Die Bahnhoferfinder
Gabi Petri und Paul Stopper
vor dem Wipkinger Viadukt
Hier hat sich 1998 der Widerstand
gegen Flügelbahnhof und Verbreiterung
des Viadukts formiert.

Die Spurensuche nach den Müttern und Vätern des neuen Bahnhofs führt zu zwei Hauptpersonen: Gabi Petri, die hartnäckige und gewiefte Taktikerin und Lobbyistin vom VCS, sowie Paul Stopper, der streitbare und unermüdliche Verkehrsplaner.

Von Ruedi Baumann

Mit Bildern von Sabina Bobst

«Wer hats erfunden?» Bei der Kräutermischung von Ricola ist die Antwort einfacher als beim neuen Zürcher Bahnhof. Da gibts viele Köche, Strippenzieher, Dirigenten, Väter und Mütter. Es hält sich zwar die Legende, dass Paul Stopper den Weinbergtunnel in der Beiz mit einem genialen Schwung auf eine Papierserviette gezeichnet habe. Ein Weinbergtunnel stand aber bereits im 19. Jahrhundert beim Ausbau der Nordostbahn zur Diskussion. Und beim Bau der S-Bahn war der Weinbergtunnel nach Oerlikon ebenfalls eine Alternative zu Hirschengraben- und Zürichbergtunnel.

Paul Stopper selber mag sich nicht an eine solche Papierserviette erinnern. Aber schliesslich hatte der kreative Verkehrsplaner aus Uster in den 90er-Jahren auf dem Zürcher Stadtplanungsamt so viel gezeichnet, dass vielleicht auch mal eine Serviette dabei war. Unbestritten ist, dass der heute 67-jährige Stopper 1996 eine Tunnelvariante vom HB via Paradeplatz ans linke Seeufer entworfen hatte.

Geniale Handbewegung

Die planerischen Fantasien angestachelt hatte 1996 das Projekt Bahn 2000 der SBB, das für den Zürcher HB ab 2005 zusätzlich 200 Fernzüge vorsah. SBB, Kanton und Stadt setzten eine geheime Behördendelegation ein, um Ideen für einen Ausbau des Bahnhofs zu finden. Geheim war diese Gruppe, um die restliche Schweiz nicht von Anfang an vor den Kopf zu stossen.

Ende 1996 tauchten die Pläne eines Flügelbahnhofs auf, wie er heute als Provisorium neben der Sihlpost steht. Alternativen waren eine Verlängerung des Flügelbahnhofs über die Sihl hinaus – ebenerdig oder unterirdisch – sowie eine Erweiterung der Hallengeleise auf der Seite des Landesmuseums. Ein neuer Durchgangsbahnhof stand nicht zur Debatte – aus Kostengründen und weil er bis 2005 nicht realisierbar gewesen wäre.

Die geniale Handbewegung von Paul Stopper fand dann im Sommer 1997 doch noch statt – und zwar mit farbigen Computerkabeln auf seinem Schreibtisch im Stadtplanungsamt. Mit den Kabeln erklärte er seiner Zeichnerin seine Idee. Praktisch zeitgleich kam ein weiterer wichtiger Vater der DML auf fast die gleiche Idee: der legendäre und seit zehn Jahren pensionierte NZZ-Bahnjournalist Hans Bosshard. «Bähnli- Bosshard», wie er noch heute genannt wird, geisselte im November 1997 in einem NZZ-Artikel den dubiosen Geheimbeschluss der Behördendelegation und rechnete nach eigenen Tests fein säuberlich nach, wie lange Passagiere vom abseits stehenden Flügelbahnhof zum Hauptbahnhof brauchen würden – nämlich ewig lang! Und er machte erstmals öffentlich den Vorschlag eines unterirdischen Durchgangsbahnhofs.

«Mit einem genialen Strich in der Landschaft ist es nicht getan»

Stopper und Bosshard kennen sich seit 40 Jahren, Freunde waren die beiden Charakterköpfe aber nie. Beide waren immer überzeugt, alles anders und besser zu wissen. Als der Tagi die beiden 2004 porträtierte, weigerte sich der gelernte Eisenbahner Bosshard, mit Stopper fürs gleiche Bild zu posieren. Stopper war von Bosshard masslos enttäuscht, dass dieser die meisten seiner – vielen und langen – Beiträge in der NZZ nicht abdruckte. Und Bosshard sagt von Stopper, dass er ein «mühsamer Chaib» sei, einer, der nie aufgebe «und selbst Zügen nachrenne, die schon abgefahren sind». Beim neuen Durchgangsbahnhof und dem Weinbergtunnel waren sich die beiden Querköpfe aber ausnahmsweise einig. Nur schon deshalb musste diese Lösung das Nonplusultra sein.

Unbestritten ist, wer die Mutter des neuen Bahnhofs sein muss: Gabi Petri, grüne Kantonsrätin, versessene Parkplatzzählerin, Einsprecherin, VCS-Co-Geschäftsführerin und äusserst erfolgreiche Lobbyistin, Strippenzieherin und Initiantin. Kaum eine andere kantonale Politikerin ist so unbequem und unbeugsam wie sie, gar keine andere aber ist so erfolgreich wie Petri. Ihre grossen Stärken spielte sie auch während dieses engen Zeitfensters aus, als es noch möglich war, einen Durchgangsbahnhof statt eines Flügelbahnhofs zu planen.

«Mit einem genialen Strich in der Landschaft ist es nicht getan», sagt Petri – auf Papierserviette oder einem Plan –, «man braucht auch Glück, ein gutes Netzwerk und viel Beharrlichkeit.» Petri gelang es dann, mit der Idee einer Volksinitiative die beiden «mühsamen Chaibe» Stopper und Bosshard zusammenzubringen. Der eine rechnete Steigungspromille aus, der andere trieb das Projekt publizistisch voran. Gleichzeitig formierte sich im Kreis 5 der Widerstand gegen die Verbreiterung des Viadukts von zwei auf vier Spuren. «Verrückt das Viadükt» malten die Anwohner auf Spruchbänder und wehrten sich dagegen, dass künftig Züge direkt an ihren Küchenfenstern vom neuen Flügelbahnhof durch den Wipkingertunnel nach Oerlikon donnern sollten.

Der VCS lancierte 1998 erfolgreich die Volksinitiative für den Durchgangsbahnhof. Petris Meisterleistung: Im Komitee waren alle Parteien vertreten: vom alternativen Niklaus Scherr über FDP-Stadtrat Thomas Wagner und NZZ-Redaktor und FDP-Kantonsrat Andreas Honegger bis zu SVP-Kantonsrat und Bauingenieur Vilmar Krähenbühl. Petri und Stopper waren auch nach Bern gereist, um bei Paul Moser, dem «Mister Bahn 2000», vorzusprechen. Als Petri ihn genug gekitzelt hatte, sagte er: «Unter uns: Logisch wäre ein Durchgangsbahnhof das Beste, wenn wir das Geld dazu hätten.» Petri hat die Gesprächsnotizen aufbewahrt.

Der VCS hatte tiefgestapelt, um die Bürgerlichen ins Boot zu holen.

Die anderthalb Jahre zwischen der Einreichung der Initiative und der Volksabstimmung gehen als «Wunder von Zürich» in die Geschichte ein. Noch selten haben SBB, Initianten und die Behörden von Kanton und Stadt derart gut und speditiv zusammengearbeitet. Besonders erstaunlich: Die tendenziell linken Initianten wurden vom freisinnigen Volkswirtschaftsdirektor Ruedi Jeker sogar links überholt. Petri sagt: «Als Militärkampfpilot hatte Jeker seine ganze Dynamik eingebracht – und er konnte mit dem Bahnhofprojekt die Lorbeeren holen, die ihm beim Flughafen und dem Lärmstreit mit den Deutschen verwehrt blieben.»

Jeker und seine Planer erweiterten den von den Initianten verlangten neuen S-Bahnhof zu einem kombinierten Bahnhof für Schnellzüge und S-Bahn und ergänzten ihn mit den beiden Brücken nach Altstetten. Jeker bezeichnet sich heute als «politischer Küchenchef der DML». Die Projektkosten allerdings verdoppelten sich. Der VCS hatte mit seinem Projekt tiefgestapelt, um auch die Bürgerlichen ins Boot zu holen. 2001 sagten die Zürcher mit 81,9 Prozent Ja zum 1,45-Milliarden-Projekt und zu einem kantonalen Anteil von 580 Millionen. Gabi Petri und Paul Stopper feierten diesen legendären Abstimmungssieg abseits bei den Quartierbewohnern unter den Bögen in Wipkingen.

An einer zweiten Front – heute schon fast vergessen – fochten Gabi Petri und ihr Mann Markus Knauss für den VCS einen weiteren womöglich entscheidenden Kampf aus. Sie wehrten sich mit einer Beschwerde gegen eine übermässige Anzahl Parkplätze der geplanten Gleisüberbauung Eurogate. Der spätere Stadtpräsident Elmar Ledergerber (SP) warf ihnen «einen klaren Missbrauch des Beschwerderechts» vor. Die UBS liess ihr Mammutprojekt 2001 dann aber vor allem aus wirtschaftlichen Gründen – aber auch wegen fehlender Parkplätze – platzen. Den SBB-Planern kam dieser Rückzug nicht ungelegen. Eurogate hätte die heute gebaute Ausfahrt aus dem neuen Bahnhof verunmöglicht.

Zwei harte Köpfe

Der Einfluss von Petri und Stopper Die beiden Bahnhoferfinder Gabi Petri und Paul Stopper gehören zu den einflussreichsten, aber auch umstrittensten Politikern. Die Bauindustrie fürchtet sie wie keine anderen.

Gabi Petri (53) sitzt seit 1991 für die Grünen im Kantonsrat, wo sie als begnadete Bündnispolitikerin gilt. Ihren Ruf als Kämpferin für die Reduktion von unnötigem Verkehr hat sie sich als VCS-Geschäftsführerin mit ihrem Mann Markus Knaus erworben. Beim Streit um Parkplätze in Shoppingcentern – aber auch beim Hardturmstadion – gewannen Petri/Knaus vor Gericht fast durchs Band. Petri ist auch in Bahnprojekten engagiert, so beim Ausbau des Bahnhofs Stadelhofen oder der Strecke Zürich–Winterthur.

Paul Stopper (67) aus Uster wurde 1968 beim Schutz des Flachmoors Glattenried politisiert und studierte an der ETH Bauingenieur und Verkehrsplaner, um die Baumeister mit ihren eigenen Waffen schlagen zu können. Ab 1979 politisierte er im Kantonsrat, zuerst parteilos, dann für den Landesring. Soeben wurde er wieder in den Gemeinderat Uster gewählt. Er wurde in seinem Leben häufig auch abgewählt oder rausgeworfen, zum Beispiel beim Heimatschutz. Es gibt in der Schweiz kaum ein Bahnprojekt – von der S-Bahn bis zur Porta Alpina –, für das Stopper nicht Ideen oder Alternativen beigesteuert hat. Vor allem bei lokalen Bauprojekten, bei denen Natur zubetoniert werden soll, macht er seinem Namen Stopper alle Ehre.