Der Final von 1992

Wie die kleine Schweiz das All-Star-Team der USA bedrängte.

Rosset und Hlasek feiern 1992 in Genf gegen Brasilien (5:0) den Finaleinzug.

Das ungleiche Schweizer Duo harmonierte im Davis-Cup 1992 glänzend: Modellathlet Jakob Hlasek war der akribische Arbeiter, Zweimetermann Marc Rosset das launische Genie.

Rosset/Hlasek im Final 1992 in Fort Worth bei der Niederlage gegen McEnroe/Sampras.

Die Amerikaner traten in diesen kalten Dezembertagen in Fort Worth schon vor dem Final auffallend arrogant auf. Nach den Chancen der Schweizer gefragt, sagte Jim Courier lakonisch: «Schöne Weihnachten». Doch bald sollte bei den Gastgebern Unruhe aufkommen. Denn die 1500 Schweizer Anhänger schafften es, diese im Tarrant Convention Center zu überrumpeln. Sie dominierten mit ihren Kuhglocken, Gesängen, Schweizer Fahnen und rotweissen Kleidern die Atmosphäre unter den 11 500 Zuschauern am Freitag klar. «Die Amerikaner waren perplex», erinnert sich Jakob Hlasek, der die Eröffnungspartie gegen Andre Agassi dennoch klar verlor. «Sie wussten nicht, was los war», ergänzt Rosset. «Wir hatten das Gefühl, zu Hause zu spielen. Es war fabelhaft.» Im amerikanischen Verband (USTA) herrschte Alarm. Sogleich wurden Notmassnahmen eingeleitet. 3000 US-Fähnchen wurden aufgetrieben – eine Ladung musste aus Denver eingeflogen werden – und am Samstag unter die Fans verteilt. Diese wurden in den Zeitungen aufgefordert, mehr Lärm zu machen; einige brachten dann sogar Schiffshupen mit.

Der wirkliche Tiefschlag für die grossen Favoriten aber kam am Freitag im zweiten Einzel. Rosset, der damals 22-jährige Genfer mit dem Weltklasseaufschlag und der brillanten Vorhand, hatte den Weltranglistenersten Jim Courier einige Monate vorher schon einmal bezwungen, an den Olympischen Spielen in Barcelona, wo er aus heiterem Himmel die einzige Schweizer Medaille holte, und erst noch Gold. In Texas wiederholte der Zweimetermann den Coup. Er gewann in 4:23 Stunden 6:3, 6:7, 3:6, 6:4, 6:4 und schaffte damit den grössten Einzelsieg der Schweizer Davis-Cup-Geschichte.

Kuhglocken, Gesänge, Fahnen: Schweizer Fans sorgten dafür, dass sich ihr Team am Final 1992 zu Hause fühlte – und irritierten die US-Gastgeber.

Das Tarrant Convention Center in Fort Worth, Texas, beim Final 1992.

Die Nerven der favorisierten Amerikaner lagen blank während des Finals. Jim Courier spuckte beim Seitenwechsel in Richtung Marc Rosset.

Hlasek/Rosset im Final 1992.

«C’est forrrrrmidable»: Captain Dimitri Sturdza unterstützte seine Spieler lauthals. Doch Marc Rosset bekam das einmal in den falschen Hals.

Captain Sturdza redet beim Final-Doppel 1992 aus Rosset und Hlasek ein.

«C’est forrrrmidable, c’est forrrmidable!» Den wiederholten Ausruf Dimitri Sturdzas hat Rosset noch heute in den Ohren. Der gebürtige Rumäne, ein früherer Schweizer Spitzenspieler, sass während des Finals als Captain bei ihm auf dem Court und hatte allen Grund, vom schlaksigen Genfer begeistert zu sein. Rosset selber war allerdings in seinem Einzel von sich vorerst weniger begeistert als Sturdza und Georges Deniau, der Teamchef der Schweizer. «Damals gab es nach drei Sätzen noch eine Pause. Als ich in die Garderobe kam, sagten alle zu mir: ‹Du spielst super...›», erzählt er. «Da begann ich, sie alle zu beleidigen und sagte: ‹Ich liege doch 1:2 Sätze hinten!› Sie schauten ziemlich komisch.» Er hatte im zweiten Satz zwei Satzbälle zur 2:0-Führung vergeben, einen mit einem Doppelfehler. «Ich hätte nie in Rückstand fallen sollen. Nach dieser Pause war ich nur noch motivierter.»

Die Amerikaner waren im Jahr zuvor in Lyon überraschend im Final an Frankreich gescheitert. Eine Heimniederlage gegen die Schweiz lag ausserhalb aller Vorstellungskraft, zumal neben Courier mit Pete Sampras (ATP 3) und Andre Agassi (9) zwei weitere Top-10-Spieler im Team standen und dazu John McEnroe, der erfolgreichste Akteur der amerikanischen Davis-Cup-Geschichte und ein feuriger Verfechter dieses Wettbewerbs. Er war bereits 33 und kam nur noch im Doppel zum Einsatz, an der Seite von Jungstar Sampras, der bereits einmal ein US Open gewonnen hatte (1990). McEnroe sollte zum Aggressivleader seines Teams werden, zum Auslöser der Wende.

Spuckender Courier

Denn auch im US-Team brach Hektik aus. Während der Partie gegen ihn habe Courier in seine Richtung gespuckt, erinnert sich Rosset. «Bei einem Seitenwechsel, als ich vor ihm durchlief, spuckte er erneut – und traf seine eigenen Schuhe...» Der Genfer lacht. Und er lacht noch lauter, als er anfügt: «Das war sympathisch, eine nette Atmosphäre. Mir gefiel das.»

Tennis-Veteran Marc Rosset

«Was bleibt, ist die Niederlage»

Marc Rosset erinnert sich mit Wehmut an die verpasste Chance. Geblieben sind ihm die hitzige Stimmung und die Beleidigungen.

Tennis-Veteran Jakob Hlasek

«Sie kamen unter die Räder»

Jakob Hlasek ist noch immer stolz, dass die Schweizer die grossen Amerikaner verunsichern konnten.

Hlasek erlebte die zunehmende Aggressivität der Amerikaner am Spielfeldrand mit und reagierte weniger gelassen. «Ich war damals mit Courier und McEnroe befreundet», blickt er zurück. «McEnroe steckte gerade in der Scheidung mit Tatum O’Neal, da kenne ich alle Details. Nach dem 1:1 kamen die Amerikaner unter Druck und flippten aus.» Am schlimmsten habe sich Agassi aufgeführt. «Aber dass mir Freunde wie Courier oder McEnroe sagten, ich sei ein Arschloch, schmerzte noch mehr.» Der Zürcher beklagte sich nach dem Doppel an der Pressekonferenz denn auch tapfer über die Unsportlichkeiten. «Ich habe zwar grossen Respekt vor den Amerikanern und ihren Sportlern. Aber ich hätte noch viel mehr, wenn diese auch die anderen mehr respektieren würden», sagte er zu einer perplexen Reporterschar.

Auch der Tessiner Claudio Mezzadri, damals die Nummer 97 der Welt und der dritte Mann im Schweizer Team, hat unschöne Erinnerungen an das Auftreten des amerikanischen All-Star-Teams. «Der einzige, der mich grüsste, war Courier. Die anderen liefen wortlos an mir vorbei. Dabei trainierte ich zu jener Zeit oft mit McEnroe. Speziell er war hypernervös und aggressiv, fast böse.» Und McEnroe begann im vorentscheidenden Doppel am Samstag schlecht. Mit Sampras verlor er gegen Hlasek/Rosset die ersten zwei Sätze im Tiebreak. Seine Miene wurde immer finsterer. Die Unruhe unter den Amerikanern grenzte an Panik, als sich auch im dritten Durchgang ein Tiebreak abzeichnete – als ihnen mit einem Break gegen Rosset im letzten Moment doch noch das 7:5 gelang. In der folgenden Pause spielten sich in der Garderobe einmalige Szenen ab: McEnroe ging auf Sampras los, packte ihn am Kragen und peitschte ihn auf, während die anderen Spieler und Captain Tom Gorman baff zuschauten.

In seiner Biografie «You cannot be serious» gab der New Yorker, der in Fort Worth kein einziges Interview gab, zehn Jahre später Einblicke in sein «inneres Chaos» jener Woche. «Es war mein letzter Davis- Cup, und ich konnte doch nicht mit einer Niederlage abtreten – gegen die Schweiz!», schreibt er. Nach dem dritten Satz sei er derart verärgert und frustriert gewesen, dass fast «Dampf aus meinen Ohren» gekommen sei. «Wir gehen raus und machen ihnen die Hölle heiss», habe er in der Garderobe wie besessen geschrien («let’s kick some ass»), immer wieder, eine Art Kriegsgeheul, bis er heiser gewesen sei. Er und Sampras kamen wie verwandelt zurück auf den Court und holten sich die letzten Sätze 6:1, 6:2. Die USA führte 2:1, der Sturm war vorerst gebändigt.

Werbung

«Da war ich so glücklich wie nie zuvor»: John McEnroe liess der Davis-Cup-Triumph für kurze Zeit seinen Trennungsschmerz vergessen.

Agassi, Courier, McEnroe, Sampras und Captain Gorman mit dem Pokal 1992.

«Wenn ich das 2:2 geschafft hätte, hätte ich gern gesehen, wie Agassi gegen Marc spielt.» Hlasek nach der Niederlage gegen Courier im Final 1992.

Rosset und Hlasek herzen sich nach dem Halbfinalsieg 1992 in Genf.

Jakob Hlasek war damals die Nummer 36 der Welt und nur einen Rang hinter Rosset klassiert. Doch er musste sich am Sonntag von Courier bezwingen lassen, womit er auch seinen dritten Einsatz als Verlierer beendete und der 30. Davis-Cup-Sieg der USA besiegelt war. «Ich war zwar nicht schlecht in Form. Aber ich hatte mir gewünscht, besser zu spielen; man will ja immer in den grössten Momenten sein bestes Tennis zeigen. Das gelang mir nicht, und deshalb war ich von mir enttäuscht», gibt er heute zu. Er führte zwar in drei der vier Sätze gegen Courier mit Breakvorsprung, unterlag aber nach drei Stunden 3:6, 6:3, 3:6, 4:6.

«Wenn ich das 2:2 geschafft hätte, hätte ich gern gesehen, wie Agassi gegen Marc spielt», sagt Hlasek. Rosset hatte Agassi kurz zuvor in Scottsdale besiegt und durfte sich auch gegen ihn Chancen ausrechnen. «Allerdings war ich müde, hatte in zwei Tagen zehn Sätze gespielt, während Agassi lediglich am Freitag 90 Minuten im Einsatz gestanden war», schwächt Rosset heute ab. Die bedeutungslos gewordene fünfte Partie wurde letztlich annulliert.

McEnroes Wechselbad der Gefühle

McEnroe entschuldigte sich am Sonntagabend mit Courier bei den Schweizern für sein Verhalten, es kam sogar zu einer kleinen gemeinsamen Feier. Gerade der New Yorker erlebte in jenen Tagen ein extremes Wechselbad der Gefühle. «Als wir das Doppel gewonnen hatten, sagte Pete zu mir: Ich liebe dich, Mac», schreibt er in seiner Biografie. Als Courier dann Hlasek besiegt hatte, nahm er eine grosse US-Flagge und lief eine Ehrenrunde durchs Stadion. «Da war ich so glücklich wie nie zuvor», steht in seinem Buch. Tags darauf, als er in sein Privatleben zurückkehrte und sich den Trümmern seiner gescheiterten Ehe stellen musste, sei er aber schlagartig wieder trauriger denn je gewesen. «Ich habe nie in meinem Leben so viel geweint.»

Die denkwürdigsten Endspiele des Davis-Cup