Zum Hauptinhalt springen

Bemerkenswerte KonsequenzenExperiment führt Twitter und Facebook vor

Man stelle sich vor: Jemand twittert exakt das Gleiche wie Donald Trump und wird dafür gesperrt, während der US-Präsident damit durchkommt. Undenkbar? Mitnichten, wie das Social-Media-Experiment eines Amerikaners zeigt.

Twitter ist der beliebteste Kommunikationskanal des US-Präsidenten. Seine Tweets lösen oft heftige Reaktionen aus.
Twitter ist der beliebteste Kommunikationskanal des US-Präsidenten. Seine Tweets lösen oft heftige Reaktionen aus.
Foto: Keystone

Dass US-Präsident Trump den Kurznachrichtendienst Twitter liebt, ist hinlänglich bekannt. Dass er dort auch gerne mal die Grenzen von Anstand und gutem Geschmack verschiebt, ebenfalls. Doch bis vor kurzem kam er immer damit durch, obwohl sein Verhalten auf Twitter seinen Gegnern schon lange ein Dorn im Auge ist.

Immer wieder wird moniert, dass ganz normale Twitter-Nutzer für Trumps Tweets längst suspendiert oder gar ganz gesperrt worden wären, man ihn aber gewähren lasse. Stimmt das? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden, dachte sich wohl der Twitterer Bizarre Lazar und kreierte @SuspendThePres. Mit diesem Konto twittert er wortwörtlich dasselbe wie Donald Trump. Mit bemerkenswerten Konsequenzen.

Erste Sperrung nach nur zwei Tagen

Sein Experiment startete, nennen wir ihn hier einfach mal Lazar, am 30. Mai, und bereits am 1. Juni setzte es von Twitter die erste Verwarnung. Den Tweet mit dem Satz «When the looting starts, the shooting starts», der auch Trump Kritik einbrachte, musste Lazar löschen, zusätzlich wurde @SuspendThePres für zwölf Stunden gesperrt. Die Begründung: Gewaltverherrlichung.

Auch für den US-Präsidenten hatte der Tweet Konsequenzen, wenn auch wesentlich geringere. Der Tweet wurde zuerst verborgen (als erster Tweet des Präsidenten überhaupt) und mit einem Hinweis versehen. Er konnte jedoch nach einem Klick weiterhin gelesen werden. Mittlerweile ist er zwar noch mit einem Hinweis versehen, aber nicht mehr verborgen.

Es ist bislang die einzige Sperrung, die @SuspendThePres provoziert hat.

Am 4. Juni weitete Lazar sein Experiment auf Facebook aus, um zu sehen, wie der zweite Social-Media-Riese mit den provozierenden Inhalten umgeht. Und siehe da, der gleiche Text, der ihm auf Twitter die Kurzsperre einbrachte, bleibt auf Facebook vorerst stehen, obwohl er selbst ihn gemeldet hat.

Nach einer Woche, am vergangenen Donnerstag, meldete sich Facebook doch noch und löschte den Post. Gesperrt wurde die Facebook-Page nicht, Lazar wurde lediglich mit einer Verwarnung belegt. Bei einem weiteren Verstoss droht eine 24-stündige Sperre.

Und hier wird es pikant und abstrus gleichermassen: Trump hatte den gleichen Text auch so auf Facebook gepostet, ohne jegliche Konsequenz. Nachdem Medien über die Verwarnung Lazars auf Facebook berichtet hatten, ruderten die Plattformbetreiber zurück und schalteten den fraglichen Post wieder auf. Bei der Löschung sei ein Fehler unterlaufen. Genauere Angaben zu dem Vorgang machte Facebook nicht.

Twitter misst mit zweierlei Mass – ganz offiziell

Ob eine Sperre auf Twitter in zwei Wochen jetzt viel ist oder nicht, darüber lässt sich streiten. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Donald Trump seit Amtsantritt immer wieder Schlagzeilen mit seinen Tweets macht, stimmt der schnelle «Erfolg» des Versuchs von Lazar nachdenklich. Viele sehen den Beweis erbracht, dass Twitter mit zweierlei Mass misst.

Dass das Unternehmen dies tatsächlich tut, wissen vielleicht nicht viele. Es hat seine Prinzipien im Umgang mit «world leaders» im Oktober 2019 ausformuliert. Dort heisst es, dass Tweets, welche gegen die Twitter-Regeln verstossen, dann stehen bleiben können, wenn ein öffentliches Interesse besteht. Twitter selbst gehe bei der Prüfung eines Tweets nicht auf alle möglichen Interpretationen oder Intentionen des Textes ein. Immerhin, das schreibt das Unternehmen selbst: Die «world leaders» stehen nicht völlig über den Twitter-Regeln (aber tatsächlich etwas, wie der Satz impliziert: «[...] the accounts of world leaders are not above our policies entirely» [Hervorhebung von Twitter]).

Und was sagt der Initiant dazu? Lazar fasst es so zusammen: Auch für Twitter sei die Lage nicht einfach, er persönlich halte es für richtig, derartige Tweets nicht zu löschen, weil das erst einen Diskurs darüber ermögliche. Er sieht in Trumps Tweets auch die Möglichkeit, nachzulesen, was im Präsidenten vor sich gehe.

20 Kommentare
    D. Eugster

    das ist die lang ersehnte Bestätigung Twitter und Facebook sperren und löschen nach Anweisung von Regierungen. In Schweden beispielsweise sind mehrere Fälle bekannt. Genützt haben die Aktionen reichlich wenig, weil die betr. Gruppen einfach unter neuem Namen wieder auftauchten und gleichzeitig die staatliche Zensur publik machten. Insofern ist die Wirkung sogar kontraproduktiv.