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Gastkommentar zur PandemiepolitikFarbe bekennen für Gesundheit, Gesellschaft und Wirtschaft

Nach einem Jahr Corona in der Schweiz braucht es eine ehrliche Debatte darüber, welche gesundheitlichen und wirtschaftlichen Ziele wir verfolgen. Die Wissenschaft hilft gern, entscheiden muss die Politik.

Der Beizen-Lockdown: Geschlossene Gaststätte im Globus in Bern. Die wirtschaftlichen und sozialen Kosten der Pandemiebekämpfung sind noch nicht einmal ansatzweise bekannt.
Der Beizen-Lockdown: Geschlossene Gaststätte im Globus in Bern. Die wirtschaftlichen und sozialen Kosten der Pandemiebekämpfung sind noch nicht einmal ansatzweise bekannt.
Foto: Franziska Rothenbuehler

Im Gegensatz zum nationalen Pandemie-Schulterschluss im Frühling 2020 ist heute ein politisches Seilziehen im Gang. Der Streit dreht sich um die Frage, wie viele persönliche und wirtschaftliche Einschnitte nötig sind, um Corona in den Griff zu bekommen.

Die Wissenschaft ist dabei gegen Vereinnahmungsversuche nicht gefeit. Die tägliche Flut an Einschätzungen, Schicksalsberichten und Protestbekundungen in den Medien heizt die Stimmung zusätzlich auf. Dazu gehört auch, dass wissenschaftliche Szenarien zu markigen Schlagzeilen aufgeblasen werden. Das trägt aber kaum dazu bei, einen Weg aus der Krise zu finden.

Szenariorechnungen bieten Entscheidungsgrundlagen. Sie sollen der Politik aufzeigen, wie sie die Corona-Pandemie und deren gesamtwirtschaftliche Schäden eindämmen könnte. Szenarien sind aber ausdrücklich keine Prognosen. Dennoch werden sie in der Öffentlichkeit oft als solche wahrgenommen. Dabei ist aber gerade das Ziel solcher Szenarien, dass sie nicht eintreten.

In den letzten zwölf Monaten hat sich die Krise in der Schweiz fortlaufend verändert. Die Wissenschaft hat viele neue Erkenntnisse «on the go» gewonnen – virologisch, medizinisch und ökonomisch.

Bestehende Modelle wurden angepasst, neue entwickelt. Dafür braucht es transparent deklarierte Annahmen. So beispielsweise die epidemiologische Entwicklung der Virusmutation B.1.1.7 in Grossbritannien. Oder die Wertberechnungen aus gewonnenen Lebensjahren durch die Verhinderung von Corona-Todesfällen, wie sie in der Schweiz als anerkannter Richtwert für die Zahlungsbereitschaft bei Unfall- und Gesundheitsrisiken angewendet werden.

Die Art und Weise, wie die Gesellschaft und die Politik mit der Pandemie umgehen, wandelt sich ständig.

In anderen Fällen fehlen Zahlen: etwa bei den psychischen Folgen der Gesundheitskrise oder ihrer Gegenmassnahmen. Auch Kollateralschäden eines Zusammenbruchs der Gesundheitsversorgung haben für Wirtschaft und Gesundheit kaum bezifferbare Folgen. Erst später zeigen sich die gesundheitlichen Schäden der Betroffenen bei den Tausenden Wahleingriffen, die verschoben wurden, um die nötig gewordenen Kapazitäten für Covid-Erkrankte in Spitälern bereitstellen zu können.

Nicht nur ist die Pandemie selbst schwer vorhersagbar. Auch die Art und Weise, wie die Gesellschaft und die Politik mit ihr umgehen, wandelt sich ständig. Im Land der Initiativen und Referenden erleben wir, was öffentliche Kampagnen für die individuelle Wahrnehmung und das Verhalten bedeuten. Aber auch Szenarien führen zu Verhaltensänderungen, die gerade eben ihre Realisierung verhindern – das Präventionsparadox.

Genauso wie es möglichst realistische Szenarien braucht, in denen davon ausgegangen wird, dass Politik und Gesellschaft reagieren, braucht es solche, die aufzeigen, was passieren könnte, wenn man nicht handelt. Voraussetzung hierfür sind aber gesellschaftliche Ziele, mit denen die Wissenschaft arbeiten kann.

Für die nächsten Wochen muss es daher das Ziel sein, dass jeder und jede seine Rolle in der Gesellschaft aufrichtig einnehmen kann.

Ohne Ziele ist es kaum möglich, Strategien auszuarbeiten und Szenarien zu berechnen. In dieser Kombination kann die Wissenschaft einen sachdienlichen Beitrag leisten. Es kann aber nicht ihre Aufgabe sein, diese Ziele zu definieren.

Für die nächsten Wochen muss es daher das Ziel sein, dass jeder und jede seine oder ihre Rolle in der Gesellschaft aufrichtig einnehmen kann. In Bezug auf die Medien wünschte ich mir, dass diese den Kompass und Leitlinien nicht aus den Augen verlieren. Ist es in einer solchen Krise sachdienlich, im News-Tempo Reflexionstiefe zu opfern?

In Bezug auf die politische Arena setzt dies voraus, dass die verschiedenen Stakeholder klar benennen, welche materiellen und menschlichen Opfer sie bereit sind, in Kauf zu nehmen. Welche sind zu kompensieren? Was befindet sich auf den Waagschalen der gesellschaftlichen Güterabwägung? Das ist die relevante Debatte. Farbe bekennen ist angesagt.

7 Kommentare
    Stoklossa Michael

    Man liest gerade ein gutes Buch, über Ethik, Moral und Fairness. Alle die was schreiben, glauben selbst alles zu wissen und sehen vieles nur aus Ihrer Sicht. Dazu kommen Menschen die Fehler machen, falsch beraten werden, oder sind die falschen Köpfe

    am falschen Ort.

    Zumindest hat das Buch geholfen, viele Dinge auch mal aus einer anderen Sicht zu sehen, zumal man selbst viele Dinge ablehnt und anderer Meinung ist.

    Aber das bin halt nur ich u nicht die vielen anderen.