Die französischen Musketiere

Gegner Frankreich schöpft aus einer reichen Tennisgeschichte.

Henri Cochet 1931 in Wimbledon.

Ein kleines Logo in Form eines Krokodils kündet noch heute von einer der grössten Erfolgsgeschichten des Tennis und des Davis-Cup: der Ära der vier französischen Musketiere, die das Männertennis zehn Jahre lang eisern im Griff hatten und die «hässlichste Salatschüssel der Welt» sechsmal in Serie gewannen. Dabei hält sich hartnäckig die Fehlinterpretation, René Lacoste, der sich später als Modeschöpfer unsterblich machte, habe seinen Übernamen «Krokodil» damals erhalten, weil er ein ungemein zäher Spieler gewesen sei und seine Beute nie losgelassen habe. Der Begriff «Krokodil» hat sogar Eingang ins Insider-Vokabular des Tennissports gefunden und steht für Grundlinienspieler mit einer nicht sehr attraktiven, eher defensiv ausgerichteten Spielweise, die ihre Gegner erbarmungslos abzunützen pflegen und jeden Ball erlaufen.

In der 1981, 15 Jahre vor seinem Tod, erschienenen Autobiografie «Plaisir du Tennis» erzählt Lacoste, wie es wirklich war. «Ein Journalist aus Boston nannte mich in einem Artikel Alligator, was in Frankreich später zu Krokodil wurde. Allerdings nicht wegen meiner Hartnäckigkeit auf dem Court, sondern wegen eines Missverständnisses.» Dieses sei daraus entstanden, dass er sich einst von seinem Davis-Cup-Captain eine Tasche aus Krokodilleder als Belohnung gewünscht habe für den Fall, dass er eine wichtige Partie gewinnen sollte. «Wir verloren, es gab keine Tasche, aber der Übername blieb», schrieb Lacoste.

Ein Forschender, ein Tüftler

Ein Freund von ihm habe schliesslich das Emblem gezeichnet, das zum Markenzeichen der Firma wurde, die Lacoste noch berühmter machen sollte als alle Tenniserfolge. Und auch die waren aussergewöhnlich. Ehe er im Alter von nur 26 Jahren 1930 aus gesundheitlichen Gründen abtrat, um sich seiner Familie und seiner Berufskarriere zu widmen, löste er den legendären Amerikaner «Big Bill» Tilden als Nummer 1 ab und gewann dreimal in Paris sowie je zweimal in Wimbledon und New York. Der Pariser, der 92 Jahre alt werden sollte, war ein Forschender, ein Tüftler. Als gelernter Ingenieur erfand er eine Ballmaschine, mit der er stundenlang allein seine Technik verbessern konnte, speziell bei den Überkopfbällen. Später kreierte er ein Racket mit Metallrahmen und Tennisbälle aus Kautschuk, die sich allerdings nicht durchsetzen sollten. Doch vor allem: Er führte spezielle Baumwoll- Shirts zum Tennisspielen ein, weil ihm die damalige Sportmode mit langen Hosen und langärmligen Hemden ziemlich ungeeignet schien.

Dank den Erfolgen der vier Musketiere wurde 1928 eine neue Anlage im Südwesten von Paris gebaut. Dort wird noch heute um die «Coupe des Mousquetaires» gespielt.

Brugnon/Borotra 1933 auf dem «heiligen» Rasen von Wimbledon.

Die Franzosen verteidigten den Pokal fünfmal in Serie – von 1928 bis 1932. Jene Helden lancierten mit Suzanne Lenglen Frankreichs Tenniskultur.

Brugnon/Borotra (links) im Final 1933 in Paris gegen die USA.

Lacoste gehörte von 1931 bis 33 als Captain nochmals zum Davis-Cup-Team. Er war etwas narzisstisch veranlagt und sehr von sich überzeugt. Der Franzose Georges Deniau, langjähriger Schweizer Nationaltrainer und Davis-Cup-Teamchef, als die Schweiz 1992 ihren ersten Final erreichte, erzählt in seinem Buch «Des Mousquetaires à Federer», wie schlecht er als damaliger Spitzentrainer in Frankreich von Lacoste behandelt worden sei. Dieser habe ihn zu seinem Verdruss oft kritisiert und ihn einst sogar in sein Luxusappartement beim Bois de Boulogne vorgeladen, zusammen mit zwei anderen Coachs. «Er sprach lange, ruhig und präzis. In 45 Minuten stellte er uns keine einzige Frage. Wir hörten nur zu und sagten schliesslich: Au revoir et merci, M. Lacoste», erzählt Deniau. Auf Lacoste ist der langjährige Coach von Jakob Hlasek denn auch noch immer nicht sonderlich gut zu sprechen, wogegen er von den anderen drei Musketieren fasziniert ist. Henri Cochet bezeichnet er als «Magier», er schwärmt von Jean Borotras Energie und Jacques Brugnons Erzählkünsten.

Lacostes Ruhm als Tennisspieler wurde noch potenziert durch die Erfolge der «vier Musketiere», die in Anlehnung an den 1844 erschienenen Roman «Die drei Musketiere» von Alexandre Dumas so bezeichnet wurden. Dabei ging über die Jahrzehnte allerdings etwas vergessen, dass Lacoste als Spieler nur bei den ersten beiden der sechs Davis-Cup-Triumphe dabei war, die Frankreich zwischen 1927 und 1932 feierte.

«Wie gegen eine Maschine»

Vereinfacht wurde diese Siegesserie durch die Tatsache, dass bis ins Jahr 1972 der Davis-Cup-Titelverteidiger stets nur zum Final anzutreten hatte, gegen den Sieger einer sogenannten Herausforderungsrunde – und dabei erst noch immer Heimvorteil besass. Nachdem die Franzosen 1926 ihren ersten Final in Philadelphia gegen die USA noch verloren hatten, entrissen sie den Amerikanern die Trophäe ein Jahr später an gleicher Stelle mit einem 3:2-Auswärtssieg. Lacoste steuerte zwei Erfolge dazu bei, darunter den entscheidenden gegen Tilden. «Ich hatte das Gefühl, gegen eine Maschine zu spielen», sagte dieser danach.

Nach dem Coup von Philadelphia musste in Frankreich ein geeigneter Ort gefunden werden, um den Davis-Cup 1928 zu verteidigen. In Rekordzeit wurde zu diesem Zweck eine neue Anlage im Südwesten von Paris erstellt, mit einem Centre Court und einer Holztribüne für vorerst 10000 Zuschauer sowie vier Aussenplätzen. Sie erhielt den Namen des Rugbyspielers und Kriegspiloten Roland Garros, da das Land einem benachbarten Rugbyclub gehört hatte. Eröffnet wurde sie in jenem Jahr mit den Französischen Meisterschaften, die seit 1925 Teilnehmern aller Länder offenstanden und noch heute am gleichen Ort stattfinden. Danach konnten die rauschenden Davis-Cup-Festjahre von Paris beginnen: Die Musketiere verteidigten ihren Pokal fünfmal in Folge, stets in Roland Garros, mit vier Siegen gegen die USA und einem gegen Grossbritannien. Die Sause endete 1933 mit einem 2:3 gegen die Briten, die mit Fred Perry und Bunny Austin antraten, während Henri Cochet zum letzten Mal in diesem Wettbewerb zu sehen war und Brugnon/ Borotra nur noch Doppel spielten.

Der fliegende Baske und das Krokodil prägten die Franzosen: Jean Borotra war für seine Energie bekannt, René Lacoste für Erfindergeist.

Borotra/Lacoste sorgen 1928 in Wimbledon für Spektakel.

Cochet stammte aus Lyon und war ähnlich erfolgreich wie Lacoste, mit fünf Titeln in Paris, zwei in Wimbledon und einem in New York, und auch er wurde später die Nummer 1 der Welt. Borotra, der je zweimal in Paris und Wimbledon sowie einmal in Melbourne triumphierte, stammte aus der Gegend von Biarritz und trug den Übernamen «Le Basque bondissant», der «springende Baske». Der energiegeladene Absolvent der Ecole Polytechnique war wie Cochet an allen Davis-Cup-Siegen beteiligt und bekannt für seine Ausdauer. Er bestritt noch als 48-Jähriger ein Doppel in diesem Wettbewerb. Jacques «Toto» Brugnon trat dagegen praktisch nur im Doppel in Erscheinung. Mit einer Bilanz von 22 Siegen in 31 Partien ist er bis heute der erfolgreichste Franzose in dieser Sparte.

Die Musketiere haben Frankreichs Tenniskultur zusammen mit Suzanne Lenglen, der «Göttlichen», lanciert und geprägt. 1976 wurden sie in die Ruhmeshalle aufgenommen, seit 1981 heisst der Siegerpokal in Roland Garros «Coupe des Mousquetaires», es gibt dort eine «Place des Mousquetaires», und auch die vier Haupttribünen des Court Central sind nach diesen vier Spielern benannt. Die tiefsten Spuren hinterliess aber jener, der am wenigsten lange dabei war: das Krokodil.

Die vier Musketiere

Jean Borotra

1898 — 1994
Grand-Slam-Titel: 4*
(Melbourne 1928, Paris 1931, Wimbledon 1924/26)

Jacques Brugnon

1885 — 1978
Grand-Slam-Titel: 0
(10 Titel im Doppel)

Henri Cochet

1901 — 1987
Grand-Slam-Titel: 7*
(Paris 26/28/30/32, Wimbledon 1927/29, New York 28)

René Lacoste

1904 — 1996
Grand-Slam-Titel: 7
(Paris 1925/27/29, Wimbledon 25/28, New York 1926/27)

* Die Meisterschaften von Paris gelten erst seit 1925 als Grand-Slam-Turnier. Die Siege von Cochet 1922 und Borotra 1924 zählen hier nicht.

Eine ungekrönte Generation

Als Yannick Noah 1983 in Roland Garros das French Open gewann, beendete er Frankreichs Warten auf einen Grand-Slam-Sieger nach unendlich scheinenden 37 Jahren. Doch bereits sind wieder 31 Jahre vergangen, ohne dass der inzwischen erfolgreiche Rocksänger einen Nachfolger gefunden hätte – während Davis-Cup-Finalgegner Schweiz in dieser Zeit durch Roger Federer (17) und Stan Wawrinka gleich 18 dieser Titel feiern durfte. Seit den Musketieren gab es ausser Noah ohnehin nur noch zwei weitere französische Grand- Slam-Champions: Marcel Bernard 1946 in Roland Garros und Yvon Petra im gleichen Jahr in Wimbledon.

Dabei fehlte und fehlt es nicht an Kandidaten. In der Profiära stellte Frankreich elf verschiedene Top-10-Spieler und neben Noah vier weitere Grand-Slam-Finalisten. Doch Henri Leconte (Paris 1988), Cédric Pioline (New York 1993 und 97), Arnaud Clément (Melbourne 2001) und Jo- Wilfried Tsonga (Melbourne 2008) blieb allen nur die kleine Trophäe. Richard Gasquet und Gaël Monfils, die zusammen mit Tsonga gern und etwas voreilig als «neue Musketiere» bezeichnet werden, standen noch nicht einmal in einem Majorfinal.

Im besten Tennisalter

Gasquet (28), Monfils (28), Tsonga (29) und Gilles Simon (30) stehen nun bereits im fortgeschrittenen Stadium ihrer Karrieren, aber immer noch im besten Tennisalter. Sie sehen sich einem wachsenden Erwartungsdruck einer nach Erfolgen dürstenden Tennisnation ausgesetzt. Gasquet etwa erschien bereits als Neunjähriger auf der Titelseite des «Tennis Magazine» und erhielt früh das Attribut «Mozart des Tennis». Doch seiner Generation blieb die Krönung bis jetzt versagt, und das auch im Davis-Cup. Simon und Monfils standen zwar bereits in einem Final als Einzelspieler im Einsatz, konnten aber in Belgrad vor vier Jahren den Triumph Serbiens nicht verhindern.

Die neuen Musketiere

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Zwar gewannen lediglich die USA (32) und Australien (28) mehr Davis- Cup-Titel als die Franzosen (9), von denen heute zwecks Steueroptimierung die meisten Spieler in der Schweiz leben, Monfils und Tsonga in der Nähe von Nyon sogar lediglich zwei Kilometer voneinander entfernt. Nach dem letzten Triumph der Musketiere musste die traditionsreiche Tennisnation aber 59 Jahre warten, bis sie 1991 in Lyon wieder einen Sieg feiern konnte. Wieder hiess der Erlöser Yannick Noah, dem diesmal als Captain eine Schlüsselfunktion zukam. Er setzte bedingungslos auf Guy Forget und Henri Leconte, der nur noch auf Rang 159 klassiert war, aber mit einem Sieg über Pete Sampras den Triumph einleitete und auch im gewonnenen Doppel brillierte. Seither holten die Franzosen die Salatschüssel zwar noch zweimal, aber beide Erfolge kamen durch Auswärtssiege zustande, 1996 in Malmö und 2001 in Melbourne. Die letzten zwei Finals als Gastgeber verloren die Franzosen. Umso wichtiger wird für sie der Auftritt in Lille, umso schöner wäre für das Team von Arnaud Clément der Triumph.