ja, es ist wahr: Nach 13 Folgen in 3 Staffeln war Schluss –  aber die Macher ehrten Nina Hoss mit einem der ergreifendsten Abgänge der TV-Geschichte.
Homeland (ab 2014)
Die Rolle: Der Gastauftritt in der amerikanischen TV-Serie machte Nina Hoss international bekannt. Sie spielt Astrid, die resolute Ex des CIA-Killers Peter Quinn.
Ja, es ist wahr: Nach 13 Folgen in 3 Staffeln war Schluss aber die Macher ehrten Nina Hoss mit einem der ergreifendsten Abgänge der TV-Geschichte.
Foto: PD

Mit Christian Petzold arbeitet sie gegenwärtig nicht mehr, beide schweigen sich über das – vorläufige? – Ende aus. Nina Hoss ist aber unterdessen längst auch international unterwegs, in der renommierten TV-Serie «Homeland» spielte sie in drei Staffeln eine deutsche Agentin, die heftig in die Intrigen der Geheimdienste verwickelt wird.

Als Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde, war Nina Hoss zu «Homeland»-Dreharbeiten gerade in New York. Anschliessend wollte sie mit dem Schaubühnen-Regisseur Thomas Ostermeier «La voix humaine» von Jean Cocteau auf die Bühne bringen. Trumps Wahl aber hat sie so beschäftigt, dass sie einen anderen Stoff vorschlug: eine Bühnenfassung des Buches «Rückkehr nach Reims» von Didier Eribon, in dem es um die Ratlosigkeit des städtischen, intellektuellen Milieus im Umgang mit der sogenannt rückständigen Provinz geht. Das richtige Stück zur richtigen Zeit.

Return to Montauk (2017)

Die Rolle: Eine New Yorker Anwältin bekommt Besuch von einem ehemaligen Liebhaber aus Europa und fährt mit ihm nach Montauk – frei nach Max Frisch.

Ja, es ist war: Regisseur Volker Schlöndorff sagte im Interview, er habe sich in seine Darstellerin Nina Hoss verliebt – aber sich wie seine Filmhauptfigur neben ihr nur lächerlich gemacht.
Return to Montauk (2017)
Die Rolle: Eine New Yorker Anwältin bekommt Besuch von einem ehemaligen Liebhaber aus Europa und fährt mit ihm nach Montauk frei nach Max Frisch.
Ja, es ist war: Regisseur Volker Schlöndorff sagte im Interview, er habe sich in seine Darstellerin Nina Hoss verliebt – aber sich wie seine Filmhauptfigur neben ihr nur lächerlich gemacht.
Foto: Alamy Stock Photo

Thomas Ostermeier hat übrigens ebenfalls einen Auftritt in «Schwesterlein», er spielt sich selber als berühmter Theaterregisseur. Alles kommt also irgendwie zusammen in diesem Film, aber alles ist speziell, weil ihm die Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond einen ganz eigenen Ton geben können. Bereits in «La petite chambre» haben die beiden vor zehn Jahren ein schweres Thema – der Tod eines alten Mannes – mit leichter Hand präsentiert, ohne die Geschichte zu verharmlosen. Das gelingt ihnen hier noch besser.

Letzte Frage, Frau Hoss: Könnte es wirklich gelingen, als Autorin gegen das Sterben anzuschreiben? «Ich denke, man muss dem Tod auf jeden Fall tatkräftig begegnen. Das ist die viel schönere Vorstellung, als ihn einfach abzuwarten. Alternativ wäre für mich nur: ganz in Ruhe irgendwo sein. Und denken, jetzt ist alles gut. Dann könnte man gehen. Das wäre das Schönste.»

«Schwesterlein»: ab 3. September im Kino