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Studie zu Jugend und InternetFast jeder zweite Teenager wird im Netz sexuell belästigt

Mädchen sind dabei doppelt so oft betroffen wie Buben. Die neue James-Studie zeigt auch, dass Jugendliche deutlich länger chatten und gamen.

Mädchen erleben im Internet rund doppelt so häufig sexuelle Belästigungen wie Buben.
Mädchen erleben im Internet rund doppelt so häufig sexuelle Belästigungen wie Buben.
Bild: Getty Images

Reisen, Ausgehen, Mannschaftssport treiben, Party machen mit Freunden daheim – das können Jugendliche in der Schweiz zurzeit nur beschränkt. Ihr Ausweg? Das Handy. Gemäss der neuen James-Studie nutzen Teenager es dieses Jahr deutlich häufiger, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben. Gleichzeitig surfen sie damit länger im Internet und streamen mehr TV-Serien und Filme.

Die Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Swisscom zeigt alle zwei Jahre, wie junge Menschen in der Schweiz gemäss Selbsteinschätzung ihre Freizeit verbringen. «James» steht für Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz. Befragt werden jeweils rund 1000 Heranwachsende zwischen 12 und 19 Jahren in den drei grossen Sprachregionen. Das sind die wichtigsten Erkenntnisse für dieses Jahr:

Sexuelle Belästigungen nehmen zu

Beinahe die Hälfte aller Jugendlichen – 44 Prozent – wurde im Internet bereits einmal von einer fremden Person mit unerwünschten sexuellen Absichten kontaktiert. Diese Zahl ist deutlich angestiegen. Vor sechs Jahren hatten nur 19 Prozent diese Erfahrung gemacht. Mädchen sind rund doppelt so oft betroffen (55 Prozent) wie Buben (28 Prozent).

Der Jugendmedienschutz-Beauftragte bei der Swisscom, Michael In Albon, warnt vor einer Verharmlosung solcher Fälle. «Natürlich interessieren sich Jugendliche in diesem Alter immer mehr für sexuelle Inhalte. Es ist aber etwas ganz anderes, wenn sie ungewollt damit konfrontiert werden.»

Er rät Eltern sowie Lehrern, mit den Jugendlichen über Verhaltensstrategien zu diskutieren. Dazu gehörten: sich abgrenzen, Nein sagen, Absender blockieren sowie den Vorfall mit ausgewählten Bezugspersonen besprechen.

Der grosse Verlierer 2020 ist Facebook.

Der Handykonsum explodiert

2020 fand die Befragung teilweise während des Lockdown im Frühling statt. Das dürfte das Resultat beeinflusst haben: «Die Jugendlichen mussten öfter zu Hause bleiben und nutzten das Mobiltelefon dafür umso intensiver», sagt Co-Studienleiter Daniel Süss.

Die Untersuchung zeigt, dass Buben und Mädchen ihr Handy unter der Woche täglich über drei Stunden in den Händen halten. Das sind 40 Minuten mehr als vor zwei Jahren. Noch grösser ist der Anstieg am Wochenende, wenn das sonstige Freizeitprogramm fehlt: Dann nutzen Jugendliche ihr Mobiltelefon nach Selbsteinschätzung rund fünf Stunden am Tag – fast zwei Stunden mehr als 2018.

Mädchen kommunizieren, Buben gamen

Die James-Studie stellt deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern fest. Mädchen greifen häufiger zum Handy, um damit Zeit in den sozialen Netzwerken zu verbringen oder um Sprachnachrichten zu verschicken. Sie hören auch öfter Musik und machen mehr Fotos.

Für junge Männer dagegen sind Games und Onlinevideos wichtiger. Zu den meistgespielten zählen die bekannten Lieblinge: «Call of Duty», «Fifa», «Grand Theft Auto», «Minecraft» sowie «Fortnite».

Ein Problem sehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darin, dass «knapp ein Viertel der minderjährigen Gamerinnen und Gamer angibt, regelmässig Spiele zu spielen, die für ihr Alter nicht freigegeben sind». Sie empfehlen Eltern, selbst auch einmal eines der Games auszuprobieren. So können sie die Faszination besser nachvollziehen und sind glaubwürdiger, wenn sie wegen einzelner Aspekte warnen.

Konsolen-Test an einer Game-Messe in Deutschland.
Konsolen-Test an einer Game-Messe in Deutschland.
Foto: Keystone

Facebook ist out

Der grosse Verlierer 2020 ist Facebook: Gerade noch 14 Prozent der 12- bis 19-Jährigen nutzen das soziale Netzwerk regelmässig. Vor sechs Jahren war es noch ihr Favorit.

Angesagt sind heute die Onlinedienste Instagram zum Teilen von Fotos und Videos sowie Snapchat zum Verschicken von Fotos und anderen Medien, die nur eine bestimmte Anzahl Sekunden sichtbar sind. Über 90 Prozent der befragten Heranwachsenden haben bei den beiden Diensten ein Profil. Klar zugelegt in der Beliebtheitsskala hat zudem das Portal für kurze Videoclips, Tiktok. Drei Viertel der Jugendlichen verfügen über einen Account.

Tinder dagegen, die App zur Partnersuche, wird relativ wenig genutzt. Nur ein Viertel der Jugendlichen ist angemeldet, lediglich Einzelne geben an, die App regelmässig zu verwenden.

Problematisch ist, dass die jungen Frauen und Männer weniger darauf achten, ihre Daten zu schützen als noch vor sechs Jahren. «Bei Plattformen wie Instagram und Snapchat ist das Sammeln von Likes wichtig», erklärt der Co-Projektleiter der James-Studie, Gregor Waller. Wer die Privatsphäre besser schütze, sei weniger sichtbar und schränke damit die Möglichkeiten ein, an Likes zu kommen.

Jugendliche lesen immer weniger Zeitung

Publizistische Medieninhalte verlieren weiterhin an Bedeutung. Jugendliche verzichten nicht nur auf Printprodukte, sondern auch auf Onlinezeitungen und -zeitschriften. Lieber informieren sie sich über Suchmaschinen, soziale Netzwerke sowie Videoportale.

Fernsehen ist ihnen ebenfalls weniger wichtig geworden. Gemäss der James-Studie schauen nur noch 64 Prozent regelmässig TV, vor zehn Jahren waren es noch 83 Prozent. Dafür legen Streaming-Dienste für Filme und Serien wie Netflix kontinuierlich zu. Co-Studienleiter Daniel Süss meint: «Jugendliche nutzten vermutlich verstärkt die Angebote von Streaming-Diensten, um sich abzulenken oder um aus der für sie belastenden Realität zu flüchten.»

Die Familie wird wichtiger

Was kaum überraschen dürfte: 2020 unternehmen Junge in der Schweiz weniger mit Freundinnen und Freunden, dafür verbringen sie mehr Zeit mit ihren Familien. Während vor zehn Jahren nur 16 Prozent mehrmals pro Woche mit ihrer Familie etwas machten, sind es heute 29 Prozent.

Das sei aber nicht nur Corona geschuldet, halten die Forscherinnen und Forscher der ZHAW fest. Es entspreche einem längerfristigen Trend, sich mehr daheim einzuigeln. Das zeigt sich auch in der Art der Beschäftigungen: Musizieren, Malen und Basteln werden tendenziell beliebter.

1 Kommentar
    Ralf Schrader

    Wenn man sich in die Jauchegrube setzt, riecht man nach Scheisse. Sog. soziale Medien ohne Mobbing, ohne Übergriffe, sind ausgeschlossen. Denn nur dafür gibt es sie. Soziale Medien sind als Affektventil und Reichweitenverstärker konzipiert.