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Psychologie für die KarriereFiesling an der Spitze

Eine unverträgliche Persönlichkeit gilt als Karrierebeschleuniger. Psychologen halten dagegen: Garstige Menschen haben im Berufsleben nicht nur Vorteile.

Muss man für eine Karriere unnahbar und distanziert sein? Meryl Streep (rechts) spielt in der Filmkomödie «Der Teufel trägt Prada» eine herrische und eisige Chefin einer Modezeitschrift.
Muss man für eine Karriere unnahbar und distanziert sein? Meryl Streep (rechts) spielt in der Filmkomödie «Der Teufel trägt Prada» eine herrische und eisige Chefin einer Modezeitschrift.
Foto: Alamy

Irgendwie müssen Angestellte schliesslich ihren Frust abladen, der sich während der zahlreichen Kränkungen zwischen Kopierer und Konferenzraum aufstaut. Aberernst gemeinte Fragezählt es zu den Voraussetzungen beruflichen Erfolges, ein unangenehmer Mensch zu sein?

Diese Frage bewegt Angestellte und Wissenschaftler gleichermassen – und wer sich die Riege fragwürdig handelnder Führungskräfte so ansieht, beantwortet diese Frage für sich vermutlich automatisch erst mal mit Ja.

«Wir leiden wahrlich nicht an einem Mangel an unangenehmen Trotteln.»

Forscher um Cameron Anderson, University of California, Berkeley

Der Autor Tom McNichol hat das im Magazin «The Atlantic» von einigen Jahren einmal schön auf den Punkt gebracht. In einem Text über Steve Jobs, dessen soziales Verhalten oft mindestens anstrengend gewesen ist, schrieb McNichol: Wer die Biografie des ehemaligen Apple-Chefs lese, könne auf den Gedanken kommen, dass man nur «ein grösseres Arschloch» sein müsse, um so erfolgreich wie Jobs zu werden.

Aber ob das stimmt? «Wir leiden wahrlich nicht an einem Mangel an unangenehmen Trotteln», schreiben Psychologen um Cameron Anderson gleich in der Einführung ihrer Studie, die eine Antwort auf die oben gestellte Frage sucht. Und wie sie im Fachjournal «PNAS» zeigen, haben unverträgliche Persönlichkeiten allen subjektiven Eindrücken zum Trotz keinen besonderen Vorteil auf der Karriereleiter. Auf der einen Seite helfen mit diesem Charaktermerkmal assoziierte Verhaltensweisen – aggressive Dominanz, Selbstsucht, Manipulation – durchaus, um in Unternehmen an Einfluss zu gewinnen.

Auf der anderer Seite, so zeigen die Wissenschaftler, verspielen diese Unsympathischen aber zugleich ihr soziales Kapital bei den Menschen in ihrer Firma: Weil sie in der Regel kaum jemandem helfen, keinesfalls grosszügig auftreten und auch nicht für die Gemeinschaft arbeiten, hemmt dies ihr Streben nach Einfluss.

Beschränkter Einfluss

Schliesslich haben Menschen nur so viel Einfluss innerhalb eines sozialen Gefüges, wie die anderen Beteiligten ihnen zugestehen. Und wer über Leichen geht, steht irgendwann allein auf dem Friedhof. Beide Faktoren löschen einander quasi aus: Was durch den einen Effekt gewonnen wird, geht durch den anderen wieder verloren. «Garstige Individuen schaffen es also genauso oft an die Spitze von Organisationen wie angenehme Menschen», schreiben die Forscher um Anderson von der University of California in Berkeley.

Allerdings hinterliessen diese fürchterlichen Leute eben bleibende Eindrücke, sodass sie einem sehr schnell wieder in den Sinn kämen, wenn man nur kurz über typische Führungskräfte nachdenke. Egal ob in der Wirtschaft, der Politik oder im Kulturleben, irgendein mobbendes, arrogantes, selbstsüchtiges Alphatier falle einem ja sofort ein, so die Psychologen.

«Big Five» der Persönlichkeit

Nun braucht es aber saubere Wissenschaft, um zu klären, ob Unverträglichkeit einen wirklichen Karrierevorteil bietet; Eindrücke helfen da nicht weiter. Die Wissenschaftler setzten dafür zwei prospektive Langzeitstudien auf, ein gehöriger methodischer Aufwand. Die Probanden füllten am Ende ihrer Universitätsausbildung in den Jahren zwischen 1999 und 2008 Persönlichkeitstests aus, in denen unter anderem die sogenannten «Big Five» ermittelt wurden. Diese gelten nach einem gängigen Modell der Psychologie als wesentliche Bausteine eines individuellen Charakters. Die Persönlichkeit eines Menschen lässt sich demnach als Mischung der Dimensionen Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Neurotizismus und Verträglichkeit beschreiben.

Im Jahr 2018 kontaktierten die Forscher die Teilnehmer abermals und überprüften, wie sich die knapp 700 Probanden in ihrem Berufsleben entwickelt hatten. Als entscheidende Variable ermittelten Anderson und seine Kollegen den Einfluss beziehungsweise die Macht, die jemand in einer Firma ausüben kann, und nicht, wie viel Geld jemand verdient. Schliesslich gebe es auch Positionen mit viel Führungsverantwortung, in denen kein besonders hohes Gehalt gezahlt werde, und umgekehrt. Den Einfluss der jeweiligen Probanden in ihren Firmen ermittelten die Psychologen per Selbstauskunft der Studienteilnehmer sowie durch Einschätzungen von deren Mitarbeitern beziehungsweise ihrem sozialen Umfeld.

«Wer kein Sozialkapital bei anderen geniesst, steht bald ziemlich allein da.»

Gerhard Blickle, Universität Bonn

Wer sich zehn oder mehr Jahre zuvor als unverträglicher Mensch entpuppt hatte, landete bis 2018 keinesfalls in verantwortungsvolleren Positionen als weniger unangenehme Charaktere. Die Forscher sprechen von einem Null-Effekt – da sei nichts, weder im Guten noch im Schlechten. Extraversion hingegen entpuppte sich als Karrierefaktor: Diese geselligen, energiegeladenen und extravertierten Menschen verhielten sich zwar durchaus aggressiv-dominant, so Anderson und Kollegen. Aber anders als die Ekelpakete zerstören sie sich ihren Ruf und ihre Anerkennung nicht so rasch durch antisoziales, egoistisches Verhalten. «Die Ergebnisse sind ziemlich plausibel», kommentiert Gerhard Blickle, «denn solche antagonistischen Persönlichkeiten sind nicht nur aggressiv, sondern haben häufig auch einen Mangel an Selbstkontrolle und sozialen Fertigkeiten.»

Garstige Personen haben keine Vorteile

Diese Charaktere gingen auch nicht planvoll, sondern eher spontan in ihrer Karriere vor, sagt der Psychologe, der an der Universität Bonn zu beruflichen Aussichten verschiedener Persönlichkeitstypen forscht. «Und wer kein Sozialkapital bei anderen geniesst, steht bald ziemlich allein da.» Anderson und seine Kollegen konnten zudem zeigen, dass der von ihnen beobachtete Zusammenhang – oder besser: Nicht-Zusammenhang – unabhängig von demografischen Faktoren wirkte. Egal, welches Alter, Geschlecht oder welche Hautfarbe die Probanden hatten, eine garstige Persönlichkeit bot keinen grundsätzlichen Vorteil. Allerdings eben auch keinen systematischen Nachteil, das muss ebenfalls gesagt werden. «Unternehmen besetzen Positionen gleichermassen mit verträglichen und unverträglichen Menschen», sagt Anderson.

Dem gequälten Angestellten in seinem Schmerz hilft das natürlich auch nicht weiter, wenn er sich von seinen Chefs geknechtet fühlt. Also, was ist dran an der Annahme, dass Vorgesetzte tendenziell unangenehmere Menschen sind als solche, die weiter unten auf der Karriereleiter festhängen? «Problematisches Verhalten könnte auch eine Konsequenz davon sein, eine machtvolle Position innezuhaben», sagen die Psychologen. Mit klaren, büroküchentauglichen Worten ausgedrückt: Ein Arsch zu sein, verschafft einem keinen Karrierevorteil; aber Karriere zu machen, kann einen in einen Arsch verwandeln.