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Kolumne von Laura de WeckFamily Distancing

Eine kleine Familie in Quarantäne versucht, Arbeit zu Hause und Kinderbetreuung zu organisieren.

Wenn der Vater sich um die Tochter kümmert, kann die Mutter ungestört an einer Videokonferenz teilnehmen.
Wenn der Vater sich um die Tochter kümmert, kann die Mutter ungestört an einer Videokonferenz teilnehmen.
Foto: VeaVea, Stocksy United

Anna: Ich halte das nicht mehr aus! Ich halte das nicht mehr aus!

Mathis: So was kann doch mal passieren.

Anna: Nein, das geht nicht!

Mathis: Es tut mir leid...

Anna: Wenn ich eine wichtige Video-Sitzung habe, dann soll die Kleine nicht vor die Kamera laufen!

Mathis: Jeder hat doch dafür jetzt Verständnis!

Anna: Nicht wenn die Kleine nackt ist und schreit, «Mama, ich hab Kacka!»

Mathis: Ich dachte, sie spielt Duplo. Ich habe nicht gesehen, dass sie plötzlich weg war.

Anna: Weil du immer auf dein Handy starrst!

Mathis: Weil ich die Nachrichten lese!

Anna: Die Nachrichten ändern sich doch sowieso nicht. Jeden Tag mehr Infizierte, jeden Tag mehr Tote! Ich kann diese schrecklichen Nachrichten nicht mehr sehen! Ich kann dich nicht mehr sehen!

Mathis: Mich?

Anna: Ja! Ich kann dich nicht mehr sehen!

Mathis: Ich dich auch nicht!

Anna: Ich hab nicht mal mehr Freude daran, die Kleine ständig zu sehen!

Mathis: Ich auch!

Anna: Ich auch!

Mathis: Ich halte diese Social Closeness nicht mehr aus!

Pause

Früher waren wir den ganzen Tag unterwegs, abends haben wir uns aufeinander gefreut.

Anna: Diese was?

Mathis: Social Closeness.

Anna: Diese Nähe?

Mathis: Ja... Oh Gott...

Anna: Was?

Mathis: Ich habs. Das ist es!

Anna: Was?

Mathis: Ich weiss, was uns aus dieser Beziehungskrise rettet.

Anna: Was?

Mathis: Früher waren wir den ganzen Tag unterwegs, abends haben wir uns aufeinander gefreut, vom Tag erzählt, gelacht, einen Wein aufgemacht, obwohl wir am nächsten Tag früh raus mussten. Und jetzt? Kein Rausgehen, kein Freuen, keinen Wein. Wir sind nur noch grausam und ekelhaft zueinander. In China gibt es eine Flut von Scheidungsanträgen seit Lockerung der Quarantäne. Das darf uns nicht passieren. Wir müssen jetzt klare Regeln aufstellen um aus der Krise zu kommen.

Anna: Was für Regeln?

Mathis: Privat Distancing.

Anna: Was?

Mathis: Jeder von uns wird täglich vier Stunden im Arbeitszimmer einzelisoliert.

Anna: Isoliert?

Mathis: Wenn du arbeitest, darf niemand rein. Aber du darfst auch nicht raus.

Anna: Gehts noch?

Mathis: Du hast komplette Ausgangs- und Kontaktsperre. Lockdown.

Anna: Das ist Freiheitsberaubung.

Mathis: Tu es für uns.

Anna: Ich darf doch noch aus dem Arbeitszimmer raus in die Küche?

Mathis: Nein!

Anna: Doch!

Mathis: Nein!

Anna: Doch!

Mathis: Na gut, aber nur wenn du unbedingt, unbedingt aus ganz dringlichen, lebensnotwendigen Gründen aus dem Arbeitszimmer musst. Und dann nur mit zwei Metern Abstand zu uns.

Anna: Zwei Meter? Ich darf der Kleinen auf dem Weg nicht mal einen Kuss geben?

Mathis: Ist der Kuss lebensnotwendig?

Anna. Ich weiss nicht...

Mathis: Küsse sind nicht systemrelevant.

Anna: Vielleicht doch?

Anna: Nicht für das System, in dem ich probiere unser Kind von deiner Videokonferenz fernzuhalten!

Anna: Okay, okay, ich habs kapiert.

Mathis: Also, jeder kriegt vier Stunden täglich strikte Einzelquarantäne, Family Distancing, Isolierung, Ausgangssperre und bei ganz dringendem Kontakt zwei Meter Abstand, einverstanden?