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Kolumne von Julia WeberFaulheit und Fleiss

Wieso brennen die Lichter im Prime Tower eigentlich die ganze Nacht?, fragt sich unsere Kolumnistin diese Woche.

Es wird langsam Herbst in Zürich. Die Stadt liegt in der Nacht wie ein aufgeräumtes Kinderzimmer. In den frisch gewischten Strassen erste Blätter und ein dicker Stadtfuchs, der den Hecken entlangschleicht. Wenn Fusssohlen sich auf Wiesen legen, gibt es ein Knistern vom trockenen Laub. Und neben mir steht ein Mann, dessen Einzelteile des Gesichts normal scheinen.

Eine Nase, zwei Augen, ein Mund, in diesem sind weisse Zähne zu sehen. Gemeinsam aber ergeben sie ein sehr kompliziertes Ganzes, ein unaufgeräumtes Kinderzimmer, denke ich und staune ihn von der Seite an. Er steht neben mir, in der Hand hält er eine Posaune und wir stehen im Schatten des Prime Tower, sehen seiner Fassade entlang.

Im Inneren des ausrangierten Waggons, neben dem wir stehen, erzeugen Menschen auf aus Blech oder Holz geformten Instrumenten hundert Klänge, entweder blasen sie in das Instrument hinein oder streichen über Saiten, die am Instrument angebracht sind. Und ich frage mich, was für ein wunderbarer Mensch sich wohl die Zeit genommen hat, ein Cello zu erfinden.

Musik ist auch deswegen so erstaunlich, denke ich, weil ein Klang entsteht und sich fortbewegt, durch ein Ohr im nächsten Körper verschwindet und dann wieder fortgeht, sich auflöst. Kein Material, denke ich, nur Gefühl.

Da seien die fleissigsten der Fleissigen noch in ihrer sinnstiftenden Arbeit verschwunden.

Julia Weber

In unseren Händen halten wir ein lauwarmes Bier, der Mann und ich, und um uns die Dunkelheit, in ihr die Lichter der Stadt. Und der Sommer, der in diesem Moment in den unaufgeregten Herbst hineinkippt. Er habe gehört, sagt der Mann mit der Posaune, die erleuchteten Fenster des Prime Tower spiegeln sich in seinem Instrument, sie würden am Abend die Lichter brennen lassen, jeden Abend, damit die Menschen, die am Hochhaus vorübergehen, es von weitem sehen, denken, da seien noch welche über ihren Tisch gebeugt.

Da seien die fleissigsten der Fleissigen noch in ihrer sinnstiftenden Arbeit verschwunden. Die beleuchteten Fenster, sie rufen. Schaut, schaut, ihr solltet auch an der Arbeit sein, dann hättet ihr auch einmal einen erleuchteten Raum, dann könntet ihr auch hier oben sitzen, auf die anderen hinunterblicken.

Wenn er da hochschaue, sagt der Mann, dann komme es ihm vor, als rufe es von oben «Du fauler Kerl» zu ihm hinunter, wenn er nur so in diesem künstlichen Licht der Laternen und dem Licht der erleuchteten Fenster stehe, ein Bier trinke und dieser wunderbaren Musik zuhöre, die nicht schreie, die es vielmehr schaffe, ihn von innen zu berühren.