«Garderobe als Passepartout»

Yello-Kopf Dieter Meier über seinen Ruf als Stilikone, gut angezogene Schweizer — und warum er mit dem Chef einer Plattenfirma verwechselt wurde.

Dieter Meier, schon seit den Anfangstagen von Yello tragen Sie Anzug. Weshalb?

Das würde ich so nicht unterschreiben. Ich trage nur selten Anzüge, dafür meistens Hosen, Jackett und Hemd. Dieser Stil hat sich über die Jahre entwickelt; ich habe bereits mit Anfang zwanzig einen Kittel getragen, davor Hemd und Krawatte. Der Hintergrund war, dass ich nicht wollte, dass man aufgrund meiner Kleidung darauf schliessen konnte, wer ich bin.

Warum diese Verweigerung?

Meine Garderobe war eine Art Passepartout für meine Erscheinung. Ich konnte damit überall hin, ohne dass man mich auf etwas festlegen konnte. Ich wollte kein Signal geben, dass ich ein Künstler oder Musiker bin. Mit meiner Kleidung wollte ich eine gewisse Anonymität erreichen, und das ist mir auch gelungen.

Stand hinter dieser Garderobe damals schon ein Konzept?

Sagen wir es so: Ich habe diesen Stil zunehmend ästhetisiert. Natürlich habe ich gewisse Akzente gesetzt, aber es war nicht laut, nicht auffällig. Ich wollte kein Dandy sein, der als wandelnde Poesie erkennbar war.

«Ich ziehe mich in Argentinien, wo ich zwei, drei Gauchos begegne, genau gleich an wie zu einem Abendessen in Zürich.»

Gab es eine Zeit, in der Dieter Meier seinen Stil gesucht hat und beispielsweise wie ein Punk oder Gruftie herum lief?

Nein. Ich habe eine Zeit lang Mäntel getragen, das war meine grösste Extravaganz zu jener Zeit. Aber ich war weder Punk, Rock’n’Roller noch sonstwie uniformiert.

Waren Sie als junger Mann modisch interessiert?

Nicht grossartig. Bis heute nicht, eigentlich. Wenn ich Herrenmodemagazine anschaue, frage ich mich oft, wer das tragen soll. Die Kleider kommen mir sehr laut, sehr extravagant vor. Vieles davon würde ich selbst nie anziehen. Ich selbst habe ein paar Schneider, die meine Sachen anfertigen. Es gibt eine grosse Konstanz in meiner Kleidung: Ich habe gerne vernünftige Materialien, ich habe gerne getragene Sachen. Neue Sachen mag ich nicht besonders. Manchmal entdecke ich auf dem Estrich ein altes Jackett, das ich mit grosser Freude wieder trage. Dasselbe gilt für Schuhe.

Trotz Ihres modischen Desinteresses gelten Sie als Stilikone.

Ich muss immer lachen, wenn ich so bezeichnet werde. Meine Tochter hat mir mal eine Liste der am besten angezogenen Männer in der Schweiz gezeigt. Ich war auf Rang drei, im Jahr darauf dann auf Rang fünf oder so. Ich habe ihr gesagt, dass ich meine Zurückstufung eine absolute Gemeinheit fände, weil ich extra ein neues Paar Hosen gekauft hatte.

Unverkennbarkeit kann man Ihrem Stil aber nicht absprechen.

Natürlich ist es so, dass ich in der Kombination meiner Kleidung eine gewisse Stimmigkeit suche. Ich überlege mir schon am Morgen beim Rasieren, was ich am Tag anziehen soll. Je nach Programm kann es ein bisschen ernster oder frivoler sein. Meine Hülle ist zwar nicht zufällig, aber ich will mit ihr auch nicht scheinen. Ich ziehe mich in Argentinien, wo ich vielleicht drei, vier Gauchos begegne, genau so mit Bügelhose, Hemd und Jackett an wie zu einem Abendessen in Zürich. Es ist eine gewisse Präzision, die nichts mit Dandyhaftigkeit zu tun hat.

Garderobe à la Dieter Meier

Blickfang Veston

Einstecktücher peppen den edlen Veston auf. Je nach Style ist die Pochette aus Seide, Baumwolle oder Leinen.

Veston: Tommy Hilfiger Tailored 599.– Pochette: Yves Gerard 39.90

Kombi für den Dandy

Ein Strickgilet wärmt in der Übergangszeit und sieht dazu sehr smart aus.

Gilet: Warren & Parker 109.– Hemd: Eterna 99.90

Von Kopf bis Fuss

Ein eleganter Begleiter für Ihre Reisen, aber auch für den Citytrip.

Panamahut von Yves Gerard Premium 99.90

Casual Chic

Helle Töne sind ein Must für frische Sommerlooks und passen hervorragend zu blauen Vestons.

Hose: Brax 149.–

Stört es Sie, wenn man Sie als Dandy bezeichnet?

Mir ist egal, als was man mich bezeichnet. Viele Leute wissen gar nicht, was ein Dandy genau ist. Für sie ist das eine Art Stadtflaneur, der sich extrovertiert kleidet und nichts tut. Das hat etwas Abwertendes. Doch wer sich mit Dandyismus beschäftigt, weiss, dass dahinter eine bestimmte Definition steckt, von der lediglich gewisse Elemente auf mich zutreffen. Wenn überhaupt.

«Mich stört es, wenn man schreibt, dass ich meine Kunst nicht aufrichtig meine.»

Wie wichtig ist Ihnen die Wahrnehmung Ihrer Person durch die Medien?

Auch das ist mir völlig wurst. Ich habe 250 Songs geschrieben,15 Millionen Platten verkauft und diverse Betriebe aufgezogen, und dennoch wurde ich in einer Schweizer Wochenzeitung kürzlich als «grosser Bluff» betitelt. Das kümmert mich nicht. Wenn man jung ist, ist das anders; da ist man verletzlicher. Mich stört es nur, wenn man schreibt, dass ich alles mit einer gewissen Beiläufigkeit mache. Oder dass ich meine Kunst nicht aufrichtig meine, etwa weil ich aus einer vermögenden Familie stamme.

Welche Rolle spielt Ihr Poschettli bei Ihrer Garderobe?

Ich trage meistens ein weisses Poschettli aus Baumwolle, nicht aus Seide. Es gibt dem Jackett eine Feierlichkeit, etwas Vollendetes. Man sieht mich kaum je mit bunten Tüchern, schon gar nicht mit solchen, die aus dem gleichen Stoff wie die Krawatte sind. Ich mag es, wenn das Boschettli einen kleinen weissen Rand ergibt.

Ein Dandy wollen Sie nicht sein. Wie würden Sie Ihren Stil selbst beschreiben?

Wie soll ich sagen? Vielleicht als «radikales Statement, das nicht als solches zu erkennen ist». Oder besser: Das allenfalls als solches zu erkennen ist. Der schöne Falz und der perfekt sitzende Tschopen ist etwas Wunderbares. Aber man muss ihn erkennen können.

GLOBUS delicatessa verkauft die «Ojo de Agua»-Weine von Dieter Meier

Wer ist für Sie der am besten angezogene Schweizer?

Das ist eine schwierige Frage. Da fällt mir niemand ein. Das ist typisch für mich, denn ich schaue nicht bewusst darauf, wer gut angezogen ist. Man sieht ja viele gut angezogene Männer in Zürich, aber mir fällt wirklich niemand ein.

Vielleicht Boris Blank, Ihr Partner bei Yello?

Boris hat seinen ganz eigenen Stil, das stimmt schon. Er ist sicher ein gut angezogener Mann. Nicht der absolute Wahnsinn – so ähnlich wie ich, würde ich sagen. Er liebt gute Tücher und besonders gute Schuhe, dafür hat er ein Auge. Ja doch, auf Boris Blank können wir uns einigen.

Stimmt es eigentlich, dass man Sie früher oft für den Chef der Plattenfirma und nicht für einen der Musiker gehalten hat?

Ja, das stimmt. Es gab mal eine grosse Polygram-Jahresveranstaltung in Deutschland, an der 300 bis 400 Plattenfirmenmitarbeiter aus der ganzen Welt zu Gast waren. Da gings immer hoch zu und her, es wurde viel getrunken. Nach anderthalb Tagen kam dann der Hoteldirektor zu mir und meinte, ob ich meinen Leuten nicht ein gewisses Limit setzen wolle, wie viel sie auf Rechnung der Firma konsumieren dürfen. Da fragte ich ihn, was das mit mir zu tun haben soll. Worauf er ganz erstaunt meinte: «Sagen Sie bloss, dass Sie hier nicht der Chef sind?!»

Lukas Rüttiman,
Interview