Tipp-Fieber

Toto total – und illegal

Es ist EM-Zeit, und in der Schweiz grassiert das Tippspiel-Fieber. So auch in Zürich. Marcello Bruno ist Toto-Pionier – dass sein Spiel illegal sein könnte, ahnte er lange nicht. Bis die Polizei anklopfte.

Fing bei der WM 94 mit dem Toto an: Veranstalter Marcello Bruno. Foto: Reto Oeschger

Fing bei der WM 94 mit dem Toto an: Veranstalter Marcello Bruno. Foto: Reto Oeschger

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Die Schweiz ist zwar nicht dabei. Wenn der Schiedsrichter aber heute Abend die Fussball-Europameisterschaft mit dem Anpfiff zum Spiel Polen – Griechenland eröffnet, fiebern trotzdem viele Zürcher mit: weil sie gewettet haben.

In der Stadt grassiert das Tipp-Fieber. Lokale wie Mascotte und Z am Park veranstalten Gewinnspiele, das Restaurant Ziegelhütte in Schwamendingen wirbt mit seinem von DJ Promillo organisierten Fussball-Quiz, in Grossraumbüros kursieren selbst gebastelte Tippscheine, «20 Minuten» und Radio Energy haben Spiele auf ihren Websites aufgeschaltet. Und die Studenten der Uni Zürich haben mit ihrem Toto gestern die 1000-Mitspieler-Marke geknackt.

Auch Marcello Bruno ist im Toto-Fieber. Zum zehnten Mal. Der Informatiker aus Dübendorf organisiert seit der WM 94 an jedem Grossturnier ein Tippspiel. «Damals hat alles mit ein paar improvisierten Papiertippscheinen angefangen, die ich an meinem Arbeitsplatz verteilt habe.» Genau 66 Kollegen machten mit.

Heute funktioniert «Marcello's EM-Toto» professioneller. Wer dabei sein will, zahlt zehn Franken auf Brunos Konto ein und gibt einen Tipp auf dessen Website ab. Das Geld wandert in einen virtuellen Pott. Pro richtig getipptem Spiel gibts Punkte, und am Ende des Turniers wird der Pott unter den zehn besten Spielern aufgeteilt. Rund 300 machen jeweils mit, im Topf liegen gegen 8000 Franken. «Zu Beginn habe ich dem schlechtesten Spieler einen Trostpreis gegeben, aber dann haben einige Schlaumeier extra falsch getippt.»

Im Netz verpfiffen

Dass sein Spiel illegal sein könnte, ahnte Marcello Bruno lange nicht. Bis die Polizei ihn eines Tages auf den Posten beorderte. «Ich hatte keine Ahnung, was ich dort sollte. Das Toto kam mir gar nicht in den Sinn.» Doch genau darum ging es: Bruno hatte eben seine erste Tipp-Website zur EM in Belgien und Holland aufgeschaltet. Gleichzeitig war er damals auf Diskussionsforen im Usenet unterwegs, dem Hinterzimmer des Internets, wo sich vor allem Informatiker und Hacker tummeln. «Einer aus dem Forum hat mich bei der Polizei verpfiffen.»

Der Polizist stellte Bruno einige Fragen, dann passierte lange nichts. Schliesslich kam Post vom Statthalteramt des Bezirks Uster. Bruno sei unschuldig, das Verfahren werde eingestellt. Zu Recht, wie auch die Lotterie- und Wettkommission schreibt: Auf Tippspiele sei zwar das Lotteriegesetz anwendbar. Verboten seien aber nur gewerbsmässige Wetten. Und gewerbsmässig sei eine Wette nur dann, wenn der Organisator damit einen Gewinn erziele und sie regelmässig – jede Woche, jeden Monat – veranstalte. «Seither weiss ich: ‹Marcello's Toto› ist nicht illegal», sagt Bruno. Schliesslich zahle er den ganzen Inhalt des Topfs wieder aus.

Der Tipp fürs Tippen

Bleibt die Frage nach der Strategie – wie muss man in einem EM-Toto tippen, um den Jackpot abzuräumen? Einer, der Bescheid weiss, ist Roger Kaufmann. Wenn er an einem Spiel teilnimmt, landet er immer ganz weit vorn, und oft gewinnt er. Kaufmann hat einen Vorteil: Er ist Mathematiker, spezialisiert auf Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik. Auf seiner Website veröffentlicht der Zürcher regelmässig Voraussagen zu laufenden Fussballmeisterschaften und Turnieren.

Für seine Berechnungen mixt er alte Match-Resultate mit dem Heimvorteil und einem Exploit-Faktor für Aussenseiter. «Wie die Fifa-Weltrangliste, nur besser», sagt er. Für die Europameisterschaft lautet seine Analyse: Spanien ist Favorit mit 27,6 Prozent Titelchance. Es folgen die Niederlande mit 16,5 und Deutschland mit 14,2 Prozent. Die früheren Fussballmächte Italien (3,4 Prozent) und Frankreich (3,2 Prozent) sind weit abgeschlagen.

Kaufmann hat ein Auge auf eine andere Mannschaft geworfen: Schweden. «Ein Aussenseiter, aber das von den Buchmachern am meisten unterschätzte Team.» Marcello Bruno kennt die Berechnungen von Roger Kaufmann. Sein Herz schlägt dennoch für Italien. Und in seinem Spiel zähle sowieso nicht das Fachwissen, sondern der Spass. «2010 gewann eine Frau, die nur wenig über Fussball wusste. Das war super!»

Erstellt: 07.06.2012, 22:52 Uhr

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Deutsche Fanmeilen

Auf Zürichs Strassen werden einzelne rot-weiss gewandete Fans anzutreffen sein – dank der stattlichen Anzahl Engländer, Polen und Dänen. Doch sie werden untergehen in der Masse von Fans in weissen Shirts mit drei diskreten diagonalen Streifen in Schwarz-Rot-Gold über der Brust. Mit dem «Kaiser Franz», der neuen Bar im Kreis 4, haben diese einen namhaften Treffpunkt erhalten. Hinter vorgehaltener Hand heisst es, die Deutschen würden auch die Bahnhofstrasse erobern: Sie sollen in der noblen Carlton-Bar mit ihrer Elf mitfiebern, für 15 Franken Eintritt. Ebenso hoch dürfte der Lärmpegel im nahen Pub Paddy Reilly's an der Talstrasse sein, wo sich die wenigen Iren der Stadt versammeln. Und richtig laut wirds an der unteren Langstrasse, wo die Tifosi in ihrer gleichnamigen Bar festen sowie die Spanier in der Toro-Bar – und nach einem Sieg im Korso hupend durch die Langstrasse fahren. Ob sich die Deutschen dieses Jahr dazu hinreissen lassen, wird sich zeigen. Mit einem Korso auf der Bahnhofstrasse hätten sie diese definitiv erobert. (ema)

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