Federers schwierige Liebe zum Davis-Cup

Wieso die Passion des Maestros wieder zurückgekehrt ist.

Federer und seine Kollegen beim Auswärtssieg 2014 über Serbien.

Roger Federer war erst 16, als er das Schweizer Davis-Cup-Team als Sparringspartner in Zürich gegen Tschechien erstmals begleiten durfte. Später im Jahr – man schrieb 1998 – war er auch im spanischen La Coruña dabei. Er schaute mit grossen Augen zu, sog alles in sich auf, während sich der elf Jahre ältere Routinier Marc Rosset fürsorglich seiner annahm. «Ich versuchte irgendwie, Rogers grosser Bruder zu sein», sagt der Genfer im Rückblick. Der Olympiasieger von 1992 half mit, dem ungeschliffenen Talent die Liebe zu diesem traditionsreichen Wettbewerb einzuimpfen.

Das war nicht schwierig. «Als Junior träumt doch jeder davon, einmal zu diesem Team zu gehören», sagt Federer im Rückblick. «Der Davis- Cup und ich, das war einmal eine Liebesgeschichte. Am Anfang der Karriere war er für mich das Grösste, und das Debüt gehört zu meinen schönsten Erinnerungen.» Bereits im April 1999 war es für den nun 17-Jährigen so weit. In der Patinoire du Littoral von Neuenburg kam er gegen Italien gleich am Starttag im Einzel zum Einsatz. «Ich dachte, ich würde ihm viele Ratschläge erteilen müssen», erinnert sich Claudio Mezzadri, damals Teamchef und Captain. «Er war jung, unausgeglichen und konnte sich schnell aufregen. Und er hatte noch nie über drei Gewinnsätze gespielt.» Was kam, überraschte den Tessiner: «Er ging völlig entspannt auf den Platz, beobachtete alles und wusste immer, was er zu tun hatte. Alles war ganz einfach.»

«Der Davis-Cup und ich, das war einmal eine Liebesgeschichte. Das Debüt gehört zu meinen schönsten Erinnerungen.»

Mit 17 spielte Federer erstmals im Davis-Cup – und obschon er noch kein Pokerface aufsetzen konnte, nahm er den ganzen Rummel gelassen.

Federer nach seinem Davis-Cup-Debüt 1999 in Neuenburg.

Die Captains kamen und gingen. Und 2001 sorgte Roger Federer für einen Eklat: In Neuenburg forderte er die Absetzung von Jakob Hlasek – er fühlte sich unter ihm als Captain unwohl.

Federer 2003 nach dem Sieg im Viertelfinal gegen Frankreich.

Federer schlug den Italiener Davide Sanguinetti, als Nummer 48 der Welt 75 Ränge vor ihm klassiert, in vier Sätzen. Die Schweiz gewann 3:2 und erreichte – erst zum dritten Mal in ihrer Geschichte – die Viertelfinals. Federers Liebe zum Davis-Cup war entfacht, doch sie sollte vorerst keine grosse Erwiderung erfahren. Schon der zweite Einsatz wurde für ihn zu einem tränenreichen Tiefpunkt. In Brüssel fand er sich gegen Belgien wegen einer Magenverstimmung Rossets bereits in der Rolle des Teamleaders wieder. Dabei wurde er auf einem Sandplatz im ersten Einsatz, gegen Christophe Van Garsse, von Krämpfen und im zweiten, gegen Xavier Malisse, von seinen noch etwas schwachen Nerven gestoppt. «Das war eines meiner dramatischsten Wochenenden. Die Erinnerungen daran gehören zu meinen stärksten im Davis-Cup», sagt er heute. «Ich war noch jung und stand enorm unter Druck.» Eine belgische Zeitung spottete, als die Schweiz besiegt war: «Federer war für uns der Weihnachtsmann.»

Von Captain zu Captain

Der Baselbieter blieb dem Davis-Cup vorerst treu. Sechs Jahre lang verpasste er keine Begegnung, auch wenn auf grosse Siege immer wieder ernüchternde Rückschläge folgten. Schon bald lag die grösste Last auf seinen Schultern, und dazu herrschte oft Unruhe um das Team. «Irgendwann wurden diese Wochen für mich zum Schlimmsten», sagte Federer in diesem Frühjahr in Indian Wells. «Immer gab es Probleme: mit dem internationalen Verband, mit den Captains, mit den Coachs, mit den Spielern, mit der ganzen Intensität. Und früher auch mit Swiss Tennis.»

Das Team durchlebte bewegte Zeiten. 1999 wurde es erstmals von Claudio Mezzadri geführt, der vom Verband nach nur einem Jahr abgesetzt wurde, gegen den Willen der Spieler. Dafür setzte Swiss Tennis den Spielern Jakob Hlasek mit einem Fünfjahrvertrag vor die Nase – und mit diesem verstand sich Federer von Anfang an nicht. Es begann damit, dass der Zürcher das Team klein halten wollte, Federer aber gerne viele Leute um sich hatte. Im ersten Jahr funktionierte die Zweckgemeinschaft noch einigermassen, doch 2001 kam es in Neuenburg gegen Frankreich zum Eklat: Federer fühlte sich inzwischen derart unwohl, dass er noch am Freitagabend, nach einer Niederlage gegen Nicolas Escudé, Hlaseks Absetzung forderte.

Federers Davis-Cup-Karriere in zehn Stationen

Der Zürcher musste gehen, und als neuer Verantwortlicher wurde 2002 Peter Carter, Federers Trainer in späten Juniorenzeiten, verpflichtet. Ein Wunschkandidat. Doch der Australier verstarb nach seinem ersten Einsatz in Moskau auf seiner Hochzeitsreise in Südafrika bei einem Verkehrsunfall. Interimistisch übernahm Federers aktueller Coach Peter Lundgren die Führung – konnte aber wie zuvor Carter nicht als Captain auf den Court, da ihm der Schweizer Pass fehlte. Diese Lücke füllten nun andere Spieler wie Ivo Heuberger oder Marc Rosset, der vom Verband im Jahr darauf als neuer Teamchef eingesetzt wurde. Nur zweieinhalb Jahre später wurde aber auch der Genfer von Swiss Tennis entlassen; «Führungsschwäche» lautete einer der Vorwürfe. Für ihn übernahm Severin Lüthi, der schon 2002 als Assistent zur Mannschaft stiess und der zusammen mit Ivo Werner Ruhe ins Team brachte. Die beiden sind auch jetzt, fast zehn Jahre später, noch immer dabei.

«In jener Zeit wurden einige Captains zu viel verheizt», sagt Federer. 2003 und 2004 – in jenem Jahr wurde er erstmals die Nummer 1 –, integrierte er den Davis-Cup weiterhin konsequent in sein Programm. Doch die vielen Reisen und Belagswechsel erforderten einen unverhältnismässig grossen Aufwand, machten eine sinnvolle Turnierplanung unmöglich und erhöhten das Verletzungsrisiko. Zudem fehlte der Schweiz ein starker zweiter Mann, mit dem Federer höchste Ziele hätte anstreben können: Rosset stand kurz vor dem Rücktritt, Michel Kratochvil war zurückgefallen und oft verletzt, Stanislas Wawrinka noch ein Teenager. 2005 zog Federer die Notbremse und beschloss, diesem Wettbewerb nicht mehr alles unterzuordnen, sondern sich auf die Jagd nach Grand-Slam-Titeln und die Verteidigung der Nummer 1 zu konzentrieren.

Doppelt so viele Einsätze wie Nadal

Seither liess er im Durchschnitt fast jede zweite Begegnung aus. Sechsmal fehlte er in einem Achtelfinal der Weltgruppe – stets verlor die Schweiz. Bis auf zweimal war er aber immer zur Stelle, wenn es im Herbst darum ging, dem Team im Playoff wenigstens einen Platz im Kreis der 16 besten Nationen zu sichern. Nur 2010 und 2013 liess er den Davis-Cup ganz aus. Mit 64 Spielen weist er inzwischen denn auch doppelt so viele Einsätze in diesem Wettbewerb auf wie Rafael Nadal (29), der allerdings bereits in drei Davis-Cup-Endspielen stand und dabei alle seine fünf Einzel (und stets den Titel) gewann. Nur ein Erfolg fehlt Federer noch, um zu Jakob Hlasek aufzuschliessen, der für die Schweiz am meisten Siege sammelte (49).

Lange lastete alles auf Federers Schultern, nun hat die Schweiz endlich zwei absolute Topspieler.

Federer/Wawrinka 2012 bei der Niederlage gegen die USA in Freiburg.

Der Davis-Cup-Sieg ist für Federer überfällig. Er ist längst einer der Erfolgreichsten dieses Wettbewerbs: In den vergangenen 14 Jahren gewann er 35 seiner 38 Einzel.

Lüthi und Wawrinka feiern Federer nach dem Finaleinzug 2014 in Genf.

Roger Federer, der Teamplayer: «Natürlich möchte ich den Davis-Cup gewinnen – aber fast mehr für Stan, für das Team und die Fans, die immer loyal waren.»

Chiudinelli, Federer, Lüthi, Lammer und Bastl – das Team, das auch in Lille ist, posiert im September 2014 in der Konzerthalle in Genf.

Auch dieses Jahr zögerte Federer bis zuletzt, ehe er sich entschloss, Wawrinka in der Woche nach dessen Australian-Open-Sieg in Serbien im Achtelfinal zu unterstützen. Er steht dem Davis-Cup weiterhin etwas skeptisch gegenüber. «Das Konzept ist leider Gottes veraltet. Es ist auch schwierig, mit den Leuten vom internationalen Tennisverband zu kommunizieren. Alles ist sehr festgefahren und bürokratisch», sagte er in Basel. Dabei ist er sich bewusst, dass ihn eine Mitschuld trifft, dass der Stellenwert des Davis-Cups über die Jahre gesunken ist. «Es war sicher nicht hilfreich, dass ich nicht immer spielte. Wenn die Besten fehlen, verliert er an Wert.»

Chiudinelli und Lammer, die Jugendfreunde

Auf einer anderen Ebene bleibt er aber fasziniert von diesem Format, das ihm, dem früheren Fussballer, die Möglichkeit bietet, in einer Gruppe zu leben und als Teamspieler aufzutreten – umso mehr, als neben Stan Wawrinka mit Marco Chiudinelli und Michael Lammer zwei Jugendfreunde zur Mannschaft gehören, mit denen er einst eine Wohnung teilte, und nun sogar der Titel möglich ist. Und wenn er auf dem Feld steht, zählt für Federer ohnehin nur eines: der Sieg. «Natürlich möchte ich den Davis-Cup gewinnen – aber fast mehr für Stan, für das Team und die Fans, die immer loyal waren», sagte er im Frühling. «Wir haben eine Supermannschaft, und das inspiriert mich am meisten zu spielen.»

Inzwischen hätte aber auch Federer im Davis-Cup eine Krönung verdient, ist er doch längst zu einem der erfolgreichsten Spieler von dessen Geschichte avanciert. In den vergangenen 14 Jahren gewann er 35 seiner 38 Einzel, seit 2004 vermochte ihn einzig der Amerikaner John Isner zu bezwingen. Und wer sah, wie er sich freute, nachdem er der Schweiz gegen Fabio Fognini in Genf den ersten Finaleinzug seit 1992 gesichert hatte und auf den Schultern der Teamgefährten durch die Palexpo-Halle getragen worden, für den konnte es keine Zweifel mehr geben: Seine alte Liebe ist wieder aufgeflammt, jetzt, da die Salatschüssel zum Greifen nahe ist.

Seite an Seite: In Lille liefen Federer und Wawrinka zu Hochform auf, zeigten sie ihre wohl beste Doppelpartie überhaupt.

Federer und Wawrinka im Doppel 2012 in Freiburg.
Werbung

Wawrinkas Geduldsprobe

Stan Wawrinka kam schon früh auf den Geschmack: Gleich seine erste Davis-Cup-Reise führte ihn an einen Halbfinal und erstmals nach Australien, nach Melbourne im Herbst 2003. Er war damals 18-jährig und gehörte als Sparringspartner nicht offiziell zum Team. «Aber als ich hörte, dass ich mitreisen durfte, war ich ausser mir vor Freude. Das ist eine der schönsten Erinnerungen meiner Karriere», sagt er. Seine Faszination war geweckt, und sie sollte anhalten. Seit seinem Debüt Ende 2004 in Rumänien verpasste er lediglich eine Davis-Cup-Begegnung, 2007 in Genf gegen Spanien – weil er sich im Abschlusstraining am Innenband verletzt hatte.

Seit dem Debüt 2004 verpasste Wawrinka nur eine Begegnung.

Der 29-Jährige musste sich den Erfolg aber erdauern. Zwar konnte er mit der Schweiz in bisher 22 Begegnungen 14 Erfolge feiern, und auch seine persönliche Bilanz ist nicht schlecht, zumindest im Einzel, wo er 20 von 33 Partien gewann (im Doppel ist sie mit 3:12 desolat). Auf den ersten Sieg in der Weltgruppe musste er aber bis zu diesem Jahr und dem 3:2 in Serbien warten. Alle vorangegangenen Erfolge waren entweder in der Europazone oder in der Auf-/Abstiegsrunde (Playoffs) zustande gekommen. Zuvor hatte Wawrinka zwar schon sechs Achtelfinals bestritten, aber stets hatte seine Equipe verloren (wobei Federer nur einmal dabei war).

So wurde 2014 für Wawrinka denn zu einem Jahr der Premieren: erster Viertelfinal, erster Halbfinal, erster Final... Dabei brachte er die Schweiz im Viertelfinal mit einer unerwarteten Niederlage gegen Andrei Golubew in Genf gegen Kasachstan zwar in Rücklage, konnte am Sonntag mit einem Erfolg über Michail Kukuschkin aber stark reagieren. Im Halbfinal spielte er gegen Fabio Fognini mit einem 6:2, 6:3, 6:2 locker den Punkt zum 2:0 ein. Wawrinka ist im Gegensatz zu Roger Federer durch einen mehrjährigen Botschaftervertrag an Swiss Tennis gebunden, der ihn auch verpflichtet, den Davis-Cup zu bestreiten, was er wohl aber auch freiwillig tun würde.

Zu den aktuellen Davis-Cup-Nachrichten

Texte, Redaktion und Produktionsleitung: Simon Graf, René Stauffer
Produktion: Anna Baumgartner
Videos: Jan Derrer, Sebastian Rieder
Bildredaktion: Andrea Fessler, Boris Müller
Korrektorat: Heinz Girschweiler, Rita Frommenwiler

Art Direction: Sanerstudio.com
Programmierung: Srsly.ch
Projektleitung: Jan Derrer

Impressum

Stabsstelle Digitale Innovation
Michael Marti (Leitung), Jan Derrer, Matthias Saner, Lea Koch, Anja Metzger, Jean-Yves Mertenat

Bilder & Videos

Intro
Salvatore Di Nolfi/Keystone, Filip Singer/Keyston, Tweet Roger Federer, Andy Rain/EPA, Jürgen Hasenkopf/foto-net, Kurt Schorrer/foto-net, Patrick Kovarik/AFP, Walter Bieri/Keystone

Kapitel 1
Paul Zimmer/foto-net, Kurt Schorrer/foto-net, Patrick Aviolat/Keystone, Swiss Academy Biel, Rolf Widmer/Blick Sport, Fabrice Coffrini/AFP

Kapitel 2
Kurt Schorrer/foto-net, Bildarchiv Smash, Patrick Aviolat/Keystone, Ken Geiger/Getty Images

Kapitel 3
Imagno/Getty Images, Philippe Le Tellier/Paris Match via Getty Images, Gamma-Keystone via Getty Images, Edward G. Malindine/Getty Images, AFP, Historische Videos: British Pathé

Kapitel 4
Stringer/Reuters, Martial Trezzini/Keystone, Christophe Ena, Bildarchiv Smash, Laurent Gillieron/Keystone, Marco Benedetti/foto-net, Denis Balibouse/Reuters